Buchrezensionen

Graphic Novel of the Month: Jens Harder: Beta… civilisations. Volume I, Carlsen Verlag 2014

Jens Harder blättert nicht nur fulminant die Evolutionsgeschichte des Menschen vor uns auf, sondern erzählt sie in seiner Graphic Novel, indem er Mythologie und Göttergeschichten sowie geistes- und kunstgeschichtliche Reflektionen in einmaliger Weise einbindet. Warburgs Mnemosyne-Atlas ist nichts dagegen. Rowena Fuß hat sich den Wälzer vorgenommen.

Manhattan von oben. Der Blick reicht von der State Street im Westen über die Water Street, die einen Bogen macht und auf die Wall Street im Norden trifft. Wie kleine Mosaiksteinchen reihen sich die Wolkenkratzer in diesem Planquadrat New Yorks aneinander. Aus diesem Sinnbild einer postmodernen Großstadt zoomt Harder, Google Earth sei Dank, immer weiter heraus, bis wir eine Satellitenaufnahme vom ganzen nordamerikanischen Kontinent, inklusive Grönland, sehen. Dann dreht sich die Welt zurück: »Noch mal zurück auf Start – zumindest bis an den Übergang von der Kreidezeit zum Tertiär vor 65 Millionen Jahren«.

Mit gigantischer Wucht schlägt der gleißende Komet auf der Erdoberfläche ein und löscht in einem Streich die Dinosaurier aus. »Doch regt sich bald eine neue Hoffnung in den wüsten Welten«, so Harder. Es beginnt nun der Siegeszug der Säugetiere und somit auch des Menschen. Illustriert hat der Autor dies mit mythisch-allegorischen Darstellungen: Auf der einen Seite haben wir einen Ritter, der einen Drachen tötet, auf der anderen eine bärtige Erlöserfigur inmitten verschiedenster Tiere. Bereits hier wird deutlich, was auch in nachfolgenden Darstellungen beispielhaft ist: die Verquickung von detailgenauen Zeichnungen urzeitlicher Wesen und Bildern aus unserem kulturellen Bildgedächtnis. Ob aus Comic, Kunst, Religion, Geschichte, Wissenschaft, sie alle dienen dem Brückenbau über die Zeit. Nicht ohne ein gewisses Schmunzeln entdeckt der Leser ein paar Seiten weiter denn auch die Darstellung eines gefangenen Einhorns zwischen riesigen Raubschweinen und gehörnten Nagetieren. Das Original entstammt übrigens einer niederländischen Tapisserie, die 1495 bis 1505 gefertigt wurde und im New Yorker Metropolitan Museum of Art hängt.

Vergangenheit und Zukunft ragen ineinander. Die amerikanische Band KISS steht als Beispiel für Gruppendynamik und –verhalten neben Cheerleadern, Trommlern einer Parade und einer Urmenschengruppe in der afrikanischen Savanne. Der Autor verknüpft Meilensteine der menschlichen Entwicklung, wie den aufrechten Gang oder die Evolution seines Gehirns mit Triebfedern seines Handelns: das Mit- und Gegeneinander, das Streben nach Austausch oder etwas zu bewahren. »Ich versuche, Beweggründe für die Ausformung von einerseits Religion, andererseits Wissenschaft und Philosophie auszuloten, die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Entwicklungsstufen und Machtverhältnisse zu umreißen«, schreibt Harder im Nachwort der Graphic Novel. Schließlich war dem ersten Menschen, der einen Baumstamm rollte, damals noch völlig unklar, welche Bedeutung seine Entdeckung hatte. Heute können wir deswegen im Shinkansen flugs von Tokio nach Kyoto flitzen. Auch die Erfindung des Uhrwerks könnte man auf dieses Ereignis zurückführen. Im Vordergrund stehen bei Harder daher das Prozesshafte, Abläufe, Kontexte und Beeinflussungen. Auf insgesamt 367 Seiten entsteht so ein »Panoptikum aus 30.000 Jahren Bildproduktion«. Natürlich ist Harders Graphic Novel damit kein Lehrbuch über die Evolution, wohl aber eine großartige Erzählung darüber.

Übrigens hat der Kunstwissenschaftler Aby Warburg bereits in den 1920er Jahren ganz ähnlich gearbeitet und in seinem Mnemosyne-Atlas visuelle Cluster zusammengetragen. Damals ging es jedoch um Bildmuster, die in der Antike geprägt wurden und in der Renaissance reinkarnierten. Warburg vertrat die These, dass diese Muster, also diese Ausdruckswerte seelischen Erlebens, in das soziale Gedächtnis eingehen und durch dieses tradiert werden. Nun beschränkte er sich auf die Antike und Renaissance, Harder hat sich mit seinem Atlas ein weitaus größeres Ziel gesetzt. »Beta… civilisations« ist der zweite, der auf vier Bände angelegten Weltchronik in Comicform. Der erste Teil »Alpha… directions« beschäftigte sich mit den Anfängen des Universums und des Lebens auf der Erde. Der dritte Teil soll die Geschichte der Menschheit bis zur Gegenwart erzählen.