Ausstellungsbesprechungen

Frida Kahlo (1907–1954)

Im nächsten Jahr wäre sie 100 Jahre alt geworden: die mexikanische Malerin Frida Kahlo. Seit ihrem frühen Tod 1954 gehört sie zu den Ikonen der jüngeren Kunst- und Kulturgeschichte und ihr Oeuvre zum offiziellen Nationalerbe Mexikos. Und weil im Jubiläumsjahr alle wichtigen Werke Frida Kahlos in Mexiko und den USA gezeigt werden, gibt es jetzt in Deutschland eine vorgezogene Geburtstagsausstellung.

Die Leihgaben stammen überwiegend aus der Sammlung Dolores Olmedo Patiño (Xochimilco, Mexiko), dem größten Privatbestand an ihren Werken; hinzu kommen weitere aus mexikanischen und amerikanischen Sammlungen. Insgesamt werden 34 Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle der Künstlerin aus allen Schaffensphasen gezeigt.

 

Da kein deutsches Museum ein Bild Kahlos besitzt, ist dies seit der letzten Retrospektive vor 13 Jahren die erste Möglichkeit, ihre Kunst in Deutschland im Original zu sehen. (Anm.) Dass Kahlo-Ausstellungen so selten sind, liegt an dem schmalen Oeuvre mit insgesamt nur etwa 280 Bildern und der Tatsache, dass sich ein Großteil der Bilder im Frida-Kahlo-Museum, der Casa Azul in Coyacán, wo sie geboren wurde und starb, befindet, der auf Wunsch ihres Ehemanns Diego Rivera die Grenzen Mexikos nicht verlassen darf.

 

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Die herausragende Ausstellung räumt erstmals mit dem Klischee der permanent leidenden Künstlerin auf, die als Autodidaktin und abgeschnitten von Einflüssen der internationalen Kunst nur das malte, was ihr in ihrem direkten Umfeld begegnete, und eröffnet völlig neue Sichtweisen auf ihre Werke, die erst im internationalen Kontext ihre vollständige Bedeutung und Vielschichtigkeit entfalten. Zu entdecken sind überraschende Beziehungen zu namhaften Künstlern der europäischen Avantgarde ebenso wie zur aztekischen Kunst und indianischen Mythologie. Dazu zeigt das Hamburger Bucerius Kunst Forum rund 20 Werke der europäischen Avantgarde: u.a. von Max Ernst, René Magritte, Otto Dix, Hanna Höch, Meret Oppenheim sowie drei altmexikanische Skulpturen jener Art, wie sie auf einigen Bildern von Kahlo erscheinen.

 

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Diva und Ikone

Frida Kahlo war eine schillernde Persönlichkeit, von der bis heute eine ungebrochene Faszination ausgeht. Seit der „Fridamania“ in den 70ger Jahren wurde sie immer wieder zur Galionsfigur von Ideologien wie Kommunismus oder Feminismus erhoben. „Sie ist die erste Frau in der Kunstgeschichte, die mit absoluter und schonungsloser Aufrichtigkeit, und man könnte sagen, mit gelassener Grausamkeit, diejenigen allgemeinen und besonderen Themen aufgriff, die ausschließlich Frauen betreffen“, brachte es Rivera auf den Punkt.

 

Spätestens seit der Biographie von Hayden Herrera und dem darauf basierenden Kinofilm (2002) mit Salma Hayek in der Hauptrolle ist die Künstlerin auch in Europa äußerst populär, deren extravaganter Stil à la Kahlo sich sogar in Modezeitschriften als Ethnomix wieder findet.

 

Diese geradezu kultische internationale Verehrung beruhte weniger auf der Auseinandersetzung mit ihren Werken als auf ihrer dramatischen Lebens- und Leidensgeschichte. Ihre Bilder, vor allem ihre vielen Selbstbildnisse, wurden fast ausschließlich unter dem Aspekt betrachtet, wie sie die körperlichen und seelischen Verletzungen, die ihr das Leben in jungen Jahren zufügte, verarbeitet und künstlerisch zum Ausdruck gebracht hat; zumal Kahlo ihre Intention in diesem Sinn formuliert hat: „Ich male Selbstporträts, weil ich so oft allein bin und weil ich der Mensch bin, den ich am besten kenne ... Ich weiß nur, dass ich male, weil ich malen muss, und ich male, was mir gerade durch den Kopf geht, ohne dabei etwas anderes zu überlegen ... Ich habe niemals Träume gemalt. Was ich dargestellt habe, war meine Wirklichkeit.“

