Ausstellungsbesprechungen

Frischzelle_11: Nasan Tur. Kunstmuseum Stuttgart, bis 13. Dezember 2009

Zum elften Mal zeigt das Kunstmuseum seine Frischzelle, jenen Winkel des Museums, der zwar nicht leicht zu bespielen, aber umso attraktiver für junge Künstler ist, die an prominenter Stelle Zeichen setzen bzw. ein breites Publikum erwarten können. Einer der gewitztesten der bisherigen Frischzellengäste ist der Deutschtürke Nasan Tur, geboren 1974 in Offenbach. Auf erfrischende Weise macht er der Kunst Beine und bringt sie in der städtischen Öffentlichkeit unter die Leute, zugleich holt er den kreativen Schwung der Straße ins Museum, meist an die konkrete Ortsituation gebunden. Allerdings geht der Transfer nie ohne radikale Umwandlungen vonstatten. Günter Baumann war vor Ort.

So hat Nasan Tur rund hundert Schriftzeichen und Sprüche, Parolen und Pointen, die er in Stuttgart real vorgefunden hat, auf die meterhohe Museumswand in ausschließlich roter Farbe übertragen und mit dem forschen Titel »Stuttgart says« versehen. Doch wer glaubt, da würde ein Graffiti-Freak im Musenhain wildern, hat die Rechnung ohne den hintergründigen Entertainer gemacht, der Nasan Tur ja irgendwie auch ist. Vielmehr entsteht ein monochromes Bild von ungeheurer Strahlkraft, das an den Rändern skriptural ausfranst – die Spraydosen liegen als Relikte des hundertfach übermalten Subtextes auf dem Boden vor dem Kunstwerk. Und dieses entpuppt sich im Museum als schickes Skandalon: Dort, wo für gewöhnlich Bilder ihren Platz allmählich erobert haben und immer wieder neu behaupten müssen, wirft Tur sein Opus an die Wand, die wohl dauerhaft steht. Im Gegensatz zur Kunst, die mit Ausstellungsende auch ihr Zeitliches segnen wird – auf Umwegen holt sie die Verwandtschaft mit der Straßenkunst wieder ein. Ein Tribut an den Kunstbetrieb ist ein Buch mit allen Textfunden, fein säuberlich Seite für Seite aneinandergefädelt.

In einem anderen Projekt hat Nasan Tur eine Handvoll Artefakte gegossen und vergoldet, um sie in der Stadt regelrecht auszusetzen. Mit dem Fokus einer versteckten Kamera hat er festgehalten, wie Passanten sich dieser Kleinplastiken bemächtigen. Die entstandenen Lauervideos sind dann im Museum zu bewundern. Souverän spielt der Künstler mit der Werthaltigkeit von Kunst: Sind die in den Wind geschriebenen Eintagswerke mehr oder weniger wert als die gussidentischen Exemplare, die auf noblen Sockeln in einem kabinettgroßen Separee des Museums auf Besucher warten? Für kurze Zeit setzt Tur die Gesetze des Kunstmarktes außer Kraft und verlängert den öffentlichen Raum in den Schauraum hinein, wie er den Ausstellungsraum nach draußen ausdehnt.