Ausstellungsbesprechungen

Gauguin: Maker of Myth, Tate Modern, London, bis 16. Januar 2011

Ein eher grauer und kalter Herbst hier in Deutschland macht Lust auf die farbenprächtigen Südseebilder von Paul Gauguin in London. Karin Ego-Gaal hat sich die Bilder aus dem Paradies für Sie angesehen.

Mit siebzehn Jahren machte er sich auf, die Welt zu erkunden. Er arbeitete für die Navy, war Weltenbummler, Journalist, Banker, Familienvater und Kämpfer, doch vor allem war er ein wunderbarer Künstler; einer, der von sich sagte »ich bin ein großartiger Künstler und ich weiß das«. Eugene Henri Paul Gauguin (1848-1903) war einer der einflussreichsten und beliebtesten Künstler des späten 19. Jahrhunderts. Die Ausstellung »Gauguin: Maker of Myth« in der Tate Modern reflektiert die außerordentliche Breite und Vielfalt seines Schaffens und präsentiert Arbeiten aus jeder einzelnen Periode; darunter Bilder, Holzarbeiten, Aquarelle, Keramiken, Schnitzereien, dekorative Arbeiten sowie Briefe, Notizen, Memoiren und journalistische Arbeiten, die einen einzigartigen Einblick in die Arbeitspraktiken und gedanklichen Prozesse des Künstlers offenbaren. Mit über 100 Werken aus öffentlichen und privaten Sammlungen präsentiert »Gauguin: Maker of Myth« die Komplexität und Vielfalt seiner erzählenden Strategien und erforscht die Mythen und Märchen, die Mittelpunkt seiner Kreativität waren.

Paris, Martinique, Brittany, Tahiti und die Marquesa-Inseln waren die wichtigsten Orte seiner Karriere. Sie inspirierten ihn in seinen Motiven und Ideen, förderten die Objekte und Bilder, welche er über viele Jahre und über Tausende von Meilen produzierte. Um die Parallelen zwischen den verschiedenen Stationen seiner Karriere besser zu verstehen, ist die Ausstellung in thematische Bereiche gegliedert. Am Anfang stehen seine Selbstportraits: Er präsentiert sich gerne in dramatischen Rollen und Kostümen; mal als Familienmensch, als Banker, als Maler, als Märtyrer und Retter. Sie reflektieren seine außergewöhnliche Persönlichkeit und die vielen Versuche, ihn zu sehen und zu verstehen. Das wohl früheste Selbstportrait von 1876 zeigt ihn in seinen Zwanzigern, damals arbeitete er als Banker in Paris; mit schwarzem Jackett, Hemd und Krawatte wirkt er wie ein wohlhabender Intellektueller. Jahre später, 1885, präsentiert er sich mit Pinsel und Palette, er sieht sich jetzt selbst als Künstler und stellt sich auch so dar. Doch das arme Künstlerdasein in Paris wird unerträglich für die Familie, sie ziehen nach Kopenhagen. Gauguin kommt wieder zurück nach Frankreich und lebt nun ohne Familie und Verpflichtungen. Seine Reisen und seine Kunst sind nun Mittelpunkt seines Lebens. Obwohl in weiteren Portraits wie »Manao tupapau (The Spirit of the Dead Keeps Watch)« von 1892 und »Self-Portrait with Manao tupapau« von 1893-94 der Einfluss von Tahiti sehr präsent ist, scheinen diese Arbeiten nicht in Tahiti entstanden zu sein. »Self-Portrait with Glasses« von 1903 schließt den Kreis der Portraits und zeigt ihn am Ende seines Lebens: mit kurz geschorenen Haaren, Brille, einem schichten weißen Shirt und einem traurigen Gesichtsausdruck zeigt er sich von Krankheit gezeichnet und von verwundbarer Sterblichkeit.

»Making the familiar strange« heißt nicht nur der Titel des zweiten Raumes, es steht dafür, dass Gauguin seine »Stillleben« anders inszenierte, man könnte auch sagen, „Stillleben mit einem Kick“. Gauguins Stillleben lenken ab, bringen einen aus der Ruhe, verwirren und das meistens durch eine menschlichen Präsenz wie bei »Still Life with Fruit« von 1888: ein Stillleben mit Früchten; und als Zugabe ein freches Mädchengesicht. Für ein klassisches Stillleben undenkbar. Mit den schlafenden Portraits seiner beiden Kinder Clovis und Aline scheint er dasselbe Spielchen zu spielen, er schleicht sich in die Träume seiner Kinder ein. Bei »The Little one is dreaming Study« von 1881, könnte man die Vögel auf der Tapete und die kleine Puppe als Teil des Traumes assoziieren, der sozusagen bildlich eingefangen wurde. Das Bild mit seiner ganzen Fantasie wird lebendig und das Stillleben tritt in den Hintergrund.