 

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Natürlich sind Kahlos Bildwelten nicht ohne ihre bewegte Biografie zu verstehen – von allen Seiten ausgiebig beleuchtet und in unzähligen Publikationen veröffentlicht: auf der einen Seite die ambivalente und stürmische Ehe mit dem 20 Jahre älteren linksintellektuellen und berühmtesten Maler Mexikos, Diego Rivera, der durch seine großformatigen Revolutionsfresken berühmt und in Moskau wie Paris gefeiert wurde. Sie waren zweimal verheiratet, und die Ehe hatte mehrere Affären auf beiden Seiten zu verkraften. Auf der anderen Seite die frühe Erkrankung an Kinderlähmung und der schwere Unfall der 18-Jährigen, dem 32 Operationen in 29 Jahren, andauernde Schmerzen, zahlreiche Folgeerkrankungen und lange Phasen, die sie mit Stützkorsett liegend – und malend – im Bett verbrachte, folgten.

Frida Kahlo und die Avantgarde in Europa

Rivera erkannte und förderte schon früh Kahlos Talent. Während eines ersten gemeinsamen Aufenthalts in den USA 1930–33 wie auch später in Paris kam sie mit zahlreichen bedeutenden Künstlern, Museumsleuten, Galeristen und Prominenten –wie André Breton und Marcel Duchamp – in Kontakt, schloss Freundschaft mit den Künstlerinnen Georgia O’Keeffe und Lucienne Bloch.

 

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Viele dieser Einflüsse lassen sich unmittelbar in ihren Bildern ablesen, wie die künstlerische Leiterin des Bucerius Kunst Forums, Ortrud Westheider, in der Ausstellung anhand von anschaulichen Gegenüberstellungen der europäischen Avantgardekünstler nachweist: „Frida Kahlos ins Phantastische gesteigerter Realismus, ihre verstörende Kombination von Motiven, ihre Montagetechniken und Diskontinuitäten – zwischen innen und außen, groß und klein, indigenen und industriellen Elementen – stehen in enger Beziehung zu den europäischen Avantgardebewegungen ihrer Zeit: der Pittura Metafisica, dem Dadaismus, dem Surrealismus und der Neuen Sachlichkeit.“ Tatsächlich erinnern Kahlos frühe Porträts besonders an die von Christian Schad, und viele Elemente in ihren anderen Bildern sind erkennbar etwa von Max Beckmann, Otto Dix, Richard Oelze, Claude Cahun oder Hanna Höch inspiriert.

 

Die Ausstellung ist in sechs Themenkreise gegliedert: Neue Sachlichkeit, Collage und Montage, Frauenmord, Innere Landschaft, Masken und Geöffnete Körper. In der letztgenannten Gruppe ist Kahlos berühmtes Selbstbildnis „Die gebrochene Säule“ zu sehen, in dem sie ihren Körper – kurz nach einer Operation – malträtiert, von Nägeln durchbohrt und in ein Korsett gezwängt präsentiert. Ihr Rückgrat hat sie als antike ionische Säule dargestellt. Das Motiv des geöffneten Körpers – oft in Kombination mit Architektur- oder Technikelementen – korreliert mit Werken von Max Ernst, René Magritte, Salvador Dalí und Giorgio de Chirico. Hier tritt der aufgebrochene menschliche Körper an die Stelle des antiken Torsos und wird zu einer neuen Bildformel für Vergänglichkeit und melancholisches Schöpfertum.

 

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Unter die Kategorie Collage und Montage fällt Kahlos Gemälde „Henry Ford Hospital“, in dem die Malerin ihre Trauer über eine Fehlgeburt und den unerfüllten Kinderwunsch verarbeitete. Sie führte es erstmals auf Metall aus, wie es bei mexikanischen Altarbildern oder Votivtafeln üblich ist. Auf formaler wie inhaltlicher Ebene bediente sie sich charakteristischer dadaistischer und surrealistischer Techniken, bei denen in Form, Größe und Inhalt verschiedene Elemente zu neuen Realitäten zusammengesetzt sind. Sechs verschiedene zeichenhafte Objekte – darunter ein Fötus und eine Orchideenblüte – sind mit roten Bändern verbunden, die in ihrer linken Hand am Bauch der auf dem Bett liegenden Künstlerin zusammenlaufen und an Nabelschnüre oder Adern erinnern. In der Serie „Nichtige Bekenntnisse“ von Claude Cahun und Marcel Moore finden „ähnlich hybride Wachstums- und Verknüpfungsvorgänge“ statt: „Mit unterschiedlichen Interessen, aber vergleichbaren Mitteln befragen Cahun, Moore und Kahlo die vermeintliche Natürlichkeit der Mutterschaft und damit, allgemeiner gefasst, kulturelle Zuschreibungen an den Körper.“ (Dorothee Böhm im Ausstellungskatalog)

