Ausstellungsbesprechungen

Haderer, Caricatura Museum Frankfurt am Main, bis 27. November 2011

Lachen, bis der Arzt kommt. Unter einer leicht abgewandelten Version dieser Aufforderung widmet man sich dem 60. Geburtstag des beliebten stern-Karikaturisten Gerhard Haderer in Linz, Krems, Villach, Wien und Frankfurt am Main. Günter Baumann hat es sich für PKG angesehen.

Die Maxime, nach denen der Karikaturist Haderer arbeitet, sind erfreulich durchsichtig: (1) Das Thema bestimme ich; (2) die Themen liegen auf der Straße. Nahezu unerschöpflich ist der Jahrmarkt der Eitelkeiten, den der Künstler bis zur ästhetischen Schmerzgrenze überzeichnet und gerade dadurch so real nachzeichnet, dass uns Betrachtern hören und sehen vergeht, wenn er nicht dazu führt, dass uns angst und bange wird. Allwöchentlich schafft der malende Anstaltswächter des Allerwelts-Irrsinns für das Magazin stern ein neues Stück Haderer-Welt, die erschreckenderweise unser aller Welt ist, und das seit rund zwanzig Jahren. Das Lentos Kunstmuseum Linz machte in diesem Jahr den Anfang, das Werk Haderers anlässlich seines 60. Geburtstags vorzustellen, das in erweiterter Form nach Frankfurt am Main weiterging. Ganz kriegt man dieses immense Werk schon gar nicht mehr zusammen, allein die Arbeiten für den stern haben die Tausendermarke längst überstiegen – davon ein Best-of zu machen hieße sondieren zu können: Damit täte man den meist tagespolitisch initialisierenden, aber typologisch nahezu zeitlos gültigen Arbeiten sehr unrecht, weshalb die Ausstellung 200 exemplarische Stücke herausgezogen hat, um die Bandbreite zu vermitteln.

Das verlangt nach mehr: Zur Ausstellung erschien nicht nur die Publikation »Haderer – Das zweite Jahrzehnt im Stern« im Lappan Verlag, sondern in Neuauflage auch noch der 2001 publizierte Band »Haderer – Das erste Jahrzehnt im Stern«. Das 800-Seiten-Doppelopus kommt mit kleinen Vorbemerkungen aus, um gleich zur Sache zu kommen, wie das auch die Frankfurter Ausstellung schon andeutet: Wie aus dem Ärmel geschüttelt, dabei noch (alt)meisterlich überreal erfasst, bringt Haderer seine Bilder ins Rennen. Freilich, solange er den Klerus an den Pranger stellt, die Politiker-VIPs an der Nase herumführt – die selbige gerät bei Guido Westerwelle ziemlich lang und rot, als Gegengewicht zu den wohl mit Lippenstift hochgezogenen Mundwinkeln –, so lange er die Missstände so unmittelbar wie schonungslos offenlegt, ist der Otto-Normal-Betrachter der prustende Dritte. Doch macht es Haderer auch ihm nicht so einfach: Ruckzuck reißt er ihn hinein in die Spießergesellschaft, auf deren Party jeder Angst haben sollte, sich selbst gleich um die Ecke kommen zu sehen: Sprich, der Starkarikaturist ist dran am Nabel der Welt und macht die kleinen Unzulänglichkeiten des Menschen ganz groß. So groß, dass man etwa noch die Speichelfäden in den aufgerissenen Mündern erkennen kann, wobei Haderer die Überzeichnungen Angela Merkels & Co auf gleiche Höhe stellt mit denen des Jedermanns namens Du und Ich. Die Frankfurter Schau wartet übrigens auch mit zeichnerischen Skizzen auf, die im Katalogband (beziehungsweise den zwei Begleitwerken) leider nicht enthalten sind. Das ist umso bedauerlicher, als der 1951 geborene Gerhard Haderer ein Studium der Gebrauchs- und Werbegrafik absolvierte und danach lange als Zeichner arbeitete – diese Blätter stehen dem fertigen Bild in nichts nach.

Doch zurück zu den stern-Arbeiten: Wer Haderers bitterböse Verunglimpfung des Jesus aus dem Jahr 2002 vor Augen hat, wegen der die griechische (!) Justiz ihm den Prozess machte, könnte versucht sein, die Arbeiten als relativ harmlos einzustufen - sieht man von dem grandios peinsamen Hitler-Auftritt ab. Wer an der brillanten Technik entlang dem Witz erliegt, läuft allerdings Gefahr, dass ihm das Lachen öfters im Hals stecken bleibt, als ihm lieb ist. Der caricatura-Chef in Frankfurt, Achim Lenz, hat Haderer als »Chronist des alltäglichen Wahnsinns« bezeichnet. Da passt es schon, dass die Linzer Ausstellung im Frühjahr 2011 noch mit »Haderer - Bis der Arzt kommt« titelte. Oder man hält es wie Frankfurt, das mit dem programmatischen Namen allein auskommt: »Haderer«.

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