Ausstellungsbesprechungen

Georg Baselitz - Remix und In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance, Albertina Wien, bis 12. und 16. Februar 2014

Zum 75. Geburtstag widmet die Wiener Albertina dem deutschen Künstler Georg Baselitz (*1938) eine Retrospektive aus 120 Werken, die in den letzten zehn Jahren entstanden und Teil der hauseigenen Kollektion sind. Aquarelle ziehen sich als roter Leitfaden durch die gesamte Ausstellung und vernetzen die Medien Druckgrafik, Malerei und Zeichnung. Parallel zur Baselitz-Personale gibt die Albertina mit der Ausstellung von Farbholzschnitten der Renaissance Einblick in die Privatsammlung des Künstlers. Petra Augustyn hat sich beide Ausstellungen angesehen.

Das Jahr 2013 war das Jahr des Georg Baselitz: Im Januar feierte er seinen 75. Geburtstag. Es gab Artikel, Ausstellungen, Fotostrecken, neue Kataloge, einen Film, der im Fernsehen und im Kino lief und sogar eine Benefizauktion. »Ich lebe zurückgezogen. Ich lebe sozusagen einsam.« Solche Sätze nimmt man dem Künstler in diesem Jahr nicht ab.
Baselitz gilt als einer der teuersten Gegenwartskünstler. Investmentfonds bieten seine Werke als Kapitalanlage an und die Nähe zur Finanz- und Wirtschaftselite tun das Übrige. Die Strategie, Motive auf den Kopf zu stellen, lohnt sich. Kurzum: Georg Baselitz ist ein Medienphänomen.

Die Ausstellung beginnt mit einem Bild aus dem Jahre 2005 (»Der neue Typ«, Remix) und endet mit einem Frakturbild (»B. für Larry«, Remix, 2006). Remix bedeutet neue Mischung, neue Kombination und gehört für gewöhnlich nicht zur Alltagssprache des Kunsthistorikers. Vielmehr meint dieser Begriff in der Technik die Neukombination der Tonspuren einer Musikaufnahme, die Verbesserung der Wirkung oder eine Veränderung des Stils. In einem Remix, so scheint es, treffen sich alte und neue Tradition zu einem grandiosen Totentanz. Erinnert sei hier an die Kontextveränderung vom großen Ballsaal hin zum Szene-Nachtclub.

In einem bisher einmaligen Verfahren malte Baselitz einen Teil seines gesamten Œuvres bewusst und planmäßig neu, um herauszufinden, ob sein Werk, das vielfältigen, inhaltlichen und stilistischen Schwankungen unterworfen war, als großes Ganzes zu wiederholen ist und welches Ergebnis eine derartige Rekonstruktion erbringt. »Meine eigenen Sachen zu wiederholen, schien mir immer fatal. Jetzt aber habe ich ein Konzept und eine Legitimation dafür«, so der Künstler. Er malt einzelne Werke wie die »Ährenleserin« nicht als Kopie sondern als gleiches Motiv zu einer neuen Zeit. Die zum Teil als Skandalbilder Aufsehen erregenden Werke der 1960er Jahre erscheinen in ihren Neufassungen beruhigt und weniger schockierend. Es entstanden großformatige Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, die mit gestischer Leichtigkeit den Dialog mit dem eigenen Werk aufnehmen.

Das Selbstporträt »Einer malt mein Porträt« (2006) steht ebenfalls auf den Kopf. Der Künstler zeigt sich mit einer Mütze. Darauf befindet sich ein Anker und erinnert an die berühmten Hans-Albers-Mützen in dessen Rollen als Seemann. »Ich habe dieses Selbstporträt wenig optimistisch gemacht, aber es zeigt ja auch ein ganz bestimmtes Alter, wo man einfach ein bisschen desolat wirkt«, so Baselitz. Die erste Idee war mit dem so genannten »Tama«, dem Hund Eduard Manets, geboren, den Georg Baselitz in den Jahren zuvor mehrfach gemalt hatte. »Tama« heißt Liebling und so wandelt sich das Ganze dann doch zu einem sehr optimistischen, fröhlichen Bild.

