Buchrezensionen

Gilbert Lupfer, Thomas Rudert, Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Hg.): Kennerschaft zwischen Macht und Moral. Annäherungen an Hans Posse (1879–1942), Böhlau Verlag 2015

Hans Posse ist sicherlich eine der ambivalentesten Museumspersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Einerseits führte er die Dresdner Gemäldegalerie ins 20. Jahrhundert, andererseits war er tief in das NS-Raubkunstsystem verstrickt. Eine Annäherung an die Persönlichkeit versucht der Band, der sich Leben und Wirken des Museumsmannes widmet. Andreas Maurer hat das ebenfalls getan.

Der Zweite Weltkrieg hat ein weites Schlachtfeld hinterlassen, nicht nur auf menschlicher und geografischer Basis, sondern auch auf kunsthistorischer. Bis heute sind institutionelle Einrichtungen, aber auch Privatsammler (man denke an den Fall Gurlitt aus dem Jahr 2013) mit Restitutionsfällen konfrontiert. Provenienzforschung kann von der Aufarbeitung der »eigenen« Geschichte eines Museums und einer öffentlichen Sammlung nicht getrennt werden. Das wissen auch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), die mittlerweile als Vorreiter der vom Bund geförderten Provenienzforschung in Museen gelten. Seit fast sieben Jahren arbeiten sie beispielgebend mithilfe des Inventarisierungsprogramms »Daphne« an der Prüfung der Umstände sowie der Art und Weise der Erwerbung bzw. der jeweiligen Herkunft ihrer Objekte. Einiges wurde seitdem bereits restituiert, jedoch nicht die Quantität, vielmehr steht hierbei die moralische und politische Verpflichtung zur Aufklärung und Lösung im Vordergrund.

Unter diesen Voraussetzungen, und anlässlich des 15. Jahrestages der Verabschiedung der »Washingtoner Erklärung« mit ihren Leitlinien zum Umgang mit beschlagnahmten Kunstwerken, veranstaltete man 2013 in der Kapelle des Dresdner Residenzschlosses die Tagung »Forschungen zu Hans Posse«. Von 1939 bis zu seinem Tod 1942 nahm der berühmte Galeriedirektor eine zentrale Rolle im »Krieg um die Kunstschätze« ein und bis heute ist sein Name untrennbar mit dem »Kunstraub und Sammelwahn« der nationalsozialistischen Führer und Funktionsträger verbunden.

Ziel des Symposiums war aber, Posses Wirken nicht nur auf dessen vier letzte Lebensjahre zu reduzieren und seine Verstrickung als Hitlers Sonderbeauftragter zu analysieren, sondern auch dessen engagiertes, professionelles und international geschätztes Handeln als Direktor der Dresdner Gemäldegalerie zu erforschen. Ein ähnliches Ziel verfolgte auch schon die 2012, ebenfalls im Böhlau Verlag, erschiene Publikation »Kunst-, Welt- und Werkgeschichten – Die Korrespondenz zwischen Hans Posse und Wilhelm von Bode von 1904 bis 1928«. Das neue Dresdner Buch widmet sich nun verschiedenen Themen rund um Hans Posses vielschichtige Biografie und dessen Wirken bzw. Auswirkungen, herausgegeben von Gilbert Lupfer, dem wissenschaftlichen Leiter des Provenienzrecherche-, Erfassungs- und Inventarisierungsprojektes »Daphne« sowie Thomas Rudert, dem Sammlungshistoriker und Provenienzforscher an den SKD.

