Ausstellungsbesprechungen

Hamburger Schule. Das 19. Jahrhundert neu entdeckt. Hamburger Kunsthalle, bis 14. Juli 2019

Hamburger Schule? So etwas kann es unmöglich gegeben haben – im 19. Jahrhundert gab es schließlich gar keine Akademie in Hamburg, so wenig wie einen Fürstenhof, der als Mäzen in Erscheinung hätte treten können. Wie also konnten sich im 19. Jahrhundert die Künstler Hamburgs als eine Schule verstehen? Stefan Diebitz hat eine hochinteressante Ausstellung zu diesem Thema besucht.

Victor Emil Janssen (1807–1845) Selbstbildnis vor der Staffelei, um 1828 Öl auf Papier auf Leinwand, 56,6 x 32,7 cm © Hamburger Kunsthalle / bpk  Foto: Elke Walford
Victor Emil Janssen (1807–1845) Selbstbildnis vor der Staffelei, um 1828 Öl auf Papier auf Leinwand, 56,6 x 32,7 cm © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

 164 Arbeiten präsentiert die Ausstellung mit dem verwirrenden Titel, darunter nicht wenige, die über Jahrzehnte hinweg nicht gezeigt wurden und im Sommer wieder für lange Zeit im Magazin verschwinden werden. Der Zeitraum umfasst das »lange« 19. Jahrhundert, beginnt also noch im 18. und setzt sich bis ins 20. fort.

Hamburg war eine durch und durch bürgerliche Stadt, in der es keinen Fürstenhof wie in München oder Dresden gab. Auch bei kirchlichen Aufträgen sah es etwas mau aus, und wären da nicht die Nazarener gewesen mit Friedrich Overbeck an der Spitze – von ihm wird ein riesengroßer »Christus am Ölberg« gezeigt –, gäbe es auf diesem Gebiet kaum etwas zu sehen. Es kann also nicht überraschen, dass das Porträt sehr stark in den Vordergrund tritt – gleich das erste Kapitel beschäftigt sich damit. Besonderes Interesse kann dabei ein Familienbild wecken.

Friedrich Carl Gröger (1766 – 1833) malte sich zusammen mit seinem Lebensgefährten und der noch kleinen Adoptivtochter, die in einem weiteren Gemälde als eben erblühende Schönheit zu sehen ist. Das Geheimnis der Wirkung dieses außergewöhnlich schönen Bildes erläutert Alexander Bastek in seiner Beschreibung im Katalog: »Linas Oberkörper ist leicht nach links gedreht, ihr Kopf aus dieser Position frontal dem Betrachter zugewandt. So scheint es, als habe das Mädchen uns erst gerade in den Blick genommen, ernst und eindringlich.«

Ein eigenes Kapitel – »Im Banne der Arabeske« – ist im Katalog Philipp Otto Runge gewidmet, von dem die erste Fassung seines »Morgen« gezeigt wird. Wie wichtig sein Einfluss auf die Zeitgenossen war, beweist eine Reihe von Gemälden und Zeichnungen Erwin und Otto Speckters, Johann Gottfried Eiffes und anderer Künstler, die sich von dem künstlerischen Konzept Runges beeinflussen ließen. Besonders interessant ist eine für das »Vaterländische Museum« entworfene, von dieser Zeitschrift aber abgelehnte Zeichnung mit dem bezeichnenden Titel »Fall des Vaterlandes«. Die Federzeichnung zeigt eine pflügende Frau. Unter der Ackerkrume kann man die Leiche eines Mannes sehen, und umrahmt ist die Szenerie von einer Girlande aus Passionsblumen.

Andere Bilder weisen auf die Not Hamburgs unter der französischen Besatzung hin, darunter ein Historienbild (als Epitaph) aus der Petrikirche. Die Franzosen hatten – Michael Thimann erzählt im Katalog diese Geschichte –1800 Hamburger in der Petrikirche eingeschlossen und vertrieben diese am folgenden Tag aus der Stadt. Zahlreiche Vertriebene starben, wie überhaupt Tote durch Verhungern und Typhus zu beklagen waren. Das große Ölbild von Siegfried Detlev Bendixen (1786 – 1864) zeigt die Situation der in der Kirche Eingeschlossenen, die von den Soldaten bewacht werden. Thimann schreibt dazu: »Die in ihren Uniformen gezeigten Franzosen verhalten sich hart gegenüber Frauen und Kindern sowie Alten und Kranken. Die Erinnerung an die fehlende Nächstenliebe – gerade am Weihnachtsabend – verdichtet sich in der Familie am rechten Bildrand: Die Mutter mit ihren drei Kindern ist eine in die Gegenwart versetzte Allegorie der caritas.«

Neben den Porträts waren Landschaftsbilder und Veduten für das tägliche Brot der Künstler besonders wichtig. Die Ausstellung zeigt eine große Anzahl dieser Ansichten, die ein längst untergegangenes Hamburg vor Augen führen. Schließlich hat sich die Stadt seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts enorm verändert, denn die große Feuersbrunst von 1842 und die Bombenangriffe im 2. Weltkrieg zerstörten das Stadtbild und schufen Raum für ein ganz anderes Hamburg. Dazu kam dann noch die Hafenerweiterung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der eine ganze Reihe pittoresker Straßenzüge zum Opfer fiel. In der Ausstellung ist ein schönes Bild des »Baumhauses« zu sehen, eines großen Gebäudes aus dem 17. Jahrhundert, das direkt am Hafen lag und in dessen obersten Stockwerk sich für eine Weile die Künstlervereinigung traf. Mittels eine tief gewählten Standpunktes wird das Gewirr der Segelmasten ebenso wie die Reihe der sich am Wasser entlangziehenden Speicher mittels eines tief gewählten Standpunktes. Dem Betrachter bleibt nur die Trauer, dass es dieses Hamburg schon lange nicht mehr gibt.

