Buchrezensionen

Gabriele Köster (Hrsg.): Geschichte und kulturelles Erbe des Mittelalters – Umgang mit Geschichte in Sachsen-Anhalt und andernorts, Schnell & Steiner 2014

»Wie sag ich's?« Das scheint derzeit die allgegenwärtige Frage im Kultursektor zu sein. Mediale Präsenz einer Ausstellung ist das Eine, der Inhalt, der den großen Ankündigungen gerecht werden muss, das Andere. Möglichst breites Interesse wecken soll er, wissenschaftlichen Anforderungen muss er ohnehin genügen. Den Spagat zwischen Popularität und Anspruch zu meistern, dabei will auch das Magdeburger Zentrum für Mittelalterausstellungen helfen. Sein erster Arbeitsband liegt nun vor und Stefanie Handke hat sich in ihn vertieft.

Herausgegeben wurde der Sammelband vom noch blutjungen Zentrum für Mittelalterausstellungen in Magdeburg. Das Zentrum widmet sich ganz der Vernetzung von kulturwissenschaftlicher Forschung, Bildungsvermittlung und touristischer Erschließung des mittelalterlichen Kulturerbes in Mitteldeutschland, insbesondere in Sachsen-Anhalt. Gabriele Köster stellt es in die Tradition der hiesigen Ausstellungen rund um das Thema Mittelalter und der historischen Grundlagen – damit gibt sie die große Frage für den Band vor: Wie geht man seitens der Forschung mit touristischen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten um? In zwei Teilen untersuchen die Autoren zunächst verschiedene Zugänge zum Umgang mit dem kulturhistorischen Erbe des Bundeslandes Sachsen-Anhalt, um dann Vergleichsbeispiele aus Nord- und Süddeutschland zu liefern. Damit gelingt es ihnen, Chancen und Aufgaben einer solchen touristischen und populären Bearbeitung wissenschaftlicher Inhalte aufzuzeigen.

So widmet sich der erste Beitrag von Christian Altz der Problematik der touristischen Vermarktung des kulturellen Erbes in Sachsen-Anhalt. Am Beispiel der »Straße der Romanik« erläutert er die Notwendigkeit solcher monothematischen Konzepte für die Erschließung einer Region. Statt einer Fülle an Themen, die Besucher und Bewohner einer Region überfordern und auf Dauer verpuffen, hat man hier versucht, zahlreiche Orte unter einer Marke zusammenzufassen. So begegnen Wanderern und Fahrradfahrern immer wieder die kleinen Schilder mit einer stilisierten romanischen Säulenhalle – dezenter, aber stets wiederkehrender Hinweis auf das Netzwerk. Gleichsam als Beispiele hierfür können die Dome in Halberstadt und Quedlinburg gelten, die Thomas Labusiak betrachtet. In der Verbindung von historischer Stätte und beliebtem Ausflugsziel kann er Chancen und Risiken erkennen. Besonders interessant ist dabei Quedlinburg, das nicht nur aufgrund seiner reichhaltigen mittelalterlichen Geschichte und eines entsprechenden materiellen Befundes (auch dank des Domschatzes), sondern auch mit seinem Missbrauch durch die Nazis Inhalte für verschiedene Zielgruppen bieten kann.

Die Beiträge von Holger Kunde und Matthias Puhle widmen sich sodann konkreten Ausstellungsprojekten in Sachsen-Anhalt: Kunde sieht in der Ausstellung zum Naumburger Meister 2011 eine Erfolgsgeschichte, die aufgrund der besonderen Situation – eine Kleinstadt UND ein nur einem Fachpublikum bekanntes Thema – fast schon zu einem Phänomen geworden ist und als Idealfall angesehen werden kann. Als wissenschaftlich gebildeter Besucher ist man geneigt, ihm zuzustimmen. Puhle dagegen behandelt die Ausstellungstrilogie in Magdeburg rund um Otto den Großen, die eine damals zumindest in Sachsen-Anhalt fast vergessene historische Periode in den Blick der europäischen Öffentlichkeit gerückt habe. Bei beiden Beiträgen, insbesondere aber bei Puhles, wird deutlich, dass ein großes Ausstellungsprojekt durchaus identitätsstiftend wirken und eine Region einbeziehen kann, also nicht nur ein kulturelles Wissen vermittelt.

Christina Links Betrachtung der Korrespondenzorte zur 2012er Ausstellung dieser Trilogie macht das noch einmal anschaulich: Unter dem Motto »Die Landesausstellung ins Land tragen« wurden 2012 parallel zur Ausstellung in Magdeburg sieben weitere Orte hervorgehoben, auch dies – neben der Wissensvermittlung – mit dem Ziel, Identität zu stiften und die Vermarktungsmöglichkeiten für den Tourismus zu erhöhen. Vor allem die Pfalz Tilleda, ein Freilichtmuseum, sticht heraus: Statt einem Ausstellungsprojekt entwickelte man hier Workshops, Lesungen und – wenn man es so nennen will – regional taugliche Ideen wie ein Johannisfeuer, die auch in der ländlichen Region einen Zugang zur Person Ottos des Großen schufen und ganz dem Charakter des Ortes entsprachen. Gebündelt wurden diese Aktivitäten durch das Zentrum für Mittelalterausstellungen, es wurde ein Corporate Design geschaffen und eine Evaluation erhoben. Letztere zeugt vom Erfolg des Projekts: Nur 14% der Besucher kamen aus Sachsen-Anhalt und im Durchschnitt wurden etwa drei Ausstellungsorte besucht – scheinbar ist dieses Konzept also einigermaßen erfolgreich gewesen. Als Leser, der die Region kennt und in ihrem Einzugsbereich lebt, kann man ihr zustimmen: Die Ausstellungen waren in der Tat präsent, ihre Veranstaltungen standen im privaten Kalender, zahlreiche Ausflüge wurden unternommen.

