Ausstellungsbesprechungen

Gottesbilder, Zwei Ausstellungen in Köln

Der 20. Weltjugendtag der katholischen Kirche in Köln ist vorüber und manch einem liegt der fromme Wunsch des Papstes nach Nachhaltigkeit dieses Ereignisses, verbunden mit der Hoffnung auf einen »neuen geistlichen und apostolischen Schwung«, noch im Ohr. Doch wer das Bleibende nun stiftet, steht in den Sternen, vielleicht. Ob’s die Jugendlichen sind oder – so sahen es Hölderlin & Co. – die Dichter bzw. Künstler, oder gar Gott bzw. die Götter selber, bleibt wohl unbeantwortet. Im Thema bleiben in Köln zumindest zwei erstklassige Ausstellungen, die dem Gottesbild nachgehen:

einmal die »Ansichten Christi« (Wallraf-Richartz-Museum), die anlässlich des Weltjugendtags initiiert wurden, und zum andern ostasiatische Gottesbilder, die erfreulicherweise den allein katholischen Blick wesentlich ergänzen, nicht zuletzt auch durch die übergreifende kleine Fotoausstellung über die »Glaubensgemeinschaften in Köln« (beide Rautenstrauch-Joest-Museum). WRM-Kurator Roland Krischel und seine Mitstreiter (Giovanni Morello, Tobias Nagel u.a.) setzen im Hinblick auf ein junges Publikum – zumindest während des Jugendtages – bewusst »auf Überraschung und Emotion«; dabei ist der begleitende Blick auf die buddhistische, jainistische und hinduistische Gottsuche durchaus gewollt.

 

Die knapp 100 »Ansichten« sind nicht einer chronologischen Optik und auch nicht einem repräsentativen Querschnitt verpflichtet, sie folgen stattdessen mehr oder weniger umrissenen, man mag fast sagen spontan sich ergebenden Sinnzusammenhängen. (Wer hier etwas orientierungslos durch die Ausstellungsräume geht, dem empfiehlt sich die neu erschienene kleine Bildergalerie vom Phaidon-Verlag zu den Themen »Abendmahl«, »Kreuzigung«, »Kreuzabnahme« u.a.) So unscheinbar die Titel der einzelnen Komplexe daherkommen, die sich zumal pragmatisch und ganz profan aus der Anzahl der Räumlichkeiten ergeben hatte, so viel Sprengkraft bergen sie.

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Im einzelnen lauten die Kapitel halbwegs sachlich »Der Auferstandene«, »Bilder vom Nicht-Darstellbaren«, »Urbilder des Antlitzes Christi«, »Christus und die Künstler«, »Ansichten Christi auf Papier«, »Christus: Gott und Mensch«, »Passion und Emotionen«. Aber die erfrischend »freche« Gegenüberstellung alter und junger, ja jüngster Kunst macht die Präsentation zu einem zauberhaften Erlebnis, das assoziativ wunderbare Begegnungen provoziert und alles Recht verdient, mehr zu sein als bloß »kulturelle Beigabe« des Weltjugendtags, dessen Generalsekretär Heiner Koch denn auch emphatisch verkündete, die Ausstellung gehöre in dessen Herz.

 

Und selbst wer die katholische Kirche kritisch betrachtet, muss anerkennen, dass der Vatikan, aus dem die Idee zu dieser außergewöhnlichen Schau kam, sich hier jugendlicher gibt, als man es den konservativen Geistern dahinter zugetraut hätte, was sich ja auch personell festmachen lässt: Benedikt XVI., nicht gerade als liberaler Kirchenmann zum höchsten Amt angetreten, hat durch diplomatisches Geschick, humorvollen Esprit und seinen – zuweilen gefürchteten - scharfen Intellekt erreicht, dass die katholische Kirche über den Tod seines Vorgängers hinaus eine ungebrochene Publicity bewahrt hat. Kunstsinnig ist er immer gewesen. Als Kardinal hatte er als Fürsprecher des Christentums »die Heiligen (genannt), die die Kirche hervorgebracht hat, und die Kunst, die in ihrem Schoß gewachsen ist«. Um die Waage allerdings etwas in Bewegung zu halten, sei hier auch nicht verschwiegen, dass so mancher Kunsthistoriker gerade angesichts der römischen Kunstgeschichte, die oft genug eine Entwicklung gegen die Lehrmeinung gewesen ist, vom Glauben abfiel. Kunst und Kirche – in Köln kann man die Schwingungen dazwischen spüren.

 

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Dass auch die zeitgenössische Kunst zu religiösen Spitzen fähig ist, ist keine neue Erkenntnis. Neu ist der gesuchte Dialog zwischen klassischen Positionen und modernen Sichtweisen. Kapitale Werke stehen für den kommunikativen Austausch bereit, zuweilen auch mit schwächeren Arbeiten, was dem Unternehmen keinen Abbruch tut: Veronese mit einer hochdramatischen Auferstehung trifft auf eine mystisch-bewegte Darstellung desselben Themas von El Greco – dazu gesellen sich leider ein ziemlich tölpelhaft auftretender Christus von Rubens, dessen Bodybuilding-Allüren schon an der Glaubensgewissheit zweifeln lässt, und ein tänzelnd in die Luft gehender Christus von Cornelis Schut scheint diesem Machotypen mit femininer Weichlichkeit zu antworten.

