Buchrezensionen

Giacometti, Silvio / Oppenheim, Roy (Hrsg.): »Der Mond ist so gross wie ein Stecknadelkopf«. Einführung in Leben und Werk Alberto Giacomettis, Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich 2007.

Abseits der großen Giacometti-Schauen bleibt es den kleinen, herkunftsnahen Orten vorbehalten, sehr persönliche Aspekte des Künstlers freizulegen. Dem Band zur Ausstellung im Museum Ciäsa Granda, Stampa und dem Museum Rehmann, Laufenburg, ist ein solcher Blickwinkel in sehr schöner Weise gelungen.

Der Leser lernt den Bergeller Alberto Giacometti kennen. Jenen, aus dem Schweizer Bergdorf Borgonovo stammenden weltberühmten Künstler, der sich dem Bergell und seinen Bewohnern ungeachtet seiner Pariser Erfolge stets zugehörig fühlte. Es sind die Anekdoten, jene Wiedergaben sehr persönlich gewonnener Eindrücke, die dem Leser dieses Bandes zusammen mit den Fotografien ein sehr lebensnahes, nahezu intimes Bild des Jahrhundertkünstlers vermitteln:
 
Der jungen Serviererin Nelda, die er porträtiert und der er ein väterlich-liebevoller Freund ist, will er ein Auto schenken. Dem jungen Bergeller Studenten Remo Maurizio, der ein halbes Jahr in Paris verbringt, widmete er viele Abende des gemeinsamen Essens und Gedankenaustauschs in der Metropole und schenkte ihm schließlich eine Enzyklopädie über antike Kunst.

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Von ihm erfahren wir über Giacomettis Interesse an der Geologie und Mineralogie, dass ihm die zahlreichen Anerkennungen und Bildhauerpreise als Zeichen verborgener Heuchelei und falscher Bewunderung erschienen und dass fünf Uhr nachmittags für Giacometti »morgens« ist und entsprechend um 10 Uhr abends bei Giacometti zu Mittag gegessen wird.

Bianca, eine eher weniger erwiderte Jugendliebe Giacomettis, hatte sich für einen Mann in gesellschaftlich gesicherter Position entschieden. Bianca, die keine glückliche Ehe hatte, trauerte schließlich dem später erfolgreichen Alberto Giacometti hinterher. Ihr verdankt der Band die Fotografien aus den 1930er Jahren.
 
Dass Giacometti seine Jacken über der stets gebundenen Krawatte so lange trug, bis einer seiner Freunde ihm eine neue oder getragene Jacke schenkte und dass er zur Entrüstung einer langjährigen Familienbediensteten, ohne Krawatte aufgebahrt wurde, erfahren wir von der Bergellerin Renata Giovanoli-Semadeni. Seinem Cousin Renzo schenkte er einen orangefarbenen Deux-Chevaux, damit dieser – in die Jahre gekommen – seinen Beruf als Briefträger in Stampa weiterhin ausüben konnte.

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Giacometti, dieses Sinnbild wegweisender existentiell ausgerichteter Bildhauerei des 20. Jahrhunderts, ist ein Mensch bedingungsloser Hingabe an sein Werk. Das persönliche Glück tritt nicht nur dahinter zurück, sondern auch hinter den engen Bezug zur Herkunft, zur Mutter, zum Menschenschlag des Bergells. Auch darin ist Giacometti »existentiell« ausgerichtet – indem er sich dem Menschen, der jungen Frau, dem jungen Mann, in ihrer besonderen Situation des in-der-Welt-Seins zuwendet, die sein Interesse weckt. Der Band erreicht viel, indem er diese Facette des Künstlers aufdeckt. Dabei geraten beim Lesen die kunsthistorisch ambitionierten Texte, derer es in der einschlägigen Fachliteratur zahlreiche gibt, in den Hintergrund. Die zum Teil neu publizierten Fotografien tragen das ihre dazu bei: Giacometti versonnen rauchend, im geschnitzten Familienbett liegend. (47) Oder: Giacometti im Kreise von Familienangehörigen und Freunden beim Wandern oder Rasten in den heimatlichen Bergregionen (70,76,93) und – was bis dahin selten zu sehen war – lächelnd – zur geliebten Bianca hin ausgerichtet. (100)
 
Das Scheitern an den selbstgesteckten künstlerischen Zielen und der beständig gepflegte Zweifel, den die großen Ausstellungen vielfach thematisieren (vgl. Ausst. im Louisiana Museum of Modern Art in Humblebæck 2008), tritt in diesem Buch erfreulicherweise zurück und macht Platz für Giacomettis stille, zurückhaltende und erkenntnisgetriebene Menschenfreundlichkeit. Nicht zuletzt ist diese Seite Grundbedingung seiner Arbeit, Antrieb und Rückversicherung, dass die menschliche Existenz zentrales Thema seiner Kunst ist.

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