Raum 4 der Ausstellung ist ein besonderer Teil, denn er gibt Geheimnisse preis. »Ein Kritiker, der in meinem Haus war ... fragte mich, ob er meine Zeichnungen sehen kann. Meine Zeichnungen! Niemals! Dies sind meine Briefe, meine Geheimnisse«, so Gauguin. Hier können wir seine Zeichnungen bewundern, seine Geheimnisse entdecken. Wohin er auch ging und reiste, zeichnete er seine Umgebung, Gesichter, Körper, Kleider, Tiere und Pflanzen, eben alles. Inspiriert und beeinflusst vom großen Edgar Degas entwickelte er seinen eigenen Stil. Besonders die Landschaften wurden ein bedeutendes Subjekt für ihn. Er war fasziniert von Brittany, Frankreich, mit seiner traditionellen Kultur und seiner malerischen Szenerie. Werke wie »Harvest: Le Pouldu« von 1890 und »The Loss of Virginity« von 1890-91 veranschaulichen die Auseinandersetzung mit der Region und den Menschen. Manchmal ging es ihm einfach nur um die Bestätigung von Klischees wie grasende Kühe oder Ziegen inmitten satter grüner Felder. Und obwohl seine Reisen nach Martinique und Panama eher von Krankheit überschattet wurden, sah er diese Erfahrung als sehr bedeutend an, vor allem für seine Entwicklung als Künstler.
Bilder wie »Haere Mai« von 1891 oder »Te Poi Poi« von 1892 präsentieren eine üppige Vegetation unter tropischem Sonnenlicht, intensive Farben und eine eigenwillige Komposition. Gauguin stellte sich Tahiti unschuldig vor, paradiesisch, voll von Traditionen und altem Glauben, doch vom letzteren wurde er bitterlich enttäuscht. Die Inselbewohner waren schon lange zum Christentum bekehrt worden. Und obwohl er ein großer Gegner des Christentums war, tauchen in seinen Bildern sehr oft religiöse Themen aus dem Alten und Neuen Testament auf wie bei »The Yellow Christ« von 1889 ein ans Kreuz genagelter gelber Jesus oder das sehr bekannte »Vision of the Sermon ‚'Jacob Wrestling with the Angel'« von 1888. Besonders bei diesem Bild erkennt man seinen sich ändernden Stil — die Außenlinien sind klar definiert und die Farben sind sehr kräftig. Gauguins Holzarbeiten über die Göttin des Mondes »Hina« und den Gott der Erde »Tefatu« ergänzen die „Heiligen Themen“.

Außer der Göttin Hina gab es für Gauguin noch andere wichtige Frauenbilder; ihre Geschichten stammen aus Sagen, der Bibel und aus der klassischen Mythologie: »Ondine/In the Waves«on 1889 zeigt eine sich in die Fluten stürzende rothaarige Schönheit aus einer deutschen Sage; »Eve« steht zum einen für die klassische Femme Fatale Eva aus der Mythologie und zum anderen für die exotische Eva; »Pape Moe« liefert eine Reihe von Arbeiten, die eine weibliche Figur zeigen, die sich über einen Felsen beugt, um Wasser aus einer Quelle zu trinken - und dann gibt es noch »Oviri« von 1894, die Wilde, welche für Gauguin sehr bedeutend war. Diese Skulptur einer androgynen Göttin widerspricht jeglicher Vorstellung von einem konventionellen westlichen Schönheitsideal. Vielleicht gerade deshalb ordnete Gauguin an, dass gerade sie auf seinem Grabstein stehen soll.

Seine letzte Periode von 1895 bis 1901 in Tahiti war von finanziellen Nöten und Krankheit gezeichnet. Nichtsdestotrotz blieb der Mythos von einem »Earthly Paradise« in seiner Fantasie und beeinflusste sein Schaffen. Seine Bilder zeigen das tägliche Leben im „Paradies“. Im Mittelpunkt stehen Frauengestalten, mal mit Früchten oder Blumen, sich unterhaltend oder beim Zubereiten von Essen. Sein herannahendes Ende deutet er in seinen Bildern an. Eines seiner letzten Werke »The Ford (The Flight)« von 1901 beschäftigt sich mit dem Thema der Sterblichkeit und der Abreise. Der Reiter überquert einen Fluss und tritt sozusagen über in eine andere Welt, während im Hintergrund schon ein Schiff auf die Abreise wartet. Gauguin starb 1903 auf den Marquesa-Inseln, wo er die letzten zwei Jahre seines Lebens verbracht hat.

Gauguin, er, der Erfinder von Mythen, hatte viele Rollen eingenommen, er kämpfte bis zuletzt an vielen Fronten, er stellte viele Fragen und hatte viele Antworten bereit – und in all den Jahren seines außergewöhnlichen Lebens und seiner großen Karriere begleiteten ihn die Geschichten. Geschichten, die sein Leben schrieb, die er selbst schrieb, in Bildern und Büchern kreierte und die niemals enden.