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In der Tat widmen sich die meisten der Beiträge dem Entwurf eines umfassenden inhaltlichen Konzepts und der Schaffung regional übergreifender Marken. Stephan Freund, Mitglied es Pfalzenarbeitskreises Sachsen-Anhalt plädiert aus seiner Forschungsarbeit heraus für eine solche Marke »Königspfalzen Sachsen-Anhalt«, worin er Chancen für den Arbeitskreis und seine Arbeit an einem Repertorium der sachsen-anhaltinischen Pfalzen sieht, aber auch eine Möglichkeit, ein Alleinstellungsmerkmal für das Bundesland zu schaffen. Er verweist zudem auf die wirtschaftlichen Chancen, die ein konsequent geförderter Tourismus einem Bundesland bietet – sein Beispiel ist das Land Bayern, das sich dank eines entsprechenden Tourismuskonzepts zu einem prosperierenden Land entwickelt habe.

Im zweiten Teil des Bandes stellen die Autoren sodann Beispiele aus Bayern (oha!), Baden-Württemberg, Brandenburg und Lübeck vor. Ein wenig anders gelagert als die wenig personell bezogenen sachsen-anhaltinischen Ausstellungen, war die bayerische »Götterdämmerung« rund um Ludwig II. Hier hatte man mit einem Mythos, befeuert durch Kitschfilme, Verschwörungstheorien rund um seinen Tod und dem »Kini« umzugehen. Also Kult statt fast vergessener Kultur. Der große Erfolg dieser Ausstellung beweist, dass wissenschaftliche Inhalte beim Publikum ankommen.

Ganz frisch dagegen ist die Einschätzung Kurt Winklers, der aus der Werkstatt der ersten Brandenburgischen Landesausstellung im Jahr 2014 berichtet. Er fasst noch einmal zusammen, was eigentlich unter einer Landesausstellung zu verstehen ist, nachdem die Kollegen bereits wie selbstverständlich mit dem Begriff umgegangen sind. Diese einführende Vorbemerkung erklärt sich leicht: Brandenburg durfte 2014 seine allererste Landesausstellung präsentieren! Es gebe keine Definition, aber wohl zwei Typen. Einerseits museale Ausstellungsprojekte mit landesweiten Ambitionen und Förderung durch ihr Bundesland (Sachsen-Anhalt 2006 und 2009), andererseits Ausstellungen an authentischem Ort (Bayern 2011). Zwangsläufig ergibt sich daraus die in der Regel kulturhistorische und historische Thematik, ein weiterer Aspekt ist die identitätsstiftende Wirkung dieser Projekte. Winkler fügt dem aber noch etwas Entscheidendes hinzu: die Nachhaltigkeit geschaffener Strukturen, die (berufliche) Weiterbildung der Menschen in der Region und die Einbeziehung von Schulen, Vereinen und Initiativen. Ambitionen hatte die Ausstellung einige und mit einer die Erwartungen übertreffenden Besucherzahl und immerhin elf Partnerausstellungen scheint man in Brandenburg denn auch so einiges richtig gemacht zu haben.

Einen Blick in die Zukunft wirft zuletzt Rolf Hammel-Kiesow: Das Europäische Hansemuseum in Lübeck wird noch in diesem Jahr eröffnen und sich ein historisches Thema vornehmen, das eng mit seinem Standort verknüpft ist. Auch hier will man auf korrespondierende Angebote in den umliegenden Bundesländern hinweisen. Wieder die Identität!

Was in diesem Band immer wieder begegnet, ist die persönliche Bedeutung historischer Themen für die Bewohner einer Region. Manchmal sind sie mehr, manchmal weniger präsent in den Köpfen der Menschen. In jedem Fall fällt aber auf, dass sich (Kultur-)Historiker ihrer gesellschaftlichen Aufgabe sehr bewusst zu sein scheinen. Wie ein Thema öffentlichkeitswirksam, populär und doch wissenschaftlich fundiert aufgearbeitet werden kann, beschäftigt scheinbar zahlreiche Köpfe. Auch die touristische Vermarktung ist aber eine Thematik, die hier eine große Rolle spielt: Das schönste Thema nützt nichts, wenn man es nicht kommuniziert. Und stets steht die Frage nach dem wirtschaftlichen Mehrwert im Hintergrund. Bleibt also ein zwiespältiger Eindruck zurück: Die Vermittlung von Kultur- und Kunstgeschichte ist eine ehrenvolle Aufgabe, die gerade Landesausstellungen auf einem anderen Niveau gewährleisten als spezialisierte und kleinräumlich ausgerichtete Häuser. Aber das Geld! Wenn investiert wird, dann soll bitte auch etwas dabei rausspringen. Vielleicht sind die angesprochenen Marken wie die Straße der Romanik oder das Pfalzenland wirklich ein Schritt in die richtige Richtung: Kommen Touristen, ist Geld da, wenn Geld da ist, kann die Wissenschaft ihren Aufgaben nachkommen. Die Lektüre dieses Aufsatzbandes bietet daher einige Zugänge, die vielleicht nicht nur für Ausstellungsmacher interessant sind, sondern auch einen Einblick in die Werkstatt der Kunst- und Geschichtsvermittlung liefern. Weg von der Museumspädagogik, hin zum großen Konzept.