 

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Auch Rivera betonte die surrealen Aspekte dieses Selbstbildnisses: „Einsam im mechanisierten Raum, sieht sie weinend von ihrer Liege aus, dass der Lebens-Fötus nur scheinbar eine Blüten-Maschine, eine langsame Schnecke, Gliederpuppe und ein Knochengestell ist, dass er im Grunde eine Phantasie-Vernunft ist, etwas, das schneller als das Licht reist ... Nie zuvor hat eine Frau ihre tiefempfundene Qual so poetisch transformiert und auf die Leinwand gebracht.“

 

Mit dieser Ausstellung, die erstmals eine kunsthistorische Einordnung von Frida Kahlos Oeuvre unternimmt und zeigt, in welchem Maße ihr Interesse für die europäische Avantgardekunst auch die eigene Malerei vorantrieb, ist es Ortrud Westheider gelungen, eine Forschungslücke zu schließen.

 

Anm.: Neben der Retrospektive 1993 in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigte der Hamburger Kunstverein bereits 1982 eine Schau über Frida Kahlo und Tina Modotti. Im europäischen Ausland gab es zuletzt 2005 zwei monografische Ausstellungen: in der Tate Modern in London, die sich als „visuelle Biografie“ der Künstlerin verstand und damit auch erstmalig ihre Werke in den Mittelpunkt stellte, und in der Fundación Caixa Galicia in Santiago de Compostela.

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Übrigens ist Hamburg in diesem Sommer erste Wahl für alle, die sich speziell für Kunst von Frauen interessieren. Noch zwei weitere Ausstellungen beschäftigen sich hier mit den Werken von Malerinnen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: In der Galerie Herold läuft noch bis zum 8. Juli eine Schau über die „Künstlerinnen in Hamburg 1900-1950“ und die Hamburger Kunsthalle widmet sich in einer zeitlich zweigeteilten Ausstellung den Werken von zwölf Künstlerinnen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Zeit des Nationalsozialismus in der Hansestadt gewirkt haben: „Künstlerinnen der Avantgarde in Hamburg zwischen 1890 und 1933“, Teil I noch bis 20. August und Teil II vom 3. September bis 12. November 2006.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
täglich 1119 Uhr, Do 11–22 Uhr

 

Eintritt
5 Euro, ermäßigt 3 Euro
Mo Einheitspreis 2,50 Euro

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Begleitprogramm:

 

Im Rahmen der Ausstellung finden Vorträge und Führungen statt. Während der Ferien können Kinder an Führungen mit anschließendem Kreativkurs oder einer Entdeckertour in die mexikanische Kultur teilnehmen. Hier eine Auswahl:

 

12. Juli 2006, 20 Uhr: Blumen, Kerzen und Skelette

Vortrag von Dr. Wiebke Arndt, Direktorin des Überseemuseums Bremen.

 

19. Juli 2006, 20 Uhr: Fridas Vater. Der Fotograf Guillermo Kahlo. Von Pforzheim nach Mexiko

Vortrag von Prof. Dr. Gaby Franger und Dr. Rainer Huhle, Nürnberg.

 

26. Juli 2006, 20 Uhr, Literatur Café: „Jetzt, wo Du mich verläßt, liebe ich Dich mehr denn je.“

Eine kommentierte literarische Collage zu Frida Kahlo mit der Schauspielerin Suzanne von Borsody, dem Kunsthistoriker Dr. Hans Thomas und dem Gitarristen Jürgen Schröder.

 

9. August 2006, 20 Uhr: Frida Kahlo und der Surrealismus

Vortrag von Prof. Dr. Uwe M. Schneede, ehemaliger Direktor der Hamburger Kunsthalle.

 

30. August 2006, 20 Uhr: Authentisch/Fiktional. Strategien der Selbstinszenierung bei Hannah Höch, Claude Cahun, Frida Kahlo und Meret Oppenheim

Vortrag von Dr. Gunda Luyken, Kuratorin des Deutschen Hygiene-Museums, Dresden.

 

13. September 2006, 20 Uhr: Frida Kahlo on stage

Prof. Dr. Wulf Herzogenrath, Direktor der Kunsthalle Bremen, im Gespräch mit dem Choreographen Johann Kresnik.