Ausstellungsbesprechungen

Funny Cuts, Cartoons und Comics in der zeitgenössischen Kunst

Die Zeiten, als man Comics heimlich unterm Bett lesen musste, sind längst vorbei. Die Generation der Asterix-Leser ist mittlerweile in Führungsetagen (und freilich auch drunter) angelangt, der Internationale Comic-Salon in Erlangen hat Kongressqualitäten, und Roy Lichtenstein wie Mel Ramos haben schon in den 60er-Jahren den Comic mit seinen Ikonen des Genres salonfähig gemacht – das heißt, Künstler und Betrachter haben keine Berührungsängste mehr in Sachen Blasensprache und »komische« Erzählmuster bzw. lustige Schnitte (so ist der Titel zu verstehen).

Zwar mag es dem einen oder anderen noch immer etwas befremdlich vorkommen, dass die quasiheiligen Hallen der Staatsgalerie ihr Tore dem per se unheiligen Comic öffnet, aber der Erfolg dürfte so sicher sein wie das Amen in der Kirche. Die beteiligten japanischen Künstler (Yoshitaka Amano u.a.) werden inzwischen so hoch gehandelt wie die erste Garnitur der Kunst; da wundert es nicht, dass man gerne erfahren will, was denn anderswo passiert in dieser Richtung. Als eine Art Fremdgängerin hat sich die einstige japanische Manga-Dame als AnnLee im worldwide Video »verselbständigt« und eine neue Form des visuellen Erzählens geschaffen.

 

 

Dass dabei so manche Fäden ausgeworfen werden, die nicht immer auch wieder aufgegriffen werden, liegt wahrscheinlich daran, dass die über 100 Exponate von rund 40 Künstlerinnen und Künstlern den virusartig sich ausbreitenden Verästelungen der jüngeren Comic-Geschichte zwar nachspüren, sie aber kaum befriedigend bündeln können. Dennoch kann man mit schaurigem Vergnügen (so in Inka Essenhighs knetigen Knuddelmonstern, die die existenzialistischen Verzerrungen Francis Bacons sozusagen ins Lächerliche ziehen) und zuweilen auch mit manchen Wiederentdeckungsfreuden (etwa in Errós prall gefülltem Cartoon-Panoptikum) durch die quirlig verspielte Ausstellung schlendern, die manchmal zu viel des Guten – etwa die Holzhütte, die die kleinformatigen Bildchen Yoshitomo Naras beherbergt –, manchmal zu wenig bietet: Einen exemplarischen Blick zurück zu Lyonel Feininger oder auf Klassiker wie Hergé hätte man sich vorstellen können; bedauern kann man, dass so schöne wie überraschende Bilder wie Max Ernsts »Mickeys Himmelfahrt« (1965) fehlen; auch die subtilen Anleihen Klaus-Martin Treders beim Comic hätten noch weitere Anknüpfungspunkte offen legen können.

 

Aber mäkeln wäre unfair. Wunderbare Begegnungen kann man allerdings zuhauf machen; um nur ein paar zu nennen: Tim Eitel holt die Murakami-Puppenwelt ins Bild und bestückt sein gemaltes Museum mit einem japanischen Manga-Ballon, dessen ›Bruder‹ von Philippe Parreno raumfüllend in Szene gesetzt wird; grandios ist Sigmar Polkes »Lucky Luke and His Friends«, der zeigt, wie sehr die Stars der Strips bereits verankert sind – dazu ist auch Dieter Roth zu zählen. Manche Underground-Szenerien halten dagegen den Faden ins Hintergründige hoch: Angela Bulloch präsentiert Bilder »From the S/M Series«, die unmissverständlich zeigen, besser in Comic-Sprache hören lassen, was im Dunkel nicht zu sehen ist (»AAHH…..H..«). Dies erinnert daran, dass Comic einst antrat, auch Tabus aus den Bereichen Sexualität und Gewalt zu thematisieren.

 

Kurzum – die Ausstellung der Stuttgarter Staatsgalerie lebt weniger durch ein geschlossenes Konzept, das schlichtweg zurückblickt; sie ist vielmehr eine offene Veranstaltung, die die Lücken neben den vorgestellten Capriccios stehen lässt, um dem Betrachter die Möglichkeit zu geben, diese mit seinen Comic-Bildern im Kopf auszufüllen. Es ist eine Werkschau von Arbeiten, die sich auf den Mythos Comic bezieht: als Reflexion und Adaption, weniger als Comicbeitrag an sich, noch weniger als Cartoon. Der Titel »Funny Cuts« bezieht sich übrigens auf ein Comic-Magazin, das 1890 erschien und selbst ein Vorgängerheft von 1884 zitierte. Sehr empfehlenswert ist der zur Ausstellung erschienene Katalog.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten:

Di–So 10–18 Uhr

Do 10–21 Uhr

 

Eintrittspreise:

€ 7,- / 5,50

 

Öffentliche Führungen:

So 15 Uhr

Do 15 und 17.30 Uhr

 

 

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