Porträts

Gegen das Machotum im Kunstmarkt! Das Goldrausch Künstlerinnenprojekt art IT

Nach wie vor haben Männer mehr Erfolg auf dem Kunstmarkt — gleichwohl es genauso viele hervorragende Künstlerinnen gibt, deren Arbeiten denen ihrer männlichen Kollegen in nichts nachstehen! Dass sich daran etwas ändern muss, da waren sich die Macherinnen des Projektes »art IT« einig. Seit nunmehr 25 Jahren vermitteln sie Künstlerinnen das Handwerkszeug, um sich durchzusetzen. Ein Porträt von Jaqueline Menke.

Das Goldrausch Künstlerinnenprojekt art IT reizt die Kunstinteressierten nicht nur mit seinem elegant-ekstatischem Namen, sondern auch mit seinem individuellen Projektformat. Projektträger ist das 1982 von Aktivistinnen gegründete Frauennetzwerk Goldrausch e.V, das die Förderung von Frauenprojekten zum Ziel hat und ihnen helfen will, ihre ökonomische Unabhängigkeit zu erlangen und Unternehmungsgründungen zu verwirklichen. Welche Professionalisierungsmöglichkeiten das Projekt heute für Berliner Künstlerinnen bietet, beantworteten die beiden Projektleiterinnen Birgit Effinger und Hannah Kruse in einem Interview im Dezember 2015 sehr detailliert. Aus dem Gespräch, und aus dem Besuch der Ausstellung ist das im Folgenden gezeichnete Porträt des Projektes entstanden.

Seit 1989 wirkt das Projekt der anhaltenden Benachteiligung von Künstlerinnen auf dem Kunstmarkt und vor allem ihrer mangelnden Präsenz in Galerien und Museen entgegnen. Trotz der zunehmenden Präsenz der Künstlerinnen, ist die männliche Dominanz vor allem im Rahmen von Einzelausstellungen namenhafter Häuser überwiegend. Um genau das zu ändern, bietet Goldrausch ihren Teilnehmerinnen die Möglichkeiten sich individuell in ihrer Künstlerpersönlichkeit zu formen, sich zu vernetzen und ihre Arbeiten der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen.

Das Programm bietet jedes Jahr 15 Teilnehmerinnen mit bereits abgeschlossener künstlerischer Ausbildung die Möglichkeit, in einer einjährigen, geförderten Weiterbildung Wissen über die künstlerische Arbeit hinaus zu erwerben. Ziel ist es, sich in der undurchsichtigen Berliner Kunstszene besser zu positionieren. Ein durchaus ehrgeiziges Anliegen! Dabei bekommen sie im Rahmen eines Professionalisierungskurses und der Workshops Hilfestellungen zu künstlerischen sowie nicht-künstlerischen Bereichen. Sie erlernen wirtschaftliches Basiswissen (Urheberrecht, Finanzierung, Marketing), reflektieren und analysieren die eigene künstlerische Position ,und erfahren wie die erfolgreiche Selbstvermarktung aussehen kann. Zusätzlich erhalten sie den Zugang zu fundierten Kenntnisse der Berliner Kulturlandschaft, haben Einblicke in die komplexen Funktionen von Netzwerken, und bekommen Zugang zur eigenen Darstellungsweise im Online- und Printbereich.

Die Künstlerinnen werden auch selbst aktiv: In einer das Kursjahr abschließenden Ausstellung, samt Begleitprogramm, präsentiere ihre Arbeiten und öffnen den Zugang zu ihrem Werk. 2015 stand die Schau unter dem Eindruck des Projektjubiläums und feierte »25 Karat« (nein, nicht 24, sondern ein Karat mehr, der den Goldrausch on top setzt) Kunstquartier Bethanien Geburtstag. Die Ausstellungskonzeption war gut gelungen, trotz der Variationsbreite der Arbeiten. Der ehemalige Kapellenraum in dem die Arbeiten der Teilnehmerinnen (Nike Arnold, Detel Aurand, Raluca C.E. Blidar, Juliane Henrich, Christin Kaiser, Ezgi Kilinçaslan, Anne Kollwitz, Birgit Krause, Linda Kuhn, Eva Maria Salvador, Jana Schulz, Cosima Tribukeit, Sarra Turan, Vidal und Groth und Dagmar Weiß, um alle zu nennen) ausgestellt wurde, ist dabei keineswegs jeden Jahr Station. Auch in Sachen Ausstellungsort setzen die Macherinnen auf Vernetzung und sind jedes Jahr woanders zu Gast.

