Ausstellungsbesprechungen

Gerhard Richter - Bilder aus privaten Sammlungen

Der Meister selbst zieht Bilanz. Er hat die Spitzenposition im Kunstmarkt erklommen – unter den lebenden Malern weltweit wird man keinen mehr finden, der so beständig Höchstpreise erzielt. Und wo sonst Neiddebatten vom Leder gezogen werden – ihm gönnt man diesen Erfolg, diesem Maler Gerhard Richter, der seine Stile so oft wechselt wie andere Maler ihre Pinsel.

Das Museum Frieder Burda hat für den künstlerischen Tausendsasa seine Räume frei gemacht und zeigt Werke aus vier Privatsammlungen. Als Kurator bestellte es, und das ist das Interessante daran: Gerhard Richter. Er durfte aus einem Fundus von rund 100 Bildern 60 heraussuchen (er fügte dann aber den Sammlungen Böckmann, Burda, Ströher – soweit bekannt – noch eigene Arbeiten hinzu). Den Betrachter kann’s freuen: Er bekommt so nicht nur Deutschlands berühmtesten lebenden Künstler zu sehen, sondern auch noch sozusagen »The best of«. Kein Wunder, dass sich bald nach Museumsöffnung die Menschenmengen durch das Haus bewegen, die kaum noch Muße ermöglichen, die Werke auch wirken zu lassen – die Verlängerung der Ausstellung bis zum 4. Mai entkrampft die Situation ein wenig.

So schön es ist für die Ausstellungsmacher, wenn die Kasse klingelt, mag man bedauern, dass unter diesem Besucherstrom keine echten Entdeckungen mehr zu machen sind: Man ertappt sich eher dabei, wie man die Phasen und Werksegmente aus dem fulminanten Œuvre abhakt und daraufhin prüft, ob nicht eine vergessen wurde (schade: Warum nur fehlt der Vogelzug übers Meer, bei dem die Protagonisten auf der Leinwand ausgespart wurden, oder ein Pendant aus dieser Serie? Würth war als Sammler wohl nicht zu gewinnen?). Man bekommt Richter hier fast nur flüchtig zu Gesicht. Doch da wird man stutzig: Genau da bekommt man nämlich den Künstler zu packen, wo er authentisch ist. Er will ja gerade nicht in der Tiefe wahrgenommen werden, sondern da, wo auch die ganze heutige Gesellschaft zu finden ist: an der Oberfläche. Da erhaschen wir einen Ausschnitt aus verschwommenen Familienfotos, Bootspartien, Autoprospekten usw., zuweilen mit gesellschaftspolitischer oder historischer Botschaft. Aber wie auch immer, das wohl bekannteste (und schönste) Bild der Sammlung Burda macht es augenfällig: Eine Kerze ist eine Kerze ist eine Kerze – oder anders formuliert: Sie ist Kunst, Farbe auf Fläche, wobei es vollkommen gleichgültig ist, ob sie ein abstraktes oder figuratives oder sonst wie gegenständliches Motiv zeigt. Ob von der figurativen oder von der abstrakten Seite aus gesehen: Richter liegt dies- und jenseits davon, was sein sinnfälliges Zeichen auch darin hat, dass die im Zufallsprinzip erstellten Farbsequenzen über die Ausstellung hinweg bis zu dem im letzten Jahr fertig gestellten Kirchenfenster im Kölner Dom reicht – was im Museum den Touch der Beliebigkeit hat, erhält dort eine sakrale Überhöhung (und umgekehrt).

Gerhard Richter ist ein Schelm. Medienscheu streut er diese Minimalmaxime und führt von Bild zu Bild vor – wie manche alte Meister –, was er alles kann. Eben alles: Landschaft, Genre, Porträt, Stillleben, Städtebild, Historienbild (ja, auch das: etwa die Flugzeugstaffeln, die besonders in schwindelnde Höhen stiegen im Kunsthandel, dass selbst Richter schwindelig wurde) und anderes mehr. Und wo er abstrakt wird, kann er diese Linie so radikal verfolgen, dass einem ganz grau vor Augen wird (so etwa der Grundton von vier nebeneinander hängenden Großformaten) – aber grau ist alle Theorie, grau ist der Alltag und nachts sind gar die Katzen grau. Richter kann ohne viel Farbe auskommen, und dann wieder überrascht er mit farbstrotzenden Eruptionen. Man findet keinen Stil im Werk Richter, in der Ausstellung obendrein keine Chronologie, die Bilder sind nicht fassbar (aber nicht unfassbar). Und so passt es fast dazu, dass sich die Besucher dran entlang schieben, als seien sie im Supermarkt. Zugleich sind sie Zeugen einer hintergründigen Schau. Richters Werk umfasst etwa 2700 Arbeiten, die 60 in Baden-Baden gezeigten Exponate bleiben eine zufällige Auswahl, aber sie trägt ganz die Handschrift des Malers.

Nach der Baden-Badener Auftaktstation geht die Ausstellung auf eine längere Reise, die die 60 Meisterwerke bis nach Peking bringt.

 

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Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr