Ausstellungsbesprechungen

Fußball, Stadion, Arena. Bilder aus dem SPIEGEL-Archiv

Pünktlich zur WM 2006 präsentiert das Haus der Photographie vom 9. Juni bis 3. September 2006 eine Ausstellung, die ganz der Welt des runden Leders gewidmet ist. Dabei stehen die Fußballstadien mit ihrer beeindruckenden Architektur und Ästhetik, das Fußballspiel per se sowie die sich in Stadien inszenierende Politik im Zentrum des Interesses. Bereits im ersten Ausstellungsraum wird der Besucher mit spektakulären Luftaufnahmen der zwölf WM-Stadien und aktuellen Bildern der WM 2006 – letztere werden auf drei nebeneinander positionierten Bildschirmen gezeigt – empfangen.

In Anschluss an diesen Raum präsentieren sich Stadien internationaler Architekten wie Norman Foster, Kisho Kurokawa, Renzo Piano, Volkwin Mark und Peter Eisenman, welche die neuere Entwicklung der Architektur Revue passieren lassen.

 

Bei der Betrachtung dieser überaus beeindruckenden Fotos, stellt sich dem Betrachter immer wieder die Frage nach der Fußball- und Stadionfaszination, die weit über das eigentliche Agieren auf dem Rasen hinausgeht. Denn der heutige Fußball und die ihm erbauten Stadien stehen für die Idee einer neuen Öffentlichkeit. Wir leben in einer Gesellschaft, die durch Zersplitterung und Subkulturen geprägt ist, doch ist es gerade dieses Spiel, dem es gelingt, ein halbwegs funktionierendes Gemeinschaftsthema zu evozieren. In der Süddeutschen Zeitung konnte man in diesem Sinne folgenden Satz lesen: „Die Arenen haben die Kathedralen, Rathäuser, Paläste und Museen als kulturelle Identitätsstifter verdrängt.“ Die Architektur der Stadien bezieht den Menschen ganz ein, löst ihn aus dem Alltag und nimmt ihn in der großen Masse auf. Während die Welt außen still steht, kumulieren die Gefühle im Innern zu einem kollektiven Rausch. So etwa schreibt Elias Canetti in seinem 1960 verfassten Werk „Masse und Macht“: „Nach außen, gegen die Stadt, weist die Arena eine leblose Mauer. Nach innen baut sie eine Mauer von Menschen auf. Alle Anwesenden kehren der Stadt den Rücken zu. Sie haben sich aus dem Gefüge der Stadt, ihren Mauern, ihren Straßen herausgelöst. Sie lassen das Leben ihrer Beziehungen, ihrer Regeln und Gewohnheiten dort zurück.“

 

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Doch wie schnell der Rausch in unkontrollierte, gefährliche Extase ausarten kann, zeigen in einer weiteren Station der Ausstellung Bilder von Europas Fußball-Katastrophen. Zu sehen sind schwer verletzte und tote Menschen in einem Fußballstadion, die in Panik überrannt oder erdrückt wurden. Es sind bedrückende Bilder, die das Fußballgeschehen überschatten und dem Stadionbesuch noch bis weit in die 1980er Jahre einen gefährlichen Impetus verliehen haben.

 

Im Anschluss an dieses traurige Kapitel Fußballgeschichte begegnet dem Besucher ein beinahe vergessener Zweck von Fußballstadien, denn das Stadion wurde und wird nicht nur für dass Spiel von 22 Männern auf dem grünen Feld genutzt, sondern auch als Bühne für religiöse Messen, Politik oder Rockkonzerte. Macht will schließlich inszeniert werden und wo könnte dies eleganter und geschickter demonstriert werden als vor den Massen der Arena. Das wussten bereits die römischen Kaiser und auch die kommunistischen Herrscher der vergangenen Jahrzehnte machten sich die effektvolle Stadionsinszenierung zu Nutze, so weisen die Choreographien im gigantischen Stadion in Pjöngjang (Nordkorea) noch heute eine unglaubliche Komplexität der Herrschaftsinszenierung auf. Personen der Öffentlichkeit – wie dem Papst, George Bush, Angela Merkel oder die Megastars des Pop und Rock – werden von Stadien geradezu magisch angezogen.

