Ausstellungsbesprechungen

Gesamtkunstwerk: New Art from Germany, Saatchi Gallery London, bis 30. April 2012

Auf der "Insel" noch unbekannt, präsentieren verschiedene deutsche Künstler in London nun ihre faszinierenden Arbeiten. Die unterschiedlichen Gattungen ihrer Werke formten dabei ein Gesamtkunstwerk, das sich Karin Ego-Gaal angesehen hat.

Die Ausstellung in der wunderbaren Saatchi Gallery, gefüllt mit Kunstwerken deutscher oder in Deutschland lebender Künstler, ist X-Faktor-Gewinn pur und bestätigt Deutschlands Position als Machtzentrale der zeitgenössischen Kunst in Europa. Schon allein der Titel der Ausstellung wurde heiß diskutiert und interpretiert: »Gesamtkunstwerk«, eine Synthese aus verschiedenen Kunstformen, die in einem allumfassenden einzigartigen Genre enden. Der berühmte Richard Wagner benutzte den Begriff schon in seinem Essay »Das Kunstwerk der Zukunft« (1849) als eine Möglichkeit, seine eigenen ästhetischen Ideale zu definieren. Als der kreative Meister von „Gesamtkunstwerk“ war es Wagners ultimatives Erstreben, sein Publikum mit seinem Meisterwerk so zu verzaubern, dass jeder Einzelne ein Teil davon wird. Inwieweit Wagners Wunschdenken bei der aktuellen Ausstellung möglich ist, muss jeder Besucher für sich entscheiden, doch das Potential für das „Gesamtkunstwerk“ ist immens.

Die Schau präsentiert 24 Künstler, welche in der UK bis jetzt selten zu sehen waren. In Deutschland sind sie bereits etabliert und streben nun einen internationalen Ruf an. »Gesamtkunstwerk: New Art from Germany« zeigt eine Auswahl an Arbeiten von Dirk Bell, Alexandra Bircken, Andre Butzer, Zhivago Duncan, Ida Ekblad, Max Friesinger, Isa Genzken, Felix Gmelin, Jeppe Hein, Thomas Helbig, Georg Herold, Volker Hueller, Thomas Kiesewetter, Jutta Koether, Friedrich Kunath, Stefan Kürten, Josephine Meckseper, Kristine Roepstorff, Markus Selg, Gert und Uwe Tobias, Corinne Wasmuth, Andro Wekua und Thomas Zipp. Gezeigt werden Skulpturen, Bilder, Zeichnungen und Installationen, die von grotesk und makaber bis hin zu lyrisch und surreal reichen und die große Vielfalt der deutschen Kunst reflektieren.

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Ein Rundgang durch die Ausstellung ist wie eine Forschungsreise, gefüllt mit ästhetischen Experimenten und sozialer Kritik sowie einem globalen Bewusstsein und einer weiterführenden Reinterpretation der eigenen historischen Grenzen. Andre Butzers abstrakt expressionistisches »Ahnenbild 2411« (2006) wirkt zunächst einmal wie ein buntes Durcheinander von Furcht einflößenden und freundlichen Geisterköpfen— eine perfekte Farbauswahl unterstützt zudem die maskenartigen Geschöpfe. Die beiden »Untitled works« (2007) erforschen zwar ähnliche Ideen, unterscheiden sich jedoch vom »Ahnenbild« in der Farbauswahl und in der Vielfalt der geometrischen Formen. Der Künstler selbst beschreibt seine Arbeit als »die Art von Dingen, die Donald Duck kreieren würde, wenn er malen würde«. Gert und Uwe Tobias riesiges, 4 Meter breites Werk »Untitled« (2007) wird von Formen und grafischen Symbolen dominiert, welche Puppen darstellen; eine ungewöhnliche Subversion von Techniken und Traditionen kommt dabei zum Vorschein. Abstrakt geht es weiter mit Jutta Koethers »Mede« (1992): Fragmente von Texten und Liedern, geometrischen Formen und menschlichen Körperteilen verstecken sich in dem Kunstwerk, welches ebenso als eine Art Porträt der Künstlerin gesehen werden darf. Ihre Kunst spiegelt eine interdisziplinäre Anwendung von Darstellung, Musik, Schreiben und anderen Aktivitäten wider und reflektiert ihr starkes Engagement in zeitgenössischer Theorie und Kultur.

Thomas Kiesewetters elegante abstrakte Skulpturen aus Stahl wie »Barriere 2010« sind erfüllt mit organischen, fast menschlichen Charakteristiken. Diese miteinander verbundenen und in leuchtenden Farben angemalten Werke kombinieren die moderne Kunst mit der Geschichte der industriellen und architektonischen Form und stellen die Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart in den Mittelpunkt. Die Faszination von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft steht in Zhivago Duncans apokalyptischer Zeitmaschine »Pretentious Crap« (2010) ebenfalls im Vordergrund. Zuerst erinnert das Werk an ein Kinderspielzeug mit Glitzerbergen und einer Eisenbahn, welche die schneebedeckten Riesen miteinander verbindet. Doch so süß und perfekt sind die kleinen Spielzeugzüge beim näheren Betrachten doch nicht, sie bestehen aus roboterartigen zusammengesetzten Gebilden einer fernen Zukunft. Dazu passt wunderbar Kristine Roeppstorffs Werk »Hidden Truth« (2002), bestehend aus Papier, Glitzer, Perlen, Farbe und jeder Menge Geklebtes. Die Künstlerin kreierte mit ihrer Bergwelt-Collage eine neue Welt, in welcher das Imaginäre und die Realität eine Verbindung eingehen, die von Glitzer überzogen wird. Roepstorff sammelt Materialien aus verschiedenen Medien und setzt sie auf politische Fotos oder Werbefotos. Diese Technik nennt sie „appropriarraging“, was bedeutet: die Realität aneignen und rearrangieren.

Eher Furcht erregend als märchenhaft wirken die Skulpturen von Thomas Helbig. Für ihn sind Bilder »eine absolute Reduktion eines nicht wieder zu erkennenden Zustands, von dem aus sich etwas Neues entwickeln kann«. Seine »Jungfrau«-Skulptur sieht aus wie ein Objekt aus einer anderen Welt, gruselig zuerst, doch dann entdeckt man Objekte des täglichen Lebens, die einfach zusammengesetzt wurden, ihrem Kontext entrissen und etwas Neues, Abstraktes, Futuristisches darstellen. Zwischen Alt und Neu bewegt sich Stefan Kürtens Werk »Heartbeat« (2004-5). Die Architektur steht im Vordergrund des Bildes, obwohl es durch die sekündlich wachsende Pflanzenwelt abgedrängt werden soll. Die verlassenen und überwucherten Konstruktionen sprechen von zerbrochenen Erinnerungen und einem neuen Deutschland. Fast unaufhaltsam scheint der Fortschritt in der Verschmelzung dieser von menschlicher Hand gefertigten Strukturen mit der Natur.

Mit ihren ausgestellten Werken kreierten die 24 Künstler eine neue Generation von „Gesamtkunstwerk“, eines, das Richard Wagner sicherlich gefallen würde. Ästhetisch, lyrisch, kritisch fragen sie nach dem globalen und politischen Bewusstsein sowie den historischen Grenzen und formulieren ihre ganz persönliche Definition von Kunst.