Buchrezensionen

Graphic Novel of the Month: Nicolas Mahler: Franz Kafkas nonstop Lachmaschine, Reprodukt 2014

Wollten Sie ihrer Mutter auch schon mal etwas über ein wichtiges persönliches Projekt berichten und bekamen seltsame Antworten, weil diese gleichzeitig fern sah? Über diese und weitere absurde Situationen aus seinem Leben als Comiczeichner erzählt Nicolas Mahler in seinem Büchlein, das auch mit hintergründigen Kommentaren zum Medium und seinen Kritikern nicht spart. Rowena Fuß hat mit äußerstem Vergnügen darin geblättert.

Da ist gleich zu Beginn die Sache mit Kafka. Wahrscheinlich ist es jedem schon einmal passiert, dass er zwei ähnlich klingende Namen miteinander verwechselt hat. So geht es auch der Nachbarin von Herr Mahler. Bei Comics denke sie an Kafka, lässt sie im Hausflurgespräch verlauten. Wieso denn das, mag man sich jetzt fragen. Tja, weil die gute Frau, die vermutlich noch nie Kafka gelesen hat, wohl aber Fix und Foxi, die beiden Namen eben durcheinandergebracht hat. Der Erfinder der beiden Comicfiguren heißt natürlich Rolf Kauka. Franz Kafka hat damit überhaupt nichts zu tun.

Aber so ganz lässt uns der tschechische Schriftsteller denn doch nicht los. Immer wieder sieht sich Mahler in der Situation, sein Metier zu erklären oder Klischees über Comics und deren Leser und Interpreten zu begegnen. Diese Momente könnte man nicht nur getrost als kafkaesk bezeichnen. Nein, dieses Wort aus der Bildungssprache verweist auch auf eine nach wie vor wesentliche Debatte: Sind Comics high oder low art? Kafka oder Kauka? Mit der »Erfindung« der Graphic Novel, also des Comicromans, sollte diese Grenze eingerissen werden. Und dennoch tut man sich gerade in Deutschland immer noch schwer mit dem Medium. In einer zentralen Geschichte führt Mahler, der weise Guru, den Kunstkennergartenzwerg und den Schalpfropfgermanisten vor. Die beiden »Qualitätsrichter« sind nämlich nicht unfehlbar, wenn es um die Bewertung von Hybridmedien, wie es Comics im Allgemeinen oder Graphic Novels im Besonderen sind, geht. Denn: dem Kunstkennergartenzwerg mangelt es an narrativer Intelligenz, dem Schalpfropfgermanisten an einer visuellen. So lautet das niederschmetternde Urteil Mahlers am Ende des sechsten Kapitels.

Nun könnte man meinen, der langjährig geschulte Comicleser wäre der beste Richter. Der ist aber prinzipiell lebensunfähig, wie wir im Anschluss erfahren. Außerdem verbittet er sich die Anbiederung an den Literaturbetrieb oder die »Bildungsscheiße«, die gezeichnete Literaturadaptionen im Graphic Novel-Format darstellen. Er ist Purist und will vor allem eins: unterhalten werden. An diesem Kriterium kann sich »Kafkas nonstop Lachmaschine« messen. Grundsätzlich ist jede der in 15 Kapiteln plus Prolog, Epilog und „Materialien“-Anhang geschilderten Begebenheiten witzig. Mahler versucht es aber auch mit ein wenig Hintergründigkeit. Existenzielle Fragen werden etwa beim Besuch des HNO-Arztes angeschnitten. In der Dunkelheit eines hundehüttenähnlichen Geräts, das der Autor wegen einer Nebenhöhleneiterung übergestülpt bekam, kann man schon mal dazu kommen. Insbesondere, wenn man dabei dem Hörtest einer betagten anderen Patientin lauschen muss.

Alles in allem ist Mahler eine höchst pointierte Erzählung über die Verbindung von Comics und Literatur gelungen. Sie regt dazu an, in Graphic Novels keinen Niedergang der Hochkultur zu sehen, sondern ein erfrischendes Hybridmedium. Deshalb braucht sich auch nicht zu schämen, wer sich von den skurrilen Schilderungen »nur« unterhalten lässt.