Ausstellungsbesprechungen

Fritz Winter – Das Innere der Natur, Kunstmuseum Stuttgart, bis 7. Juli 2013

Fritz Winter (1905–1976) war einer der bedeutendsten Vertreter der abstrakten Kunst in Deutschland. Dass die von ihm bearbeiteten Themen auch heute noch eine wichtige Rolle spielen, belegen die Werke zeitgenössischer Künstler wie Maria Bartuszová, Björn Dahlem, Olafur Eliasson, Berta Fischer und Wolfgang Flad, die Winter gegenübergestellt werden. Günter Baumann verrät Ihnen mehr.

Wer Fritz Winter sagt, hat schnell den Kosmos vor Augen und den Zellkern im Sinn – so gesehen, ist der Titel der Stuttgarter Ausstellung, »Das Innere der Natur«, trefflich ausgewählt, reicht doch die Natur weit genug, um das expandierende Denken voranzutreiben und zugleich ins tiefste Innere einzukehren.

Fritz Winter wäre wohl gänzlich zufrieden gewesen, hätte man seinen Kraft-Begriff noch ins Feld geführt, der in dieser gleichsam makro- und mikrokosmischen Struktur nicht zu unterschätzen ist. Denn die schwer greifbaren Dimensionen der Natur hätte wortgleich auch das Werk Rudolf Steiners und seiner Anthroposophie beschreiben können, das gegenüber Winters Energiemalerei jedoch ziemlich lau wirkt. Wenn das Stuttgarter Kunstmuseum dem Künstler anlässlich des 100. Geburtstags des Sammlers Konrad Knöpfel eine fünffache Kabinettausstellung widmet – und so nimmt man die Schau wahr, trotz beinahe 100 Exponaten –, dann darf man davon ausgehen, dass sich unter den Schlagworten »Zellen«, »Sterne und Kosmos«, »Kristalle«, »Tektonische Strukturen« und »Energie und Wachstum« handfeste Positionen finden lassen.

Der Kabinettcharakter entsteht durch diese thematische Regie, die auf eine Chronologie verzichtet. So nimmt man Einblicke in die divergenten Auseinandersetzungen Winters mit der Natur, und nicht nur das: Sehr feinsinnig hat die Kuratorin Julia Bulk jedem Themenkomplex eine jüngere Position an die Seite gestellt, die das Werk des 1976 verstorbenen Künstlers bis in die Gegenwart fortwirken lässt. Die »Sidekicks« sind die Documenta-Teilnehmerin Maria Bartuszová (1936–1996), der Münchner Björn Dahlem (geb. 1974), Olafur Elisasson (geb. 1967), dessen Raumexperimente zum besten gehört, was die gegenwärtige Kunst zu bieten hat, Berta Fischer (geb. 1973) sowie Wolfgang Flad (geb. 1974), der wie die beiden vorgenannten in Berlin lebt und arbeitet und als Shootingstar auf dem Kunstmarkt bezeichnet werden kann.

Kurzum: Diese Schau, die sich auf einem Seitentrakt des Museums in kleinen Räumen entlang taktet, ist eine hochkarätig besetzte Präsentation mit einer phänomenalen Wirkung. Der gelernte Elektroschlosser und Bergmann Fritz Winter kam über das Bauhaus zur Abstraktion, durchlebte Krieg und Kriegsgefangenschaft an der Ostfront und in Sibirien, bevor er nach 1949 zu einem der wichtigsten Künstler im Westen wurde: Mitgründer der Gruppe »Zen«, Biennale- und zweifacher Documenta-Teilnehmer, Professor an der Kunstakademie Kassel, zum 60. Geburtstag 1965 geehrt mit großen Retrospektiven. Das Kunstmuseum Stuttgart kam über den Sammler Konrad Knöpfel zu einem respektablen Bestand an Winter-Arbeiten, was bereits in mehreren Ausstellungen sichtbar wurde. Die aktuelle Schau ist sicher die beeindruckendste, nicht zuletzt durch die lockeren Bezüge in die Jetztzeit.

Fritz Winter beherrschte das philosophisch hinterfragte Nichts genauso wie die Illusion des Ganzen, die tiefgründige Schwermut genauso wie die beschwingte, kristalline Leichtigkeit. Dass die Zelle als kleinste Lebenseinheit den Auftakt der Schau gibt, folgt der Welt-Sicht bzw. der Naturauffassung des Malers, der nicht als Verweigerer der Tradition auftrat, sondern als Bewahrer – ein Grund, warum man ihn im Ranking meist nach Kandinsky & Co. nennt. Der Mensch bleibt bei ihm Teil des Naturganzen. Seine kristallinen Formen geben in der Folge Winters Interesse für Licht und Energie wieder. Kein Wunder, dass hier Eliassons Lichtmodule den Weg in die Gegenwart weisen. »Man lebt im Wirken der Schöpfung, neigt sich still vor den Wundern dieser Welt« – und die sieht Winter pantheistisch, so dass man seine kosmischen Ideen durchaus aus der Romantik ableiten kann. Das mag heute befremdlich sein, doch zeigt Björn Dahlem mit einem ironischen Seitenblick, dass sich naturwissenschaftliche Erkenntnis und poetische Hingabe nicht ausschließen müssen.

Noch spannender wird die dialogische Anlage der Ausstellung in den tektonischen Strukturen im Werk Fritz Winters, die Wolfgang Flad in die dritte Dimension weiterdenkt. Mit dem abschließenden Kapitel zur energetischen Natur gelingt der Schau der Übergang zu Winters 40-teiliger Zyklus »Triebkräfte der Erde«, seinem bereits 1944 geschaffenen Hauptwerk. Hier wird deutlich, dass alles fließt, alles sich ständig verändert – im Wachsen und Vergehen. Bei allem Respekt für das Wundersame und Transzendente überzeugt Winters Schaffen durch eine alles andere als antiquierte Bodenständigkeit, die die morphologischen Gesetze der Physik (und Chemie) durchaus berücksichtigt.