Ausstellungsbesprechungen

Gerwald Rockenschaub - multidial, Kunstmuseum Wolfsburg, bis 4. September 2011

Rockenschaubs Neo-Geo-Malerei, einer Kunstrichtung der 1980er Jahre, die eine abstrakte Formfindung aus der zeitgenössischen Umwelt und Gesellschaft ableitet, füllt in Wolfsburg eine riesige Halle. Sie verwickelt den Betrachter in einen sublimen „Augensex“, der viel aussagt über unsere von Werbung und visuellen Reizen überflutete Alltagswelt. Bettina Maria Brosowsky hat sich mit Rockenschaubs Gespür für den Raum auseinander gesetzt.

40x40x16 Meter, das sind die Abmessungen der großen Oberlichthalle des Kunstmuseums Wolfsburg. Direktor Markus Brüderlin wird nie müde, die ausstellungstechnischen Möglichkeiten dieser Indoor-Piazza des Schweger-Baus zu loben. Das Haus verfüge damit über eine der am besten funktionierenden Ausstellungsarchitekturen, wenn nicht gar welt-, so zumindest europaweit. Sicherlich, in diesem unverstellten zentralen Volumen kann jede Ausstellung ganz spezifisch inszeniert werden – sie muss es aber auch, denn dieses generische Vakuum bietet von sich aus keine Verortung an, keine atmosphärische Konstante, wie sie stärker raumbildende Museumsarchitekturen vorhalten. So gerann in der Halle dann manch kleinräumigere Ausstellungsarchitektur zu einem wahren Hüttendorf aus White Cubes, das, spätestens im Blick von der Galerie, in seiner fehlenden dreidimensionalen Handhabung allenfalls als unbeabsichtigte Fiktionsbrechung überzeugte.

Räumlich adäquater hingegen waren manche der so bezeichneten Großen Hallenprojekte. Unvergessen vielleicht Olafur Eliassons radikaler Eingriff: die auf halber Raumhöhe eingezogene Spiegelfläche, von oben betrachtet, ein den Himmel reflektierender, an diesem Ort natürlich vollkommen überraschender 'See'.

Nun ist der Österreicher Gerwald Rockenschaub, 1952 geboren, in Berlin lebend, mit einer poppig-bunten Installation in der Halle vertreten. Und er geht nicht minder radikal ans Werk. Einem Frühjahrsputz gleich wurden alle Reste vorheriger Ausstellungseinbauten entfernt, der Raum somit vollkommen freigeräumt, die Oberlichtgaden geöffnet. In diesen Hybrid zwischen Innen und Außen hineingestellt wurden zwei gut elf Meter hohe, je rund 33 Meter lange Wände, die einen Winkel etwas größer als 90 Grad bilden. Zur Perspektivsteigerung sind ihre oberen Kanten ganz minimal abgeschrägt, alles steht zum Raumumriss leicht verkantet, eine 35 Meter lange kubische Bank vervollständigt das reduzierte Setting. Die 700 Quadratmeter Wandoberfläche der Sichtseiten sind mit einer dichten Anordnung aus 385 so genannten Sujets beklebt: Piktogramme, Bildzitate, digitale Icons, verfremdete Buchstaben. Dieser demonstrative "Sign War" will mit Malerei, gar genialischer Kunst nun nichts mehr zu tun haben.

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Rockenschaub kommt aus dem angewandten Bereich und versteht sich emotionslos als Dienstleister, dessen Job es sei, visuelle Reize zu erzeugen. Er ließ 2008 die temporäre Kunsthalle in Berlin mit einer grob gepixelten Wolke bemalen, die, über Eck angeordnet, dadurch eine gebrochene Dreidimensionalität erhielt. In Wien-Simmering versah er 2006 die kubischen Fassadenvorschaltungen aus Balkonen, Loggien und Wintergärten des Wohnbaus Look von Gert M. Mayr-Keber mit munteren Farben. Auch für Werbung ist sich Rockenschau nicht zu schade, er erarbeitet alle Projekte seines Neo-Geo technisch-cool am Computer. In einem 3D-Modell wurde die Zeichenabfolge der Wolfsburger Installation entwickelt, zu Kontrollzwecken und für die Montage als flächige Abwicklung in großem Maßstab geplottet, anschließend in Laserfolienschnitt übertragen. Dass die Farbskala der Folien von den Plotfarben etwas abweicht, Mehrfarbiges in Lagen handwerklich collagiert werden musste – das wird pragmatisch genommen als Zugeständnis an den derzeitigen Stand der Technik.

Und so überzeugt Rockenschaubs Wolfsburger Installation auch nicht durch ihre Qualität in einem akademischen Sinne (und sollte vielleicht auch nicht in wohlklingender Kuratorenprosa als Sinnbild unseres aktuellen Lebensgefühls inklusive des Horizontverlustes in einer Multioptionsgesellschaft theoretisch strapaziert werden). Gerwald Rockenschaub folgte seinem instinktiven Gespür für diesen Raum: hier kann man nicht kleckern, hier muss man klotzen! Somit darf man auf die nächsten Ausstellungsarchitekturen in der Halle gespannt sein.