Ausstellungsbesprechungen

Gerhard Richter – Streifen & Glas, Albertinum Dresden, bis 5. Januar 2014

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigen in drei Sammlungsräumen des Albertinums eine konzentrierte Präsentation mit neuen, überwiegend für diese Ausstellung entstandenen Werken von Gerhard Richter. Zu sehen sind vor allem aktuelle Beispiele aus den titelgebenden Werkgruppen »Streifen & Glas«. Anett Göthe weiß mehr.

Gerhard Richter hat während seiner seit nunmehr fünf Jahrzehnten andauernden bemerkenswerten und vielfältigen künstlerischen Karriere in seinem Werk erfolgreich Abstraktion und Figuration durchquert. Mit seinen Arbeiten, die auf dem Prinzip des Zufalls durch künstlerische Erforschungen von unbewussten Prozessen beruhen, erweist sich Richter als ein Künstler, der jenseits der malerischen Konventionen arbeitet. Ob in den veränderlichen und reflektierenden Oberflächen seiner Glas- und Spiegel-Arbeiten oder in seinen zahlreichen geometrischen Farb-Rastern der 60er und 70er Jahre, die sich auch in den von ihm im Jahre 2007 geschaffenen Fenstern des Kölner Domes wiederfinden, das Prinzip des Zufalls ist ein wesentliches Kriterium in den Arbeiten Richters.

In der aktuellen Ausstellung »Streifen & Glas« in Dresden werden verschiedene Serien aus dem bisherigen Œuvre Richters gegenübergestellt, denen allesamt das Prinzip des Zufalls zugrunde liegt, sich aber alle durch eine unterschiedliche Materialität auszeichnen. Auf das Prinzip des Zufalls in Form von Spiegelung nimmt die aus Glasscheiben bestehende Arbeit »Kartenhaus« von 2013 Bezug. Fünf Glasscheiben lehnen wie ein labiles Kartenhaus aneinander und bieten dem Betrachter vielfältige Bildausschnitte, Durchblicke und Reflexionen der unmittelbaren Umgebung. Diese Arbeit ist eine Weiterentwicklung der Skulptur »9 Stehende Scheiben (879-3)«, die parallel in der ständigen Sammlung des Albertinums zu sehen ist.

Seine Arbeiten aus der titelgebenden Serie folgen ebenfalls Richters bewährten künstlerischen Prinzips des Zufalls. Auf den ersten Blick scheinen die langen Streifen sich dem Prinzip zu widersetzen. Die akkuraten und farbigen Linien wirken streng und bewusst gesetzt. Aber der Schein trügt: Der Aspekt des Zufalls kommt wieder ins Spiel, wenn man sich den Entstehungsprozess dieser Arbeiten vergegenwärtigt. Ausgangspunkt für seine neuen Arbeiten ist das »Abstract Painting 724-4« aus dem Jahre 1990, das solange vertikal geteilt wurde, bis nur noch feinste Farbstreifen, „Stripes“, übrig blieben, die dann wieder und wieder gespiegelt wurden. Aus einer Vielzahl gespiegelter vertikaler „Stripes“ entstehen schlussendlich diese horizontalen Linien. Mit „Strips“ sind also nicht die horizontalen Linien gemeint, sondern die vertikalen Streifen, die aus diesem Urbild hervorgegangen sind.

Mit dem Wissen um die Entwicklung dieser Werke begreift der Betrachter, dass das englische Wort „to strip“, das ebenfalls in der englischen Version des Titels dieser Ausstellung (»Stripes & Glas«) enthalten ist und übersetzt „wegnehmen“ oder „entkleiden“ bedeutet, ein Hinweis auf den Entstehungsprozesses dieser Arbeiten darstellt. So basiert die Entstehung der Streifen auf einem Subtraktionsprozess. Es ist ein paradoxer Vorgang, bei dem durch Spiegelung und Wiederholung eine radikale Reduktion erzeugt wird. Die verbleibenden Farbstriche sind demzufolge die Ausgangssituationen für die nachfolgenden farbigen Streifen.

So interessant wie die Entwicklung und Umsetzung der gestalterischen Idee in Richters Bildern auch sein mag, dem Künstler selbst geht es jedoch gar nicht um den Prozess der Entstehung. Richter betont immer wieder, dass er zwar den Schaffensprozess genießt, jedoch für ihn am Ende nur das künstlerische Resultat zählt.

Weiter werden in der aktuellen Ausstellung zwei Werkgruppen Richters gegenübergestellt, die in einem zeitlichen Abstand von 50 Jahren entstanden. In der Druckserie »Elbe« aus dem Jahre 1957 werden die Bildebenen durch mehrfachen Farbauftrag so verdichtet, dass der Eindruck von einer unergründlichen Tiefe entsteht. In Bezug dazu wirkt die Serie »November« aus dem Jahre 2008 als ihr Pendant. In dieser Serie untersucht Richter mit Hilfe des gesteuerten Zufalls die Beschaffenheit der Tinte und deren Verlauf auf saugfähigem Papier und versucht deren Manipulation mit verschiedenen Mitteln. Obwohl sich Richters Arbeiten über den Zeitraum von 50 Jahren handwerklich sehr verändert haben, eint sie doch das Interesse des Künstlers an dem bewussten Zufall und der Lust am Experimentieren.

Weitere Informationen

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Winterthur, wo sie vom 18. Januar bis 21. April 2014 zu sehen sein wird.