Ausstellungsbesprechungen

Hanna Nagel, von der Zeichnung zur Installation

Der Weg von der Zeichnung zur Installation ist weit, in diesem Fall steht ausnahmsweise nur ein Name dazwischen: Hanna Nagel. Zu ihrem 100. Geburtstag hat die Städtische Galerie in Karlsruhe eine Schau ausgerichtet, die bereits Mitte August nach Berlin weitergereicht wird. Gestorben ist Nagel 1975, und hätte man 1998 nicht den Hanna-Nagel-Preis ins Leben gerufen, wer weiß:

Vielleicht wäre die Vertreterin einer Neuen Sachlichkeit längst in Vergessenheit geraten. Jedes Jahr wird seitdem eine Künstlerin über 40 Jahren geehrt, ausgewählt von einer weiblich besetzten Jury.

 

Das sieht verflixt nach Frauenkunst aus, ok. Aber abgesehen von der Frage, ob es das überhaupt gibt, ist nicht nur der Name einer grandiosen Zeichnerin bis heute präsent geblieben, sondern auch ein Forum für neue Kunst entstanden, die eine Bandbreite von der expressiven Malerei bis hin zur geometrisch-konstruktivistischen Installation aufweist.

 

Um die 80 Arbeiten Hanna Nagels bilden das Zentrum der Ausstellung, flankiert wird ihr Werk von Exponaten der Preisträgerinnen, die teilweise extra für Karlsruhe geschaffen wurden. Die vielfältigen Positionen stammen – in der Folge ihrer Preisverleihung – von Gerlinde Fertig, Sibylle Wagner, Hannelore Neeb, Ursula Fleischmann, Gabi Streile, Bernadette Hörder, Elke Wree, Sabine Funke und Barbara Denzler.

 

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Hanna Nagel wurde 1907 in Heidelberg geboren und studierte in den zwanziger Jahren bei Karl Hubbuch in Karlsruhe, später bei Orlik und Meid in Berlin. Ihren Stil, der deutlich veristische Züge trug, verstand sie als »typisch weiblich«, was im Hinblick auf ihre Reflexion über die Rolle der Frau in der Gesellschaft gut nachvollziehbar war, aber den Kern ihrer Arbeiten nur halb erfasst.

 

Wo sie sich von ihrem ersten Lehrmeister Hubbuch stilistisch abhob – den sie so faszinierend wie abstoßend fand –, fand sie ganz selbstbewusst ihre Sprache, mit der sie sich in die Diskussionen etwa um den Paragraph 218 (»Der Paragraph«, 1931) oder die Zwänge des geschlechtlichen Rollenverhaltens (»Die Frage: Kind – Kunst – Mann?«, 1933) einmischte. Doch schon bei einer Arbeit wie bei dem grandiosen »Totentanz« (1932/33) erübrigt sich die Frage, ob das nun Frauenkunst sei oder nicht – es ist beste Kunst! Nicht mehr, nicht weniger: vielleicht weniger anklagend als die von Käthe Kollwitz, direkt, kompromisslos, sarkastisch wie die ihrer neusachlichen Kollegen, dann wieder geschmeidig wie ein Reflex auf eine Art Schauerromantik. Immer zeichnete Hanna Nagel in der Überzeugung, »weil es mein Leben ist«.

 

In einer wunderbaren Disparatheit tragen die Mitstreiterinnen der Schau dieses Selbstbewusstsein in unsere Gegenwart: bunt und frech, düster oder leuchtstark, raumgreifend oder in sich ruhend, aus Holz oder Plexiglas. In Monaten, wo die Weltkunst sich in Venedig, Kassel, Münster und sonst wo die Klinke in die Hand gibt, mag diese Ausstellung in Karlsruhe unscheinbar sein, aber sie schafft, was im großen Stil vielleicht gar nicht möglich ist: rund zehn starke Persönlichkeiten mit ihrer Kunst unter einem Hut, der obendrein noch aus den Zwanzigern stammt.

 

 

 

Öffnungszeiten

Mittwoch – Freitag 10 – 18 Uhr,

Samstag/Sonntag 11 bis 18 Uhr

Montag und Dienstag geschlossen

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