Ausstellungsbesprechungen

Giuseppe Penone: Die Augen umkehren.

»Wenn man die Haut des Holzes liest, entdeckt man immer etwas, das vom Menschen erzählt.« Für Giuseppe Penone, geb. 1947, ist der Wald Ideenspender, kunstloser Spickzettel seiner grandios ausufernden Arte Povera.

Neben David Nash ist der Italiener Penone sicherlich einer der bedeutendsten Holzbildhauer der Gegenwart, was auf höchstem Niveau die retrospektive Schau in Kleve vor Augen führt, die Werke Penones von 1968 bis heute versammelt. Mit michelangelesker Wucht greift der Naturbildner das Wesen des Holzes an, ohne es je zu verletzen – vielmehr befördert er es durch sein Schaffen erst zu Tage. Und das Museum öffnet Penone für diese ins Museale transformierte Natur seine Räumlichkeiten, uneingeschränkt.

Denn anders als uneingeschränkt kann man sich den Arbeiten kaum nähern. Das zeigt über das künstlerische Schaffen hinaus auch das poetisch-schriftstellerische Werk Penones, das in Form von Notizen in aphoristischer Prägnanz die Arbeit an der Skulptur stets begleitet: weniger Illustration als Sammelbecken einer ungezügelten Phantasie. Angesichts der sparsamen Mittel, die dieser wichtige Arte-Povera-Künstler Italiens verwendet, entfaltet sich durchaus überraschend ein Universum plastischer Vielfalt von der Kleinplastik bis zur gigantischen Großskulptur, von der Aktion bis zur filigranen Schnitzerei, mit Ausflügen ins Laubhaft-Flüchtige oder ins Bronze- und Steinzeitgefilde. Immer geht es Penone jedoch um die menschliche Existenz, dem Holz entlockt er so etwas wie die menschliche Seele, die so weit nicht weg ist von der hölzernen – wenn es denn eine Seele des Waldes gibt, dann ist Giuseppe Penone ihr Verkünder.

Es ist übrigens auch ihm zu verdanken, dass wir heute noch von der Stilrichtung der »lumpigen« Arte Povera fast respektvoll sprechen, ja mehr noch: dass eine erlauchte Förderschar und ein hochoffizieller Schirmherr geradestehen für die Ausstellung. Und Penone macht sich so seine Gedanken über die Vorführung von Kunst: »Eine Ausstellung einrichten, bedeutet: die Menschen an die Decke führen, die Fenster ins Innere des Raumes verlegen, die Oberfläche der Mauern entfernen.« Nachzulesen sind die poetischen Annäherungen an die eigenen Arbeiten in dem Schriftenband, der den Katalog vorzüglich begleitet.

 

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Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen 11-17 Uhr