Ausstellungsbesprechungen

Gert Fabritius – Mythos Heimat. Heimat im Mythos, Donauschwäbisches Zentralmuseum Ulm, bis 25. September 2011

Welche Bedeutung Heimat für ihn selbst hat, was Heimat für die Menschen bedeutet, bedeuten kann, das treibt den in Stuttgart lebenden Künstler Gert Fabritius schon lange um. Er entstammt einer Familie aus Siebenbürgen, ist in Bukarest geboren und 1977 nach Deutschland gesiedelt. Günter Baumann hat seinen Heimatbegriff eruiert.

Das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm zeigt einen Querschnitt aus dem Werk des Holzschneiders Gert Fabritius: Bekannt für seine mythologisch-christlichen bzw. allgemein abendländischen Motive und Chiffren (Sisyphos, Minotauros, Engel; Schiff, Leiter, Stuhl), hat sich der Heimatbegriff in seinem Werk eher zurückgehalten – sieht man von dem installativen Einsatz der (wie er es nennt) transportablen Heimat ab, der uns aber umso deutlicher vor Augen führt, wo Fabritius seine spezifische Heimat verortet.

Der Ausstellungstitel spricht eine klare Sprache: Die Heimat selbst ist für den in Bukarest geborenen und seit 1977 in Deutschland lebenden Künstler ein Mythos; anders gewendet sucht und findet er Heimat im mythischen Bild. Eine Heimattümelei ist hier nicht abzuleiten, zumal Fabritius den Begriff »Heimat« ausdrücklich als eher befremdlich und »als trügerischen Widerschein, einen Spiegel voller Bilder von Türmen und Toren, von roten Bergen und riesigen Gärten und glücklichen Tagen« empfindet. Liegt die tatsächliche Heimat, in die man geboren wurde, zudem im damaligen Rumänien, heißt das für einen Künstler und kritischen Menschen auch misstrauische Beobachtung bis hin zu Berufsverbot und Verfolgung durch die Securitate. »Heimat wird zur Fremde«, meint Fabritius dazu, »und das Glück in der Fremde ist noch keine Heimat. Es sind Stufen zu erklimmen, die wieder zurückführen oder ins Neue leiten.« Heimat, das bedeutet für Fabritius allenfalls ein »mythischer Traum« vom Nicht-Vergessenen, »ist so fern und doch so nah«. Als Humanist trägt der Künstler seine Bilder einer eher unbehausten Heimat, eingebettet in ein kulturhistorisches Wissen um die ideelle Herkunft des Menschen, immer mit sich. Das ist der Preis einer geistigen Heimat.

Das Entree in die Ausstellung ist gewaltig. Während man zunächst die räumliche Enge vergleichsweise niedriger Räume wahrnimmt, öffnet sich dem Besucher eine dramatisch beleuchtete Raumflucht, an deren Anfang eine Art drehbares Windrad (»Fahne«, 2011) mit der Darstellung von Adam und Eva posiert – es handelt sich um die Druckstöcke zweier Holzschnitte, die im selben Raum ihre seitenverkehrte Manifestation erleben – , und an deren Ende die monumentale Installation »Mythos Heimat« (2011) die Blicke magisch anzieht, bestehend aus übermalten Holzschnitten, Leinwänden, Druckstöcken und einem zerlegten Holzschlittenobjekt. Dazwischen verweist eine Leiterinstallation mit dem poetisch-beschwingten Titel »Leiter-Duett« (2010) auf die kleinste Einheit gesellschaftlicher Organisation und dem dazu gehörigen Zugehörigkeitsgefühl: die Zweisamkeit; wer zudem an die Himmelsleiter denkt, liegt nicht verkehrt.

Auf dem Weg durch die Räume begegnet dem Betrachter wohlinszeniert die ganze Bandbreite des Fabritiusschen Schaffens: die Arche als Zeichen des Hinübergleitens oder Sisyphos als Inbegriff des modernen Menschen – das Widmungsbild an Ionesco mit dem Stuhlmotiv unterstreicht das im Existentialismus von Camus & Co. begründete Weltbild des Künstlers. Dazu kommen plastisch gestaltete Holzschnittobjekte, einige Beispiele aus dem fulminanten malerischen, mittlerweile auf rund 40 Künstlerbände angewachsene Tagebuch-Werk (»Tagebuch-Auf-Zeichnungen«), in dem sich Fabritius unermüdlich zum Zeitgeschehen äußert, sowie zahlreiche Porträtarbeiten (»Ebenbilder«), die u.a. Ingo Glass, Herta Müller oder Oskar Pastior – im deutschrumänischen Kontext – oder Christoph Schlingensief, Pina Bausch oder Placido Domingo zeigen. Gerade auch das Festhalten an Gesichtern macht die Unwägbarkeit angeblich gesicherter Bilder deutlich – die realen Vorbilder werden schlicht älter und sterben. Und der Sisyphos in uns? Der arbeitet sich in absurder Beständigkeit am Stein ab, der möglicherweise auch ein Stück Heimat darstellt. Nach dem Verständnis von Albert Camus ist er glücklich.

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