Ausstellungsbesprechungen

Gerhard Marcks – Der Bildhauer denkt! Von der Zeichnung zur Plastik, Käthe Kollwitz Museum Köln, bis 3. Juni 2018

Dass ein Bildhauer seine Werke zeichnerisch vorbereitet, ist nichts Ungewöhnliches und hat eine weit zurückreichende Tradition. In welcher Weise Gerhard Marcks das Medium Zeichnung eingesetzt hat, steht im Zentrum einer aktuellen Ausstellung im Kölner Käthe Kollwitz Museum, die den bezeichnenden Untertitel »Der Bildhauer denkt!« trägt. Rainer K. Wick hat sich die Ausstellung angesehen.

Das in zentraler Lage am Kölner Neumarkt befindliche Käthe Kollwitz Museum im Hauptgebäude der Kreissparkasse Köln, die die Trägerin des Museums ist, besitzt nicht nur die umfangreichste und geschlossenste Kollwitz-Sammlung weltweit, sondern zeigt in ihren Räumlichkeiten auch regelmäßig wechselnde Ausstellungen mit Arbeiten anderer Künstler. Zur Zeit findet dort eine kluge Ausstellung mit ausgewählten Zeichnungen und Skulpturen von Gerhard Marcks statt, die exemplarisch die Rolle, Funktion und Bedeutung des Zeichnens im bildhauerischen Schaffen des Künstlers deutlich machen.

Gerhard Marcks (1889-1981) gehört zu den herausragenden figurativen Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Mit Beharrlichkeit hat er ein unverwechselbares plastisches (und druckgrafisches) Œuvre geschaffen, das ihn als »modernen Konservativen« ausweist, der sich – unbeirrt von den unterschiedlichsten Kunst-Ismen seiner Zeit – immer treu geblieben ist. So schrieb er 1958 an die Bildhauerin Renée Sintenis: »Die Mode, die wir öfters wechseln sahen, ist schließlich über uns hinweggegangen. Aber so hat sie uns auch von mancher Last befreit, und wir gehen mit leichtem Gepäck, nach dem Gesetz, wonach wir angetreten. [...] Ist es nicht ein Glück, dem Tageslärm entrückter zu sein?« Marcks‘ künstlerische Anfänge liegen bei dem Berliner Bildhauer Richard Scheibe, dessen Bekanntschaft er 1907 machte und der ihn in sein Atelier aufnahm, wie auch bei August Gaul und Georg Kolbe, durch die er erste Anleitungen zum plastischen Gestalten erfuhr. 1914 schuf er gemeinsam mit Richard Scheibe Reliefs für das von Walter Gropius entworfene Bürogebäude auf der Werkbund-Ausstellung in Köln, nach dem Fagus-Werk in Alfeld an der Leine einem Meilenstein auf dem Weg in die architektonische Moderne, und Gropius war es auch, der ihn 1919 an das neu gegründete Staatliche Bauhaus in Weimar berief. Hier wurde er künstlerischer Leiter (»Formmeister«) der keramischen Werkstatt, die sich als Außenstelle des Bauhauses in Dornburg an der Saale befand. Seine plastischen Arbeiten der Bauhaus-Zeit wie auch seine damaligen Holzschnitte werden gemeinhin dem Expressionismus zugerechnet, 1925, nach Schließung des Bauhauses in Weimar, übernahm Marcks die Bildhauerklasse an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. Schon 1933 wurde er von den Nationalsozialisten von seinem Lehramt entbunden, im »Dritten Reich« galt er als »entartet«, obwohl er eine an der archaischen Plastik der Griechen orientierte Formensprache pflegte (die den Nazis freilich zu wenig »heroisch« war). 1943 wurde sein Berliner Atelier durch Bombentreffer zerstört. Kurz nach dem Krieg, 1946, erhielt er als Leiter der Bildhauerklasse einen Ruf an die Landeskunstschule Hamburg. Im Jahr 1950 folgte die Übersiedlung nach Köln, wo – ohne Lehrverpflichtungen – sein umfangreiches Spätwerk entstand, in dem die aufrecht stehende menschliche Figur einen zentralen Platz hat.

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Was die im Kollwitz Museum gezeigten Skulpturen von Gerhard Marcks anbelangt, liegt der Schwerpunkt der Präsentation auf der Zeit nach 1945. Doch das Besondere der Kölner Schau sind nicht diese Skulpturen selbst, sondern die mit ihnen korrespondierenden Zeichnungen, die dem Besucher Einblicke in den Prozess der Ideenfindung und der Formklärung ermöglichen und die es ihm erlauben, dem Künstler gleichsam über die Schulter zu schauen. Marcks hat eine unfassbare Zahl von Zeichnungen geschaffen – geschätzt etwa 80.000 bis 85.000 Blätter. Es handelt sich fast durchgängig um Studienblätter, kaum um Zeichnungen, die den Status autonomer Kunstwerke beanspruchen. Schon früh wurde Marcks das Zeichnen gleichsam zur zweiten Natur, und die riesige Sammlung seiner Zeichnungen war für ihn ein nahezu unerschöpflicher Fundus, auf den er immer wieder zurückgreifen konnte, ein Reservoir, aus dem er bis zum Ende seines langen Lebens seine bildhauerischen Projekte speiste. Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses in Bremen und Gastkurator der Kölner Ausstellung, berichtet, dass der Künstler nach dem sich bewegenden Modell zeichnete (wie übrigens Rodin, Klimt und andere auch) und die »Bewegung anhalten« ließ, »wenn er ein für sich interessantes Motiv entdeckt« hatte. Die Skulpturen entstanden dann nach diesen in der Regel äußerst knapp formulierten, meist auf die charakteristische Umrisslinie reduzierten, auch Grundformen und das Tektonische betonenden Zeichnungen und nicht in Anwesenheit des lebenden Modells – eine Praxis, die konsequenzlogisch vom Naturalismus ab- und zur Abstraktion hinführte.

Die Kölner Ausstellung mit Arbeiten aus eigenen Beständen des Käthe Kollwitz Museums, des Gerhard-Marcks-Hauses und einer Kölner Privatsammlung zeigt in fünf Kapiteln eindrucksvoll, wie Marcks durch die bewusste Vernachlässigung von Details, die entschiedene Verknappung der Form, die aufmerksame Suche nach Achsenbezügen und ein absichtsvolles Abweichen vom Naturvorbild zu einer gemäßigten Moderne gelangte, in deren Mittelpunkt trotz der Schrecken und Zerstörungen zweier großer Kriege und des Terrors einer zwölfjährigen Gewaltherrschaft ein intaktes Menschenbild steht. Das schließt freilich nicht aus, dass für den Künstler in den direkten Nachkriegsjahren die Trauer zu einem großen Thema wurde – erinnert sei nur an seine in sich gekehrte »Trauernde« für den Lichthof vor St. Maria im Kapitol in Köln (1946-49), in der Ausstellung durch eindringliche Zeichnungen und das Gipsmodell von 1947 belegt. Ebenfalls für Köln entstand die Sitzfigur des Albertus Magnus von 1956 vor dem Haupteingang der Kölner Universität. Im Unterschied zu den in der Ausstellung präsentierten Köpfen des Malers Hans Purrmann und des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer setzt Marcks im Fall des Albertus Magnus jenseits einer von vornherein zum Scheitern verurteilten Porträtähnlichkeit (niemand kennt das tatsächliche Aussehen dieses bedeutenden scholastischen Gelehrten des 13. Jahrhunderts) ganz auf ein stark abstrahierendes Formenvokabular und erhebt Albertus so in die Sphäre eines hochgeschätzten geistigen Idols. Die fließende Linie der Zeichnung gewinnt in der plastischen Umsetzung an kantiger Strenge, Geometrisches wird hervorgehoben. Ähnliches gilt für die meist statuarisch in sich ruhenden oder nur leicht bewegten, schlanken Aktfiguren, sei es den »Johannes« von 1936 oder die »Eva mit der Schlange« von 1956, um nur einige Beispiele herauszugreifen. Spannend ist auch hier der Vergleich mit dem zeichnerischen Material, zeigen sich doch zwischen den Zeichnungen und den ausgeführten Skulpturen sowohl Übereinstimmungen als auch Veränderungen, die der formalen Klärung und inhaltlichen Präzisierung geschuldet sind. Derartige Gegenüberstellungen lassen das »bildnerische Denken« des Künstlers (übrigens ein Begriff, der Paul Klee zugeschrieben wird) unmittelbar nachvollziehbar werden, und insofern könnte der Titel dieser sehenswerten Ausstellung, nämlich »Gerhard Marcks – Der Bildhauer denkt!«, kaum treffender gewählt worden sein. Anzumerken bleibt, dass begleitend ein von der Gerhard-Marcks-Stiftung in Bremen herausgegebenes, reich illustriertes Katalogbuch erschienen ist, dessen Lektüre unbedingt zu empfehlen ist.