Ausstellungsbesprechungen

Gesucht und gefunden!

Das Behnhaus in der Lübecker Königstraße ist kein großes, aber ein reich bestücktes Haus. In diesem Sommer stellt es seinen eigenen Bestand in veränderter Form vor, indem es bisher weit auseinander hängende Bilder zu Paaren zusammenstellt. Stefan Diebitz fand die Präsentation sehr anregend.

Ich weiß nicht, ob es ein Gebot der finanziellen Not war, die Räume, die sonst Sonderausstellungen vorbehalten sind – eigentlich sind es die hohen Zimmer eines gutbürgerlichen Hauses –, mit Bildern des eigenen Bestandes zu füllen. Aber auch wenn es so sein sollte, so sind die Bildpaare doch allemal eine starke Idee, die sich jederzeit als anregend und interessant erweist.

Das erste Bildpaar hängt gleich in der mächtigen Diele; links steigt die zweiflüglige Holztreppe nach oben, rechts hängen die auffällig bunten Gemälde von Friedrich Overbeck (1789 – 1869), Protagonist des Lukasbundes und einer der herausragenden Nazarener, jener Maler also, die Anfang des 19. Jahrhunderts zur mittelalterlichen Kunst zurückkehren wollten; sie malten Bilder in klaren Farben und Strukturen, in denen kaum ein Pinselstrich zu sehen ist, und wählten meist biblische Sujets. Und wenn es kein biblisches Thema war, dann hielten sie doch wenigstens eine Bibel in der Hand – so Friedrich Overbeck auf einem Selbstporträt, das ebenfalls zu dieser Ausstellung gehört.

Hier sollen sich die verschiedenen Paarungen nun wöchentlich ablösen. Es ist der Madonna gewidmet; einmal sieht man die Familie Overbeck – ihn mit langen Haaren vor einer offenen Landschaft, rechts neben ihm seine Gattin mit züchtig niedergeschlagenen Augen, und gemeinsam halten sie das Kind, das so wenig kindlich aussieht wie sonst Kinder auf mittelalterlichen Gemälden. Also ein sehr frommes Bild. Und links von ihm eine nur uneigentlich so zu nennende »Madonna«, eine Frauengestalt mit wehendem schwarzem Haar und offener Bluse. Max Linde, der Lübecker Augenarzt und große Förderer Edvard Munchs, sprach in seinem Buch von dem »Glück kommender Mutterschaft«, aber die meisten sehen wohl eher eine femme fatale in dem Bild des großen Norwegers. Linde nannte sie übrigens nur »Monna«, nicht etwa »Madonna«.

Der erste Raum der Ausstellung ist der Stadt in der Moderne gewidmet und zeigt vier großartige Bilder von Oskar Kokoschka, Otte Sköld, Ernst Ludwig Kirchner und Gotthardt Kuehl, die bis auf eine Ausnahme in einem engen Zeitrahmen zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den Zwanzigern entstanden sind, aber trotzdem verschiedener nicht hätten sein können. Besonders auffällig ist der Kontrast zwischen dem 1911 entstandenen Bild von Kuehl, das eine Dresdner Ansicht (»Topfmarkt«) zeigt, und dem frühen Werk Kirchners von 1914. Schon Kuehls Bild, das noch impressionistisch anmutet, wirkt mit seinem Verzicht auf eine Gesamtansicht modern, denn der Turm der Frauenkirche als das Charakteristikum Dresdens erscheint nur noch am Rande.

Trotzdem gehört Kirchners Gemälde mit seinen schrägen Diagonalen und aggressiven Farben einer ganz anderen Zeit an. Unter Verzicht auf jede Staffage zeigt es den modernen Berliner Verkehr in seiner ganzen Dynamik aus einer Hinterhofperspektive. Oskar Kokoschkas Bild endlich, erst 1959 als Auftragsbild entstanden und gleich in den Bestand des Behnhauses übergegangen, erinnert auf den ersten Blick in seiner Maltechnik wie in seinen Farben an das Kuehls, denn auch Kokoschka malte nur einen Ausschnitt (also nicht etwa die berühmten sieben Türme der Stadt), und dazu gelang es ihm, mit seinem Blick auf den Koberg und die Jacobikirche eine ganz andere, zuvor überhaupt noch nicht beachtete Perspektive einzunehmen. Es ist erstaunlich, dass dieses Bild, das der heutige Betrachter eher konservativ nennen wird, zum Zeitpunkt seiner Entstehung noch provozieren konnte.