Verstanden sich die Hamburger Künstler wirklich als eine »Schule«? Gab es ein Gemeinschaftsgefühl? Immerhin konnten sie sich nicht wie die Absolventen der Düsseldorfer, Dresdner oder Münchner Akademie auf eine gemeinsame Ausbildung oder eine zumindest ähnliche künstlerische Ausrichtung berufen. Hier sprang das Plattdeutsche ein, das die Gruppe Hamburger Künstler in Münchner Lokalen sprach, um sich von ihrer Umgebung abzugrenzen. Und dann gab es natürlich Künstlervereinigungen.

Das Kapitel »Der Blick in den Spiegel und auf die Freunde« zeigt anhand von einigen Atelierbildern Selbst- und Gruppenporträts Hamburger Künstler, von denen eines, ein Selbstbildnis Victor Emil Jansens (1807 – 1845), das Werbemotiv auf dem Plakat der Ausstellung abgibt. Dem Kommentar im Katalog von Iris Wenderholm entnimmt der erstaunte Leser, dass dieser Maler nicht etwa, wie es das Bild nahelegt, ein schwächlicher und blasser Mensch gewesen ist, sondern ganz im Gegenteil ein Turner, ein ansehnlicher und attraktiver Mann, der von seinen Kollegen gern als Modell genommen wurde. Den merkwürdigen Eindruck, den das Bild auf den Betrachter ausübt – Jansen verstarb jung, und so meinte man schon in dem frühen Bild Anzeichen seiner Krankheit zu erkennen –, erklärt Wenderholm mit einer Anspielung auf die Darstellungen eines Schmerzenmannes. Eitel kann der Künstler jedenfalls nicht gewesen sein.

Auffällig ist die Präsenz Münchens, wo sich viele Hamburger aufhielten. Der Besucher lernt die Ateliers der Künstler kennen, und nicht selten auf Bildern eines befreundeten Kollegen. So finden sich zwei Arbeiten – eine Bleistiftzeichnung und ein Aquarell – aus der Hand Carl Julius Mildes (1803 – 1875), von dem in diesen Tagen im Lübecker Behnhaus die meisterhaften Porträts von den Insassen der Psychiatrie in St. Georg gezeigt werden. Milde, den Gebrüdern Speckter freundschaftlich verbunden, gibt dem Betrachter einen genauen Eindruck von der Münchner Wohnung der Künstler – so detailliert, dass der Kommentator Henry A. Smith »eine Fülle von beziehungsreichen Botschaften« vermutet, die das Bild für die Daheimgebliebenen enthalten haben muss.

Milde war keiner der großen Künstler seiner Zeit, aber ein hochbegabter Zeichner, der sich bedeutende Verdienste als Restaurator und Museumsmann erarbeitete. Das Lübecker St. Annen-Museum mit seinen phantastischen Beständen an sakraler Kunst wäre ohne sein jahrzehntelanges Wirken nicht das, was es ist. In Iris Wenderholms Katalogbeitrag »Vorzeit und Vaterland«, in dem sie die Beschäftigung der Hamburger Künstler mit mittelalterlicher Kunst skizziert, wird unter anderem Carl Julius Milde gewürdigt, der zusammen mit den Gebrüdern Speckter eine Reise zu dem berühmten Schnitzaltar im Schleswiger Dom unternahm.

Es würde zu weit führen, alle Kapitel einer sehr bunten und interessanten Ausstellung vorzustellen. Es gibt noch eine ganze Reihe von schönen Landschaftsbildern – teils realistisch, teils schon impressionistisch. Mir gefällt am meisten das Aquarell einer Uferpromenade von Ascan Lutteroth (1842 – 1923), in dem das flirrende Licht am der Außenalster gekonnt eingefangen wird. Ein anderes Kapitel, »Im Bewusstsein des Verlusts«, zeigt Ruinen von Klöstern und alten Kirchen oder einen alten Friedhof mit umgestürzten Grabsteinen. Und dann kommt die nähere und weitere Umgebung in den Blick, Blankenese und Helgoland…

Den beiden Kuratoren Markus Bertsch und Iris Wenderholm ist es gelungen, eine ebenso durchdachte wie bunte und abwechslungsreiche Schau zusammenzustellen, die man nur wärmstens empfehlen kann.

Der opulente Katalog entspricht der Größe der Ausstellung; mit seinen 500 Seiten und 14 Kapiteln bietet er nicht allein Abbildungen sämtlicher Bilder und Objekte in 14 Kapiteln, sondern zusätzlich noch neun Essays zum Thema. Den Abschluss bildet ein Beitrag zur Präsenz der Hamburger Malerei in den Beständen der Hamburger Kunsthalle, die in diesem Jahr ihr immerhin 150jähriges Bestehen feiert.

Katalog:

Hamburger Schule. Das 19. Jahrhundert neu entdeckt. Herausgegeben von Markus Bertsch und Iris Wenderholm, Michael Imhof Verlag 2019