 

Im nächsten Ausstellungsraum treffen wir dann auf Fotografien aus den 1960er und 1970er Jahren, in deren Zentrum Uwe Seeler, der wohl legendärste und beliebteste Fußballspieler, den die Hansestadt Hamburg hervorgebracht hat, steht. Das Glück den Weltmeistertitel zu erlangen, war Seeler nicht vergönnt, immerhin steht er aber im Mittelpunkt des wohl populärsten Fotos der deutschen Weltmeistergeschichte. Den Kopf ganz tief gesenkt, die Schultern nach vorne gekippt, als würde eine Zentnerlast auf ihm lasten, geht Uwe Seeler nach dem verlorenen WM-Finale von 1966 in die Kabine – ein Foto, das zum Sinnbild der bitteren Niederlage avancierte. Weitere Fotografien zeigen Seeler in Aktion auf dem Spielfeld, im privaten Bereich oder beim Plaudern mit Fußballkollegen, wie etwa Franz Beckenbauer.

 

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In der letzten Station der Ausstellung trifft der Besucher auf die Fotografien Walter Schmitz’, der weltweit als einer der herausragendsten Sportfotografen gilt. Zuletzt bereiste er mehrere Jahre hindurch die Welt, um Fußballplätze festzuhalten, wobei sich sein Interessensfeld von der High-Tech-Arena bis zum ausgetrockneten Feld in Afrika erstreckt. Was aber ist das überaus Faszinierende an der Sportfotografie? Es kann auf der einen Seite der Augenblick der Aufnahme sein, die Jagd nach jeder tausendstel Sekunde, die alles entscheidet, der Moment, der den Sieg bedeutet, noch ehe er bekannt ist. Auf der anderen Seite kann sich aber auch eine „behutsamere“, vielleicht intensivere Annäherung vollziehen – jene die Walter Schmitz in seinen Arbeiten gewählt hat. Er macht den Versuch, die Ästhetik der Bewegung, das Wesen des Kampfes, den Ort der Begegnung, die Emotionen der Fans und die Psyche der Athleten in der Fotografie umzusetzen. Seine Arbeit findet weit ab der Tore statt und die Siegerehrungen kümmern ihn nur wenig. Vielmehr schafft er Aufnahmen, die weit über die aktuelle Berichterstattung hinausreichen und zu einem außergewöhnlich ästhetischen Wert gelangen. Walter Schmitz findet in und um die Arenen herum die Momente der von ihm gesuchten „Wahrheit“.

 

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Durch den Seitenblick, den Blick auf Details und das Gespür für den richtigen Zeitpunkt, um den Auslöser zu drücken, werden die Arbeiten von Walter Schmitz zu einem außerordentlichen Kunstgenuss. Ob die in Afrika auf roter, ausgetrockneter Erde spielenden Männer, die in der abendlichen Atmosphäre, eingehüllt von roten Staubwolken um den Sieg kämpfen oder die beiden Fußballschüler von Real Madrid, die in zu großen Trikots lässig und scheinbar erfahren der Kamera entgegenblicken – sie alle propagieren Wahrheiten, zeigen Charakteristisches auf und lassen das Fußballspiel in einem bisweilen ungewohnten, aber vor allem ästhetischen Glanz erscheinen. Gerade in der Ausstellung wird deutlich, wie vielfältig das Sujet „Fußball“ ist. Indem die Fotografien beieinander gehängt sind, treten sie in Dialog, lassen eine Dynamik erspüren und vermitteln immer wieder die Lust am Einfangen der Bewegung, der Spannung der Muskulatur, der Intensität des Blicks oder ganz einfach am Festhalten der Lust und Begeisterung an der Sache selbst.

 

Insgesamt ist dem Haus der Photographie mit der Ausstellung „Fußball, Stadion, Arena. Bilder aus dem SPIEGEL-Archiv. Spezial: Walter Schmitz: BallWelten“ eine hervorragende und vor allem spannende Ausstellung gelungen, die sowohl Architektur- und Fotografieliebhaber, als auch Freunde des Fußballs anspricht. Die Ausstellung weiß durch spannende Informationen, eine wohl durchdachte Strukturierung, meisterliche Fotografien und die Balance aus Sportbegeisterung und Ästhetik zu überzeugen und sei daher nicht nur Fußballfans empfohlen!

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Di-So 11-18 Uhr

Mo geschlossen

 

Eintritt

5 €, Gruppen 3 €

Kinder bis 18 Jahre: freier Eintritt

 

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