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Ergänzt werden diese drei Bilder durch eine Pariser Ansicht des 1894 in China geborenen schwedischen Malers Otte Sköld, einem Vertreter der neuen Sachlichkeit, dessen akkurates, streng komponiertes Werk die von Schornsteinen gekrönte Dachlandschaft der französischen Hauptstadt zeigt. So wie auf Kuehls Dresdners Ansicht die Frauenkirche nur ganz am Rand erscheint, so zeigt sich auch hier der Eiffelturm ganz beiläufig und randständig – man übersieht ihn wirklich leicht. Im Vordergrund kann man in das Innere der Wohnungen schauen (also ein wenig wie in Hitchcocks »Fenster zum Hof«), aber seine Figuren hat Sköld wesentlich weniger überzeugend gemalt als die Dächer, deren parallele Ausrichtung zusammen mit den schmalen Schornsteinen eine saubere, fast schon technische Atmosphäre erzeugen.

Der zweite Raum zeigt einige Vater und Sohn- sowie Freundesbilder, zu denen auch Vater Overbeck (ein bedeutender Lübecker Politiker) und sein Sohn gehören; der umfassend humanistisch gebildete Overbeck präsentiert sich vor seinen Büchern, und Bücher kann man auch auf dem Selbstporträt des Sohnes sehen – aber nur im Hintergrund. Er hält, wie man an dem goldenen Rand der Bindung und den doppelten Spalten erkennen kann, eine Bibel in der Hand: also ein programmatisches Bild. Und das Selbstporträt eines Malers, wie ein Fleck auf dem rechten Ärmel andeutet. Daneben hängt dann ein weiteres Atelierbild, aber ohne den Maler; es ist ein kleines Gemälde von 1823/24 des Dresdner Landschafters Carl Gustav Carus.

Besonders im Gedächtnis bleiben in diesem Raum zwei Porträts von Erich Dummer von 1912 und 1915. Einmal hat sich Dummer selber gemalt, und dieses Bild hinterlässt einen höchst zwiespältigen Eindruck, denn so von unten, mit verhaltener Aggressivität, möchte man nicht gern angesehen werden. Oder hat er allein sich selbst in dieser Weise angeschaut? Das zweite Bild ist ein Bild seines Vaters im Profil. Der steif und aufrecht sitzende Mann blickt nach rechts aus dem Bild heraus, während im Hintergrund das Selbstporträt seines Sohnes zu sehen ist.

Es würde zu weit führen, alle Bildpaare und Bildthemen aufzuführen. Die ganze Ausstellung ist eher locker komponiert und entsprechend assoziativ, aber auch eben deshalb anregend und interessant: der Besucher kann und soll sich selbst orientieren. Erstaunlich sind die hohe Qualität der Bilder und die Prominenz der Künstler, von denen noch Max Beckmann und August Macke erwähnt werden sollten. Besonders hervorgehoben sei der außerhalb Lübecks wenig bekannte Heinrich Linde-Walther, dessen außerordentlich schöne Bilder für viele eine echte Entdeckung sein werden. Sein 1903 gemaltes Bild der Lübecker Hartengrube hatte er bereits als Mitglied der Berliner Secession ausgestellt, war aber mit dem Bild unzufrieden und fügte deshalb später eine Mutter mit Kind hinzu, die das Bild heute ganz dominieren. Wahrscheinlich ist es vor allem der großäugig-stumme Blick des Kindes, der dem Betrachter im Gedächtnis bleibt. Das Mädchen schaut den Künstler oder den Museumsbesucher offen an, und man glaubt gern, dass dieser Maler unter anderem für seine Kinderbildnisse bekannt war. Von ihm findet sich noch ein weiteres anrührendes Kinderbild. Es zeigt ein Mädchen, das ratlos und etwas verloren inmitten seiner Spielsachen steht. Linde-Walther endlich konnte, anders noch als Overbeck, Kinder malen; oder man könnte sagen: sein Blick auf ein Kind entspricht auch dem unsrigen.