 

 

Dagegen die menschlichen Tragödien, deren das Thema fähig ist – von Clavias Kopie von Michelangelos »Jüngstem Gericht« bis hin zum nackt vorgeführten, spürbar leidenden Christus bei Emile Bernard, der ebenso auf Michelangelo zurückgreift. Im Saal der Bilder des Nicht-Darstellbaren spannt sich der Bogen von der spätantiken Hirtendarstellung oder einer kleehaft-modern anmutenden Ritzzeichnung eines Fisches von einer alten Grabplatte über Caspar David Friedrichs versteckte Anspielungen auf das Göttliche wie das heidnische in der Natur, die in regelrechten Baumporträts gipfeln, bis hin zum Filzkreuz von Joseph Beuys oder den zwölf Kreuzen von Andy Warhol; das Gold einer Turmmonstranz aus dem frühen 16. Jahrhundert korrespondiert mit einer blattvergoldeten Arbeit von Yves Klein und Barnett Newman beweist, dass man die Leinwand auch ohne Blattgold zum Leuchten bringen kann.

 

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Unter dem Schlagwort vom Urbild warten seelenruhige oströmische Ikonen auf den Besucher, im Verband mit Jawlenskys »Heilandgesicht/Schweigen« oder »Das heilige Antlitz« von Rouault. Die spektakulärsten Vernetzungen bietet das Kapitel von Christus und dem Künstler: etwa eine im besten Sinne aufdringlich starke Präsenz Christi bei Georg Vischer und Bernini einerseits, das Skandalon des nur noch im Schattenwurf zu ahnenden oder ins Abseits gedrängten Christus bei Jean-Léon Gérôme (»Golgatha«, 1868) bzw. Wassili Petrowitsch Werestschagin (»Abend über Golgatha«, 1869) andrerseits; dazu kommt das Pathos der Moderne, mal erhaben wie in Rodins »Hand Gottes«, mal grausam in seiner Endzeitvision wie in Corinths »Großem Martyrium« oder Beckmanns »Kreuzabnahme«, mal in der kleinformatigen Karikatur des monumentalen Gestus bei Picassos »Kreuzigung«.

 

 

In diesem kaskadenhaften Auftritt der Kunst im Dienste der Religion könnte man noch vieles mehr aufzählen. Zu den genannten Künstlern kommen etwa noch folgende Namen: Annibale Carracci, Albrecht Dürer, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Rembrandt, Tiepolo und Zurbarán hier, Renato Guttuso, Gauguin und Warhol da. So entsteht ein Konzept der unvorhersehbaren Begegnungen und der Anschauung des eigentlich nicht Darstellbaren, ja sogar des Verbotenen (heißt es doch: »Du sollst dir kein Bildnis machen«). Die Ausstellungsmacher sprechen zurecht von facettenreichen, zum optischen Genuss aufbereiteten Ausstellungsessays.

 

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Unter dem Titel »Buddhisten – Jainas – Hindus« präsentiert das Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde 60 Gottesbilder aus Burma, China, Indien, Kambodscha, Korea, Nepal, Thailand und Tibet. Die gezeigten Skulpturen aus Bronze und Stein bieten einen hochinteressanten Perspektivwechsel zur grellen Hauptausstellung. Freilich, dem möglicherweise aufgekratzten Besucher der »Ansichten«-Schau begegnet hier eine sich selbst genügende Welt, die nichts Aufgeregtes hat. Und dennoch zeigen die 60 Arbeiten aus der Sammlung Marianne und Viktor Langen die bis heute lebendige Glaubensentwicklung in Süd-, Ost- und Südostasien, und das in der anregenden Vielfalt, wie sie in Indien ihren Anfang nahm. Allesamt Erlösungsreligionen, fand der Buddhismus den Weg nach Osten, ging dafür in Indien verloren, im Gegensatz zum rein indischen Jainismus oder zum Hinduismus, der sich in allen genannten Regionen zu Hause fühlte.

 

Und wenn man genauer hinschaut, wiederholt sich die facettenreiche Ausdrucksweise der anderen Ausstellung in verhaltener Bescheidenheit: jenseitige Buddhas treffen auf höchst diesseitige Götter, die angetreten sind, die Erdenbürger zu erleuchten. Lapidar charakterisieren die Macher die an ästhetischen Highlights reiche Schau so: »Verallgemeinernd kann man sagen, dass buddhistische Kunst meist durch eine warme Menschlichkeit gekennzeichnet ist und die der Hindus durch Kraft und Sinnlichkeit, während die Kunst der Jainas oft kalt und abweisend wirkt.« (Zitat aus dem Katalog) Ursprünglich kamen die drei Religionen ohne anthropomorphe Gottesbilder aus. Vor zwei Jahrtausenden kehrte dort jedoch eine tiefe Frömmigkeit ein, die sich die Ansprache eines persönlichen Gottes suchte. Die Kölner Ausstellung zeigt nun die faszinierende Vielfalt und Schönheit des Göttlichen in menschlicher Erscheinung.

Weitere Informationen

Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud:

Eintritt
Kombiticket (mit ständiger Sammlung) 10 €, ermäßigt 6 €
Mit der Eintrittskarte erhält der Museumsbesucher einen ganz clever gemachten Kurzführer.

 

Öffnungszeiten

Dienstag 10–20 Uhr

Mittwoch – Freitag 10–18 Uhr

Samstag/Sonntag 11–18 Uhr

 

Führungen
Gruppenanmeldungen (mit und ohne Führung) unbedingt erforderlich.Telefon: 02 21 / 2 21-2 65 04

 

Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde:

 

Eintritt

Bis 24. September 5 €, ermäßigt 3,50 €

Ab 25. September 7,50 €, ermäßigt 5 €

 

Öffnungszeiten

Dienstag – Freitag 10–16 Uhr

Samstag 11–16 Uhr

Sonntag 11–18 Uhr

(am 11. September, 24., 25., 31. Dezember und 1. Januar geschlossen)

 

Führungen

Sonntags 14.30 Uhr (4. September, 16. Oktober, 13. und 20. November, 11. Dezember)


 

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