Buchrezensionen, Rezensionen

Georg Heym: Umbra vitae. Nachgelassene Gedichte. Mit 47 Originalholzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner, Reprint, Reclam 2009.

1924 erschien im Münchner Kurt Wolff Verlag ein Buch, das seinen bereits zwölf Jahre zuvor verstorbenen Verfasser endgültig berühmt machen sollte: »Umbra vitae« von Georg Heym. Wesentlichen Anteil an dem Erfolg dieses Buches hatte Ernst Ludwig Kirchner, der die Gedichte mit insgesamt 47 Holzschnitten kongenial illustrierte. Jetzt ist im Reclam-Verlag ein außerordentlich schöner Reprint dieses Buches erschienen, zusammen mit einer schmalen Broschüre, die uns in zwei Beiträgen über die Zusammenstellung der Gedichte durch die ersten Herausgeber sowie über Kirchners Arbeit an den Holzschnitten informiert. Stefan Diebitz hat für PKG das Werk betrachtet.

»Umbra Vitae« (»Schatten des Lebens«) war nicht der erste Gedichtband Heyms und schon der zweite dieses Titels. 1911, im Jahr vor seinem frühen Tod (Heym war beim Eislaufen verunglückt), hatte der Dichter mit »Der ewige Tag« im Rowohlt-Verlag debütiert, und 1912 war im selben Verlag »Umbra vitae« ein erstes Mal herausgekommen und hatte seinen Ruhm begründet. Die Zusammenstellung seiner Gedichte hatten seine Freunde übernommen, und bereits für dieses Buch hatte man an eine Zusammenarbeit mit Künstlern der »Brücke« gedacht.
Die heutige Ausgabe befindet sich in einem Schuber, zusammen mit einer fünfzigseitigen Broschüre, die neben einer Bibliographie zwei instruktive Aufsätze enthält. Über Kirchners Arbeitsweise und sein Interesse an den Gedichten Georg Heyms belehrt uns ein Beitrag der Kunsthistorikerin Anita Beloubek-Hammer, und der Germanist Gunter Martens, der sich seit 1964 mit dem Werk dieses Dichters beschäftigt, erläutert in einem kurzen Essay, warum Heyms Gedichte sich so sehr für eine Illustration durch einen expressionistischen Künstler eignen. Besonders betont Martens die „auffallend flächige Farbgebung in den Grundtönen Rot, Grün, Gelb, Blau, die keine Rücksicht auf reale Gegebenheiten nimmt, die verzerrte Formgebung, die überdimensionierten Gestalten, die expressive Dynamisierung von Bewegungsabläufen“.

Georg Heyms Gedichte gelten als ein Hauptzeugnis des frühen literarischen Expressionismus. Das Titelgedicht selbst erinnert wohl nicht von ungefähr an Jacob van Hoddis’ »Weltende«, das Kurt Pinthus’ legendäre Sammlung »Menschheitsdämmerung« von 1919 eröffnet (ihm folgt unmittelbar »Umbra Vitae«) und sich schon deshalb bis heute einer gewissen Popularität erfreut. Dieses Gedicht stammt von 1911, und weil der Verfasser mit Heym befreundet war, darf man bei seiner Niederschrift die Kenntnis dieses Gedichts voraussetzen:

„Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen
Und sehen auf die großen Himmelszeichen,
Wo die Kometen mit den Feuernasen
Um die gezackten Türme drohend schleichen.

Und alle Dächer sind voll Sternedeuter,
Die in den Himmel stecken große Röhren,
Und Zauberer, wachsend aus den Bodenlöchern,
Im Dunkel schräg, die ein Gestirn beschwören.“

Heyms Gedichte sind generell lang, und auch dieses umfasst insgesamt neun Strophen, so dass es zwei Seiten einnimmt. Der Holzschnitt zu »Umbra vitae« zeigt im Hintergrund Menschen, die die Arme emporrecken, links fällt ein Körper der Erde zu, und in der Mitte, etwas nach links versetzt, steht ein Mensch, dessen Kopf mit den eingefallenen Wangen und seinen hervorstehenden Wangenknochen tatsächlich ein wenig an den Indianerkopf Adenauers erinnert. Beloubek-Hammer schreibt zu dieser Illustration wie zu den anderen Holzschnitten: „Die kleinen, oft nur als Schattenrisse gegebenen Gestalten scheinen ins Bodenlose zu stürzen oder von einem bedrohlichen Strudel verschlungen zu werden.“ Eben dies ist auch die Stimmung, die von den meisten Gedichten ausgeht.

Mit einer einzigen Ausnahme ist jedem Gedicht ein Holzschnitt zugeordnet, und auch deshalb sind alle Seiten dieses Buches gefüllt, zeigen also nicht die für Gedichtbände üblichen großen weißen Flächen um wenige bedeutungsschwere Zeilen. Die Länge von Heyms Gedichten ist ein wesentlicher Grund für dieses für Lyrikbände so untypische Layout. Der andere Grund ist in der Arbeitsweise Kirchners zu suchen, die Kurt Wolffs Mitarbeiter Hans Mardersteig, der den Kontakt zwischen Verlag und Künstler hergestellt hat, in einem Brief an den Verleger beschreibt. Kirchner hat jedes Gedicht illustriert, und
„zwar derart, dass er die alte Ausgabe hernahm und jeweils unter den einzelnen Gedichten, die nie eine Seite voll ausfüllen, einen kleinen Holzschnitt eingefügt hat, der dann den frei gebliebenen Satzspiegel bis zur Seitenzahl ausfüllt.“ Bis auf eine einzige Ausnahme steht in der Ausgabe von 1924 der Holzschnitt allerdings zwischen Titel und Gedicht, also darüber.
Als einziges Gedicht wurde »Alle Landschaften haben sich mit Blau erfüllt« nicht bloß illustriert, sondern der komplette Text wurde von Kirchner geschnitten, so dass die Gestaltung der ganzen Seite von ihm unternommen wurde. Ursprünglich hieß dieses Gedicht »Träumerei in Hellblau«, aber die Umänderung des Titels gehört zu den Eigenmächtigkeiten der ersten Herausgeber, die ihn zu kitschig fanden.
Der grelle gelb-grüne Umschlag mit dem dürren Gesicht einer gestikulierenden Frau geht natürlich auch auf Kirchner zurück, so wie alles andere Gestalterische in diesem Buch noch. Der Druck dieses Reprints ist qualitativ hochwertig, und das ganze Buch erweckt den Eindruck, mit großer Liebe hergestellt zu sein.