Ausstellungsbesprechungen

Französische Meisterwerke (aus Deutschland)

Die drei Punkte im Titel der Ausstellung sind vielsagend, wenn nicht gar trügerisch: Wer in freudiger Erwartung das Haus der Kunst betritt, um die »Meisterwerke« von Poussin, Lorrain, Watteau und Fragonard zu sehen, hat die Auslassungspunkte ignoriert und wird enttäuscht sein – vergleichsweise wenig Exponate stammen wirklich von jenen berühmten Malern, und die präsentierten fallen zum Teil recht klein aus, ganz zu schweigen davon, dass die grandiosen Bilder, die man von besagten Künstlern kennt, ihr Heimatland nie dauerhaft verlassen haben. Anders gewendet sieht das Erlebnis ganz anders aus:

Hat man je neben den vielen nördlichen wie südlichen Niederländern, Italienern, seltener schon den Engländern bewusst auch die Franzosen beim Besuch irgendeines deutschen Museums angemessen wahrgenommen? Freilich – wie angedeutet –, die Meister wird man am Rande gesehen haben, sind zumindest aus den gängigen Kunstgeschichten bekannt oder aus Parisbesuchen vertraut, aber was mag dem Betrachter noch alles begegnen, wenn er gezielt auf die französische Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts stößt? Drei Punkte – heißt das, den Rest kann man getrost vergessen, oder verbergen sich dahinter Entdeckungen, die man nur in einer solchen Epochenschau machen kann, wie sie zur Zeit in München und demnächst auch in Bonn zu sehen ist?

 

Zunächst verdankt sich die Ausstellung der Kennerschaft des Kurators Pierre Rosenberg, ehemals Chef, jetzt Ehrenvorsitzender des Louvre und Mitglied der Académie Francaise. Vor über 20 Jahren organisierte er bereits eine vergleichbare Schau über die französische Malerei in amerikanischen Sammlungen – damals beschränkt auf das 17. Jahrhundert. Nun nahm sich Rosenberg rund 60 deutsche Städte mit ihren Sammlungen vor, sichtete rund 2000 Werke und suchte schließlich etwa 170 Exponate aus, die er zunächst – mit geringfügigen Varianten in der Zusammenstellung – in den Galeries nationales du Grand Palais in Paris zeigte, bevor sie nun Station im Haus der Kunst macht, um anschließend an die Bonner Kunst- und Ausstellungshalle geschickt zu werden, von wo aus das ganze Projekt koordiniert wurde. Die Münchner Präsentation bekommt noch Verstärkung aus dem reichhaltigen Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen: unter anderem je zwei weitere schöne Landschaften von Claude Lorrain, mythische Szenen von Poussin und Ruinenmotive von Hubert Robert.

 

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Dass die zeitlichen Eckdaten nicht beliebig gewählt sind, lässt sich an der deutschen Geschichte ablesen. In der Vorgängerausstellung 1982 stand die klassische Epoche des 17. Jahrhundert im Zentrum, wie sie sich in amerikanischen Museen bot; nun lag die Sichtung der deutschen Sammlungen im Vordergrund, die mit konkreten Herrschern in Verbindung standen, die das Französische an sich zum Maßstab ihres Denkens machten – das waren die Fürstenhöfe und Königshäuser des 17. und 18. Jahrhunderts. Gezielt suchte etwa die Markgräfin Caroline Luise von Baden – immer Boucher und Chardin auf der Wunschliste –; Herzog Christian Ludwig II. von Mecklenburg-Schwerin war zu sittenstreng, um die pikante, leichte Muse der Franzosen zu mögen, stattdessen hatte er Gefallen an den Jagdstücken von Oudry; König August der Starke von Polen (für seine Sammlung in Dresden), die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel, die Mannheimer und bayerischen Kurfürsten sind noch als potente Kunstfreunde zu nennen. Allen voran steht natürlich der preußische König Friedrich II., dessen ganze Lebenswelt französisch geprägt war – der auch Voltaire über Lessing stellte, in den gemalten »Fêtes galantes« Erholung von seinen Regierungsgeschäften suchte und gut und gern 200 Werke aus Frankreich erwarb.

 

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So entfaltet sich in den zwölf (für manche Formate zu großen, für korrespondierenden Begegnungen nicht immer passenden) Sälen im Haus der Kunst die kulturelle Blüte und Pracht der führenden Kunstnation im angegebenen Zeitraum. Dabei sollte das Augenmerk neben den titelgebenden Hauptmeistern – allemal Sternstunden der Kunst – auf die wunderbaren Künstler bzw. Kunstwerke fallen wie Jean-Siméon Chardin, dessen stillen Gemälde singulär in der Kunstgeschichte stehen, oder die grandios inszenierten Bilder Jean-Baptiste Oudrys, die fast schon moderne Sicht auf den Menschen bei George de La Tour. Die Ausstellung ist chronologisch und nach thematischen Schwerpunkten gegliedert – Historien- und Genremalerei kommt genauso »zu Wort« wie die Porträt- und Landschafts- oder die Stilllebenmalerei. Die schönsten Einblicke in das Werk der hierzulande zu wenig bekannten Künstler gewähren Gérard Spaendonck und Sebastian Stoskopff mit herrlichen, ihre Zeit weit hinter sich lassenden Stillleben, die tiefsinnigen Menschenbilder Jean-Baptiste Greuzes und die Porträts von Nicolas de Largillierre, Nicolas Lancrets stimmungsvoll-anekdotische Idyllen und Szenerien. Weniger überzeugend scheinen dagegen die verkappt erotomanischen Mythenfiguren von Jean-Baptiste-Marie Pierre oder die in ähnlich verklemmten Malereien eines Laurent de La Hyre. Aber wer will darüber richten, wo die Gummipuppenästhetik und der sich nahende Realismus, Theatralik und menschliche Daseinstragödie, Maskerade und Demaskierung so nah beieinander lagen. In der Summe gibt die Schau ein wuchtiges Panorama in vielen Facetten wider.

 

Schade ist, dass aus konservatorischen Gründen keine Pastelle in die Auswahl kamen. Keine andere Nation hat hier so Wegweisendes geschaffen wie Frankreich im 18. Jahrhundert. Bedauerlich ist es auch, dass die Plastik unberücksichtigt blieb – da hätte es ohne Frage bedeutende Ergänzungen auch in deutschen Museen gefunden.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Montag–Sonntag 10–20

Donnerstag 10–22 Uhr

 

Eintritt

8,- EURO / erm. 6 EURO; Jugendliche unter 18 Jahren 2,- EURO