Zu sehen war unter anderen Ezgi Kilinçaslan mit ihrer Arbeit »nose of the soul«, die im Rahmen eines Künstlerinnengesprächs mit Kira Dell ( Mitglied der studentischen Initiative von jungemeister.net). Sie zeigt in einer Videoinstallation dokumentarisch die Fasanenjagd von Vater und Sohn in Belgien, die alljährlich stattfindet und strikten Ritualen unterworfen ist. Kiliçaslan führte Regie und offenbart dem Betrachter den sehr traditionell ablaufenden Vorgang, vom Aufscheuchen der Tiere bis zu ihrer Tötung.
Die Atmosphäre der Soundinstallation ist düster, angespannt, doch die Brutalität des Erschießens wird durch den dokumentarischen Charakter der Aufnahmen und die streng ritualisierten Abläufe gemildert. Akustisch nimmt man nur das Gezwitscher und die raschelnden Sträucher war. Die Arbeit stellt die stark gegenderte westliche Welt in den Fokus, die von patriarchalischen Strukturen durchzogen wird und die Rolle des Mannes kritisch beleuchtet. Hier sei nur angedeutet wie medienspezifisch, sondern auch gattungsübergreifend die ausgestellten Arbeiten sind. Für die inhaltlichen und formalen Kriterien der Objekte gibt es keine Richtlinien oder thematischen Vorgaben.

Neben der Ausstellung ist es Aufgabe der Künstlerinnen, ihre Website, sowie einen Katalog mit ihren Werken zu kreieren. Die Monografie entsteht dabei in kompletter Eigenregie und kommt fast ohne Vorgaben aus; lediglich das einheitliche Format muss eingehalten werden. Unterstützung bekommen sie von jungen GraphikerInnen und AutorInnen, mit denen sie zusammenarbeiten. Zusätzlich wird zur Ausstellung ein Gesamtkatalog erscheinen. Auch dafür sind verschiedene Gestalter verantwortlich ­ das Netzwerk rund um Goldrausch und art IT wird immer größer. So überzeugt zum Beispiel der 2014er Katalog »Helium« durch seine ästhetische und durchdesignte Aufmachung, den farblich zum Buchcover abgestimmten gelben Leineneinband, sowie die Papier-und Bildqualität.

Und was sagen die Künstlerinnen dazu? Knapp zusammengefasst wird deutlich, dass die Impulse, die die Teilnehmerinnen bekommen, individuell umgesetzt werden und, dass besonders die lebendige Zusammenarbeit Früchte, auch in Bezug auf die künstlerische Produktion, trägt. Einige Teilnehmerinnen erfahren eine Art von künstlerischer Selbstreflexion durch den regen Austausch mit den Kolleginnen, andere schließen Freundschaften oder inspirieren sich gegenseitig. Das Nebeneinander und der produktive künstlerische Austausch unter den Stipendiatinnen bietet neues, kreatives Potenzial.

Auf die Frage an die Kuratorinnen, was sie jedes Jahr immer wieder aufs Neue motivieren würde, antworteten sie enthusiastisch: »Uns begeistert die Vielfalt der künstlerischen Arbeiten und unterschiedlichen Herangehensweisen im Umgang mit den Herausforderungen der künstlerischen Alltagspraxis.« Mit diesem positiven Statement in Hinblick auf die zukünftigen Goldrauschprojekte steigt die Vorfreude auf die Künstlerinnenarbeiten, die den Zugang zur Öffentlichkeit hoffentlich noch finden werden.