Ein Schwerpunkt dieser Publikation liegt dabei auf Posses Amtsführung als Galerie-direktor in der Zeit der Weimarer Republik, der zweite auf dessen Rolle als Kunstbeschaffer Hitlers und Sonderbeauftragter für das »Führermuseum« in Linz. Auch Posses Verhältnis zur zeitgenössischen Kunst und seine engagierten Neuankäufe für die Galerie bis 1933 werden beleuchtet: Als Kurator der Internationalen Dresdner Kunstausstellung, sowie des deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig setzte er sich mit diesen Werken auseinander, um nach dem NS-Machtantritt klaglos deren Diffamierung zu akzeptieren. Die in Folge dessen im Buch angeführten tragischen Verlustzahlen der NS–Aktion »Entartete Kunst« von 1937, bei welcher die Gemäldegalerie unter ihrem umstrittenen Direktor eine Vielzahl an Werken (darunter von Dix, Heckel, Kokoschka, Munch u.a.) verlor, dokumentieren dabei anschaulich die Vernichtung von Posses Lebenswerk – der Dresdener Sammlung der Moderne.

Fortsetzung von Seite 1

Biografisch liefert das über 400 Seiten starke Buch aber nicht nur einzelne Bausteine, sondern zeigt darüber hinaus u.a. den Museumsdirektor bzw. Museumsmitarbeiter während seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg, legt seine gescheiterten Neubaupläne für die Gemäldegalerie in Dresden offen und bietet auch Material zur Einschätzung von Posses beruflichem Handeln und vielleicht sogar seinem privaten Kunstgeschmack. Die kontroverse Person Posse wird der Leserin/dem Leser aber auch als fortschrittlicher Kunsthistoriker nähergebracht: So schrieb er etwa eine Pionierarbeit über Caravaggio, welcher in der damaligen Forschungsliteratur noch eine terra incognita war, versuchte Werke von Dresdner Privatsammlern für die Gemäldegalerie zu sichern und ließ diese sogar, um sie vor dem Verzehr des Handels zu schützen, auf die Kulturgutschutzliste setzen.

Eine große Anzahl an Fotografien, nicht nur von Posse selbst sondern auch von Dokumenten u.v.m. runden die wissenschaftlichen Beiträge optisch zu einem anschaulichen Gesamtbild ab. Im Anhang findet auch noch ein großzügiger Dokumentenanhang (Briefe, Tagebucheintragungen etc…) sowie eine umfangreiche Bibliografie Platz. Die zahlreichen Vergleiche, Verweise und Angaben in den Fußnoten der Kapitel zeugen nicht nur von der akribischen Beschäftigung der einzelnen Autorinnen/Autoren mit der Materie, sondern geben auch der/dem interessierten Leserin/Leser aufschlussreiche und erklärende Folgeinformationen. Alle Beiträge des Symposiums wurden für den Druck überarbeitet und erweitert, zudem wurde die Publikation um zwei zusätzlich Aufsätze, die das Forschungsspektrum noch einmal beträchtlich erweitern, bereichert.

Das sehr flüssig geschriebene und dennoch wissenschaftlich fundierte Buch versammelt zwar die Vorträge der Dresdner Tagung von 2013, geht aber sogar noch darüber hinaus: Der eingeflochtene Aufsatz von Heinrich Dilly erinnert etwa an sechs jüdische Kunsthistoriker/innen – stellvertretend für all jene die vom NS–Regime ihrer Rechte und Würde beraubt, diffamiert, bedroht und so drangsaliert wurden, dass sie die Flucht ergriffen und Deutschland verlassen mussten.

Am Beispiel Hans Posses, aber auch am Fall des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, des Vaters von Cornelius Gurlitt, zeigt sich exemplarisch, wie wichtig es ist, auch das oftmals schwer verständliche Handeln von Einzelpersonen zu untersuchen, und welche weitreichenden Auswirkungen dieses bis in unsere Gegenwart haben kann. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden demonstrierten mit ihrem Symposium 2013 und mit dem nun vorliegenden gedruckten Resultat, wie eng ein biografischer Ansatz, Institutionsgeschichte und Provenienzforschung miteinander verflochten sind. Auch nach der Tagung und selbst nach den in diesem Buch niedergelegten Recherchen bleibt natürlich manche Frage unbeantwortet, und manche Bewertung vielleicht sogar umstritten. Dennoch: die Forschungen zu Hans Posse werden weitergehen, sind sie doch ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung des NS–Kunstraubes und unser aller Vergangenheit.