Ausstellungsbesprechungen

Glanzlichter. Meisterwerke zeitgenössischer Glasmalerei im Naumburger Dom, bis 12. April 2015 (verlängert)

Glasmalerei fasziniert. Selbst zeitgenössische Künstler können sich für diese traditionsreiche Handwerkskunst erwärmen. Das zeigt die aktuelle Sonderausstellung im Naumburger Dom mit Glasfenstern von herausragenden Künstlern wie Gerhard Richter, Imi Knoebel oder Markus Lüpertz. Warum sie diskussionswürdig sind, sagt Rowena Fuß.

Am Anfang war das Licht. Dann kamen die Farben dazu. Und so erhellen bunte Glasfenster seit jeher das Innere von Kathedralen, Domen und Münstern. Die rund 150 aktuell in Naumburg und den Korrespondenzorten Schulpforte, Merseburg, Memleben und Freyburg gezeigten zeitgenössischen Arbeiten sind also auch genau dort, wo alles einmal angefangen hat: in der Kirche. Es handelt sich um vollständige Fenster, aber auch Probefelder und freie Glasbilder. Alle sind eigens für die Ausstellung entstanden. Oder richtiger: als Auftragsarbeiten für verschiedene Kirchen, die vor ihrer endgültigen Installation am jeweiligen Bestimmungsort noch einmal in einer Gesamtschau präsentiert werden.

Zwei Fenster von David Schnell in der Friedhofskapelle sind es schon. Denn sie werden auch nach Ausstellungsende in der Kapelle verbleiben. Sie sind aus zweierlei Gründen etwas Besonderes. Da ist zum einen ihr für Glasmalereien untypisches Motiv: Es sind Landschaften. Wie eine Wasserkaskade ergießen sich etwa pinselgroße Farbflächen in unterschiedlichen Blautönen über einen imaginären Felsvorsprung. Um diesen Effekt zu erzielen, hat sich Schnell des aufwändigen Luce-Floreo-Verfahrens bedient, wie Wilhelm Derix von den Derix Glasstudios verrät. Dort entstanden die Arbeiten. Bei dieser Technik werden auf mehreren Glasplatten, die später aneinandergefügt werden, verschiedene Farbaufträge und Ätzungen vorgenommen. »Vergleichbares findet sich sonst nur bei den Altarfenstern im Berliner Dom«, weist Herr Derix hin.

Schnells Prinzip einer abstrahierten Farbkaskade findet sich bei vielen weiteren Arbeiten fortgesetzt, ob beim Pixelraster Gerhard Richters in der Domkrypta, bei den zersplitterten Fensterflächen Günter Grohs’ im Ostchor oder der Crash-Glas-Ansammlung mit Namen »Engel« von Hella Santarossa in der Vorhalle zum Dom, die sich gleich neben der Kasse befindet. Einzig Xenia Hausners Arbeit, die sich an der Gehrdener Kreuzigung orientiert, und Julian Plodeks (gerastertes) Doppelporträt eines Mannes und einer Frau sind figürliche Arbeiten. Dieser Hang zur Abstraktion mag einer allgemeinen Entwicklung der Nachkriegskunst geschuldet sein. In einem Kontext, in dem Bilder, Schnitzereien, Skulpturen und auch Glasmalereien dafür bestimmt sind, einem leseunkundigen Publikum die christliche Heilslehre zu vermitteln, wirkt es deplaziert. Es ist zwar schön, dass einige ausgewählte Kirchen in Sachsen-Anhalt und anderswo künftig vom bunten Licht aus den Fenstern namhafter Künstler durchflutet werden. Aber: Worin besteht ihre Botschaft?