Ein Künstler ist weder Kritiker, noch Historiker oder Journalist. Selten reagiert er so wie man es sich von ihm erwartet. Jede Aussage eines Künstlers ist letztlich eine Aussage, die gesteuert werden kann. Baselitz Entscheidung, die Bilder auf den Kopf zu stellen, verglich der ehemalige Hamburger Kunsthallendirektor Werner Hofmann mit einem Schlüsselerlebnis Wassily Kandinskys, der eines seiner Gemälde, auf dem Kopf stehend, im Atelier betrachtet hatte. »Ich wusste jetzt genau«, schrieb Kandinsky, »dass der Gegenstand meinen Bildern schadet.« Von der neuen Freiheit, über Kopf »all das malen« zu können was er will, spricht Baselitz genauso wie darüber »unsichtbare Bilder« malen zu wollen. Damit greift er einen weitern Mythos der Moderne auf: die »ungemalten Bilder« von Emil Nolde, die Siegfried Lenz 1968 in seinem Roman »Deutschstunde« verewigte.

Vorbilder für ein Prüfen der eigenen Kunst durch spätere Wiederaufnahmen fand der Maler zusätzlich in der Kunst von Edvard Munch und Andy Warhol. Baselitz widmet sich auf diese Weise seiner eigenen Vergangenheit, wirft einen kritischen Blick zurück auf ältere Kompositionen, mischt vier bis fünf Farben und malt sie aus dem Gedächtnis, am Boden liegend. Es handelt sich hierbei, so Baselitz, nicht um Interpretationen, sondern um neue Entwicklungen. Immer wieder verweist er auf Warhol, wenn er unterstreicht, dass Kunst nichts Objektives sei, sondern nur Subjektivität zähle, oder wenn er Warhols Begeisterung für technische Hilfsmittel beim Malen erwähnt. Immer geht es um die Frage der Malerei und ihren Möglichkeiten, vor allem aber um das Einreißen von sicher geglaubter Grenzen zwischen Figuration und Abstraktion.

Streift man durch die Baselitz-Ausstellung, so kommt man nicht darum herum sich eine weitere Schau der Albertina anzusehen: »In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance – Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien«. Schon als junger Künstler begann Baselitz in Florenz Blätter aus dieser Epoche zu sammeln und bis heute sind mehrere Kunsthändler in seinem Auftrag tätig, die Sammlung zu erweitern. Als Kriterien benennt Baselitz Expressivität, Dynamik und Ausgefallenheit.

Der Clair-obscur-Holzschnitt ist ein drucktechnisches Verfahren, das zur Reproduktion bestimmt ist, aber nicht allein reduziert darauf künstlerisch eingeordnet werden sollte. Es waren wohl doch die Deutschen, die diese Technik erfunden haben, denn die ersten Drucke dieser Art stammten von Lucas Cranach d. Ä. und Hans Burgkmair. Im 16. Jahrhundert erlebte die Technik ihren absoluten Höhepunkt, etwa bei den Künstlern des Dürer-Kreises (Hans Baldung Grien, Hans Sebald Beham, Hans Wechtlin, und auch Albrecht Altdorfer). Auch Albrecht Dürers Holzschnitte selbst wurden nach seinem Tod in dem neuen Verfahren nachgedruckt. Sein Rhinoceros gibt es nicht nur in Schwarzdruck, sondern wird auch mit einer grünen Tönung gezeigt.

Man ist als Besucher geneigt, diese Ausstellung nur vom technischen Standpunkt aus zu betrachten. Fragen zur Gestaltung rücken die Themen der Werke in den Hintergrund. Wie anders etwa wirkt ein Sujet, wenn es in hellem Ocker oder in dunklerem Braun abgezogen wurde? Wie ändern sich Stimmung und einzelne Akzente, die dort verloren gehen, dort hervorgehoben werden? Der »Diogenes« des Ugo da Carpi besticht nicht nur durch seine Technik, sondern auch durch das fesselnde Sujet, entstanden in einem Zeitalter, als Biblisches und Heiligenthemen im Vordergrund standen,

Die Ausstellung kann – hier wirken die Sammlungen der Albertina und von Baselitz geradezu perfekt zusammen – einen Schwerpunkt auf Ugo da Carpi legen, der gerne behauptete, er habe diese Technik erfunden, obwohl er sie bloß in der Farbwirkung erweitert hat. Der Niederländer Hendrik Goltzius schuf einige der schönsten Werke dieser Kunst. Weiter sind Holzschnitte von Andrea Andreani, Antonio da Trento, Giuseppe Niccolò Vicentino, und Domenico Beccafumi zu sehen.