Ausstellungsbesprechungen

Georges Braque – Der Zauberer und die Vögel, Kunsthaus Apolda Avantgarde, bis 18. Dezember 2016

Die Liebhaber französischer Kunst führt ihr Weg derzeit an Apolda nicht vorbei, denn wieder einmal wartet hier ein bedeutender Franzose auf seine Bewunderer: Das Spätwerk Georges Braques begeistert mit fast schon ätherischen Motiven. Stefanie Handke hat sich verzaubern lassen.

Und wieder einmal zieht es uns in die Provinz – oder, wie der Apoldaer Landrat Hans-Helmut Münchberg es gern ausdrückt, in die »Provence« Thüringens. Nach Pablo Picasso und Henri Matisse zeigt das Kunsthaus Apolda Avantgarde nun nämlich einen weiteren bedeutenden französischen Künstler: Georges Braque. Insgesamt 110 Werke – Grafiken, Illustrationen und Keramiken aus dem Spätwerk des Avantgardisten sind in seinen Räumen zu bewundern.

Der Fokus liegt dabei auf seinen Arbeiten ab 1932. Dieses ist geprägt von der Auseinandersetzung mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen von Psychoanalyse bis Relativitätstheorie und Quantenmechanik, aber auch antiken Themen und vor allem dem Vogelmotiv – die Suche nach den kosmischen Ursprüngen prägen diese Werkphase, die Auseinandersetzung mit literarischen Werken und die Suche nach Bedeutung und zugleich nach der Überwindung des Raums. Kurator Tom Beege bezeichnet Braque gar als »Philosophenpoet«. Den Beweis tritt die Ausstellung mit zahlreichen Buchillustrationen an, etwa zu Hesiods »Theogonie«, zu René Chars »Lettera Amorosa« und einigen anderen Werken an. Insbesondere in der Arbeit an der »Theogonie« entwickelt er eine fast meditative Arbeitsweise, die schließlich auch zum Vogelmotiv der letzten Jahre führen sollte.

Die »Theogonie« ist beispielhaft für Braques enge Verbindung zur Poesie: Ambroise Voillard regte eine Illustrationsserie zu einem antiken Thema an, woraufhin sich der Künstler für Hesiod entschied. Bis 1931 waren bereits 16 Motive fertiggestellt und in den Folgejahren kamen weitere hinzu. Mit dem tödlichen Unfall Vollards 1939 geriet das Projekt ins Stocken, doch 1953 nahm sich der Galerist Aimé Maeght seiner an und forcierte die Fertigstellung und Veröffentlichung des Werks. Für Georges Braque kann auch der Inhalt des Verswerks als typisch gelten, erzählt Hesiod hierin doch von der Erschaffung der Götter: Die Frage nach kosmischen Ursprüngen beschäftigte den antiken Dichter und den modernen Künstler gleichermaßen.

Aber auch moderne Werke setzte Braque ins Bild: Frank Elgar, René Chars, Guillaume Apollinaire illustrierte er und so finden sich in der Ausstellung zahlreiche Lithografien und Radierungen als Illustrationen. Dabei äußerten sich auch die Künstler selbst beeindruckt von Braques Kunst. Saint-John Perse lobte sein Werk ebenso wie Frank Elgar oder Jean Paulhan, zu deren Werken er Illustrationen schuf.

Insbesondere durch seine Arbeiten ab 1949 sieht man dabei immer wieder Vögel ziehen, oft als Beiwerk, oft aber auch als Hauptmotiv. Sie sind nicht umsonst auch titelgebend, lassen sie die Besucher doch nicht mehr los: Egal ob » Der Feuervogel (Vogel XIII)« (1958) oder »Der Vogel und sein Schatten II« (1961) oder eines der anderen zahlreichen Vogelwerke – sie alle muten tatsächlich an wie Vögel, die über den Kopf des Betrachters hinwegziehen. Und das ist wohl auch das, was Braque mit seinen Bildern erreichen wollte, denn seine Beschäftigung mit Raum und Dynamik zielte auf die Schaffung eines neuen Wahrnehmungs- und Empfindungsraums ab. Das Unterbewusste war ihm dabei maßgeblich und die meditative Arbeitsweise, die er entwickelt hatte, bildete die Grundlage für diese wunderbaren Bilder und ließ ihn in seinen Gemälden schließlich auch den Raum überwinden.

Diese Vögel bargen für Georges Braque einen ganz eigenen Zauber und galten ihm als Verkörperung des ewigen Wandels und der Überwindung des Raums. Auch durch seine Illustrationen fliegen diese Wesen: In René Chars »Bibliothek in Flammen« (1956) oder Frank Elgars »Auferstehung der Vögel« finden sie sich und stehen für die Verbindung von Materie, Zeit und Raum. Das Interesse an diesem Thema hatte sich insbesondere auch durch die Erfahrungen Braques im Ersten Weltkrieg intensiviert und so überwand er auch den bis dato für ihn maßgeblichen synthetischen Kubismus. Auch wenn das Kubistische seinem Werk erhalten blieb; fortan wurden Braques Werke mythischer, zugleich aber realistischer und erschufen einen eigenen Raum.

Zunächst aber suchte Braque nach der Rückkehr aus dem Kriegseinsatz nach verlorenen Werten und so zeigt die Schau auch Stillleben und Musikinstrumente, untersucht seine Motive und führt in einem Rundgang schließlich zu den späten Illustrationen, Radierungen und Lithografien. So unternimmt der Besucher eine Wanderung durch das grafische Werk und zugleich durch Braques Bestreben, räumliches zu überwinden. Am Ende führt der Weg hin zu diesen eindrücklichen Vogelmotiven, die über den Betrachtern zu schweben scheinen.