Ausstellungsbesprechungen

Gerda Taro - Krieg im Fokus (bis 16. Mai), Frischzelle_12: Katinka Bock (bis 6. Juni) und Simply Video - Bewegte Bilder aus der Kunsthalle Bremen (bis 22. August 2010), Kunstmuseum Stuttgart

Die gebürtige Stuttgarterin Gerda Taro bricht 1936 zusammen mit ihrem Mann Capa nach Spanien auf, um über den Kampf der Republikaner gegen Francos Faschisten zu berichten. Auf der Suche nach authentischen Bildern entstanden Aufnahmen, die das Leid, aber auch das Leben der spanischen Bevölkerung in und mit dem Krieg aus beeindruckender Nahsicht dokumentieren und einen neuen Weg in der Kriegsberichterstattung beschreiten. Ein besonderes Anliegen Katinka Bocks ist es, dem Betrachter durch ihre Arbeiten neue Sichtweisen auf die direkte Umgebung zu bieten. Dabei ist ein wesentlicher Aspekt das Aufdecken von Raumbezügen, Zeitstrukturen und Maßverhältnissen. Vor fast 50 Jahren experimentierten bildende Künstler dann erstmals mit Videokamera und Monitor. Seitdem ist das Video als Medium nicht mehr aus der zeitgenössischen Kunst wegzudenken. Unser Autor Günter Baumann hat sich gleich allen drei Ausstellungen gewidmet.

Robert Capa (d.i. André Friedmann) kennt jeder, der sich einmal mit Kriegsfotografie befasst hat – seine Lebens- wie Berufspartnerin Gerda Taro (d.i. Gerta Pohorylle, 1910–1937) nahm man lange Zeit kaum wahr. In der Kunstgeschichte allgemein ist das ein bekanntes Phänomen, dass – in der Regel – die Lebensgefährtinnen im Schatten stehen. Im speziellen Genre der Kriegsdokumentation kommt freilich dazu, dass man sich kaum Fotografinnen vorstellen kann, die sich in die Krisenregionen der Welt wagen. Taro ist hier eine Ausnahme, die ihren Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Faschisten mit dem Leben bezahlte, noch nicht ganz 27 Jahre alt. Als erste Kriegsfotografin, ›Muse‹ Ernest Hemingways und als Heldin der linken Franco-Gegner (bekanntlich nahmen viele Intellektuelle aktiv am Krieg teil) hatte sie die letztlich auch wenig rühmliche Ehre, bekannt zu werden, was ihre Kolleginnen anderer künstlerischer Ausrichtung erst viel später erfuhren: Es sollen Tausende Menschen bei ihrer Beerdigung auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris gewesen sein. Zu ihrem 100. Geburtstag zeigt das Kunstmuseum das Werk der geborenen Stuttgarterin, in dem die revolutionäre Aufbruchsstimmung genauso zum Ausdruck kommt wie die Melancholie, die sich über das karge Land gelegt hatte – »Revolutionsromantik« ist der Begriff dafür, die zuweilen auch extra für die Kamera inszeniert wurde. Bald nach dem Tod geriet Gerda Taro in Vergessenheit, Capa – der ohne Taro nicht Capa geworden wäre (sie erfand die Pseudonyme) – legte auch einige ihrer Fotos, wohl nicht böswillig, unter seinem eigenen Namen ab, wie die Taro-Biografin Irme Schaber festgestellt hat, die auch eine Zusammenarbeit bei dem legendären Capa-Foto »Tod eines Loyalisten« mutmaßt. Ihrer Arbeit und dieser Stuttgarter Retrospektive ist es zu danken, dass das Werk der Fotografin in der Öffentlichkeit wieder bekannt geworden ist.

»Frischzelle« heißt die beispielhafte Serie des Kunstmuseums, die jungen Künstler(inne)n die Möglichkeit gibt, im Umfeld eines größeren Hauses ihre Arbeiten vorzustellen, was in diesem Fall auch eine Herausforderung ist: Die Ecke neben (und unter) der Treppe ins Untergeschoss, an deren Seite sich eine acht Meter hohe Wand erhebt, ist schwer zu bespielen, doch das Resümee nach einem Dutzend Ausstellungen in dieser Reihe fällt sehr gut aus. Eine Bestnote muss man auch der aktuellen, zwölften Ausstellung mit Arbeiten von Katinka Bock, geboren 1976 in Frankfurt am Main, geben. Die in Berlin und Paris lebende ehemalige Meisterschülerin der leider viel zu selten gezeigten Inge Mahn ist eine Fährtenleserin der Kunst in ihrem natürlichen oder künstlichen Umfeld. In Stuttgart zeigt Bock eine mehrteilige skulpturale Installation, die sich den Raumkoordinaten des Museumswinkels stellt. Keramische Arbeiten, Drahtseile, Eichenholzplatten, Stahlrohre, Basaltstein, Fotos, Filz und (!) Regenwasser gruppiert sie zu einem stimmigen Ensemble zusammen. Dabei hat sich die Bildhauerin nicht nur die Wände des Hauses angesehen, die sie mittels Teleskopstangen ausmisst, sondern auch in Gedanken zurückgegriffen auf eine Zeit, in der an dieser Stelle Autos über einen städtebaulichen Nichtort rasten (Reifenspuren im Ton) und Skater die alternative Szene belebten (umgewendete Graffiti-Fotos aus dem Heizungsraum des Museums). Die liegenden, hängenden, gestapelten, festgebundenen, locker verteilten, einmal locker balancierenden, einmal schwer lastenden Elemente machen die Installation zu einem selbstreflexiven Kunstwerk, das eine enorme poetische Kraft vermittelt, nicht zuletzt durch den prozessualen Charakter einzelner Objekte – etwa, wenn sie ungebrannte Tonplatten »Wind und Wetter« aussetzt (hier symbolisch vertreten durch Lufttrocknung und Bewässerung). Wenn man sehen will, wie weit man im positivsten Sinne über Joseph Beuys hinauswachsen kann, sollte man sich die Arbeiten von Katinka Bock ansehen. Eine Katalogbroschüre begleitet die beeindruckende Schau.

Die jüngste Ausstellung im Stuttgarter Kunstmuseum präsentiert »Bewegte Bilder aus der Kunsthalle Bremen« unter dem Titel SIMPLY VIDEO, die in Kooperation mit dem mittlerweile hochrenommierten 17. Internationalen Trickfilm Festival (4.–9. Mai) entwickelt wurde. Ein halbes Jahrhundert Video-Kunst war Anlass, nun auf ein paar Facetten dieser mächtig ins Kunstleben hineinwirkenden Gattung hinzuweisen. Da sich die Kunsthalle Bremen – die bis ins Frühjahr 2011 ihre Pforten geschlossen hat und Teile der Sammlung auf Reisen schicken kann – einen guten Ruf in diesem Metier erworben hat, überzeugen die Beispiele mitunter raumgreifender Videoinstallationen. Gezeigt werden Arbeiten von Peter Campus (»mem«, 1974/75) über ein hinreißendes, auf Zeichnungen basierendes Video des südafrikanischen Künstlers William Kentridge (»Felix in Exile«, 1994) bis hin zu Clemens von Wedemeyers »Otjesd« (2005) reicht. Weitere Beiträger sind Ulla von Brandenburg, Björn Melhus, Yves Netzhammer und Astrid Nippoldt.

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