Ausstellungsbesprechungen

Götterdämmerung. König Ludwig II., Schloss Herrenchiemsee, bis 16. Oktober 2011

Er ist die weltweit bekannteste bayerische Persönlichkeit: König Ludwig II. Im Jahr 2011 jährt sich sein tragischer Tod zum 125. Mal. Das Haus der Bayerischen Geschichte nimmt dies zum Anlass für eine große Landesausstellung. Die erstmals geöffneten, nicht ausgebauten Räume des Schlosses hat Günter Baumann durchstreift.

König Ludwig II. wird heute noch – vermutlich nicht nur in Bayern – verehrt, als hätte er wesentlich Geschichte geschrieben. Mehr noch, er ist längst zur mythischen Gestalt verklärt worden, ein Vorgang, der bereits zu seinen Lebzeiten begonnen hat. Historisch gesehen dürfte Ludwig kaum mehr als eine Fußnote ausfüllen. Als Förderer der Kunst ist er für seine Schlösser berühmt geworden, was allerdings verkennt, dass auch diese eher unter die Rubrik »gebautes Hirngespinst« als unter das Kapitel »Historismus« in der Geschichte der Architektur fallen; zudem vergisst man darüber seine eigentliche kulturelle Leistung – und die heißt Hingabe für die Musik Richard Wagners. Unzählige Male wurde der Monarch schon in Szene gesetzt und, ob man wollte oder nicht, auch über die Maßen verherrlicht, was ja nicht zuletzt mit dem ungeklärten Todesfall – Selbstmord? Mord? Unfall? – auch leichtfällt: Die Theatralik ist hier schon angelegt. Schwerer ist es, den Menschen Ludwig II. in der bayerischen Landesgeschichte und innerhalb der europäischen Monarchie einzubetten – doch das scheint nun mit Bravour gelungen zu sein.

Glücken kann es im gegebenen Fall wohl nur, wenn man die Flucht nach vorn antritt. Die Ausstellung im Schloss Herrenchiemsee macht sich gar nicht die Mühe, am Mythos zu kratzen, im Gegenteil: Mit langem Atem, etwas Lokalpatriotismus und einiger Selbstkritik oder besser: Selbstironie präsentieren das Haus der Bayerischen Geschichte und die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen ein Bild des beliebten Königs, das zwischen den USA und Japan schon einigermaßen festgelegt ist. In fünf Akten und etlichen Szenen tragen die Ausstellungsmacher dem Phänomen der königlichen Selbstinszenierung Rechnung – dabei bietet Herrenchiemsee, eines der sogenannten Ludwig-Schlösser, auch das richtige Ambiente: Die sanierten »Leerräume« sind nicht nur als nüchterne Kontrastarchitektur zur neobarocken Bauherrlichkeit gut geeignet, um die Ambivalenz des Lebens und des Werks ausdrücken zu können, sondern gewähren auch einen Einblick in die technisch hochentwickelte Seite des stofflichen Wahns. Immerhin findet der poetisch-architektonische Traum Ludwigs zur Zeit der industriellen Revolution statt. Die Glühbirne, deren Abgesang wir heute hören, erlebt in Ludwigs Schlössern einen ihrer frühen Einsätze – einst war auch das eine Spinnerei.

Anders als der Touristen-Ludwig auf den diversen Schlossführungen wird hier – natürlich auch vor Ort – der »echte« Ludwig gezeigt, der dem anderen doch auch recht ähnlich sieht. Kitsch liegt nicht um seiner selbst willen aus, sondern ist in den nüchternen Parcours zum Leben beigefügt, und die wahrhaft dramatische Ausstellungsregie bekommt einen gewitzten Unterton: Wenn man den König schon nicht von seinem bühnenkompatiblen Mythos trennen kann, muss man souverän damit umzugehen lernen. Königsdramen lassen sich interpretieren. Grandios ist der Einfall, die Archivalien und Devotionalien nicht vor schicken Seidenvorhängen und (stuck)marmornen Wänden zu zeigen, sondern im Ambiente eines rohen (da unvollendeten) Ziegelmauerwerks, das freilich in einer nahezu postmodern dekorativen Ausstellungsarchitektur wieder den Charme der touristengerecht erhaltenen Schlossräume aufgreift: Ob er will oder nicht, hat der Betrachter auf diese Weise schon den Mythos Ludwig reflektiert und eine Distanz geschaffen, die es ermöglicht, den König im Kontext zu würdigen. Chronologisch zeigt sich Ludwig als Monarch, der politisch gescheitert war und sich eine Gegenwelt konstruierte, die in der Musik Richard Wagners kulminierte. Wie es die klassische Dramaturgie vorsieht, besteht die Schau aus fünf Teilen, sprich Akten, inklusive Vorspiel und Epilog: 1) Wie Ludwig König wurde, 2) Wie der König Krieg führen musste (erstaunlich genug: die Sichtweise unter diesem Modalverb), 3) Wie der König seine Gegenwelten schuf, 4) Wie Ludwigs Königreich modern wurde und 5) Wie Ludwig starb und zum Mythos wurde. Andersherum ist damit die Figur Ludwigs II. soweit entzaubert, dass eine breit angelegte, vom Bayerischen Rundfunk unterstützte Audioguide-Tour spielerisch wieder in die Zeit eintaucht, sozusagen als Kostümierung für die Ohren. So werden Parallelwelten, salopp gesagt, hoch- und runtergespielt.

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