Ausstellungsbesprechungen

Hannah Höch – Flora Vitalis, Kunsthaus Apolda Avantgarde, bis 10. September 2017

Sie ist zweifellos einer der ganz großen Dada-Künstlerinnen, die gebürtige Thüringerin Hannah Höch und gilt mit Raoul Hausmann gemeinsam als Erfinderin der Fotomontage. Oft vergessen wird in der Rezeption, dass sie eine Gartenliebhaberin war. Die Ausstellung im Kunsthaus Apolda Avantgarde dreht das nun um und zeigt Höchs Verhältnis zur Natur. Stefanie Handke hat sich mit der Künstlerin auf eine Gartenreise begeben.

Betritt man die Ausstellung, so steht man bereits mittendrin im ersten Highlight: statt eine beliebige – und wahrscheinlich von den meisten nur kurz überflogene – Tafel mit biografischen Daten haben sich die Kuratorinnen der Ausstellung Nadine Steinacker und Karolin Hille eine biografische Collage mit Daten, Kunstwerken und teilweise raren Fotografien aus dem Leben Hannah Höchs entworfen, die den Besucher regelrecht umgibt. So kann er regelrecht eintauchen in Leben und Wirken der gebürtigen Gothaerin. Eine schöne Idee! Hier findet sich auch der berühmte Gartenbrief an die Schwester, aus dem das berühmte Zitat »ich verreise in meinem Garten« stammt.

Sodann kann sich der Besucher dem eigentlichen Thema der Schau: der Natur. Garten, Pflanzen, Landschaft – all das zieht sich nämlich durch das gesamte Schaffen der Hannah Höch und wurde bisher nicht eigenständig gewürdigt. Freilich ist bekannt, dass die Künstlerin ihren Garten liebte, diese kleine Anlage, die sie sich in Heiligensee schuf, doch eine umfassende Würdigung ihrer Landschafts- und Gartenbilder, unabhängig vom Stempel der Dada-Künstlerin, die nimmt nun erst das Kunsthaus Apolda Avantgarde vor. Dabei folgt man dem Werk Hannah Höchs chronologisch und arbeitet sich von ihren künstlerischen Anfängen bis in die Nachkriegszeit vor.

Und so beginnt die Schau mit frühen Werken aus ihrer Kindheit und Studienzeit in Berlin– dekorative Handarbeitsvorlagen, Studien und Entwürfe finden sich da etwa, sowohl von einzelnen Pflanzen als auch von Landschaften wie dem Thüringer Wald. Sie zeigen ihr Herkommen aus dem Kunstgewerbe sehr deutlich und können den Einfluss des Jugendstils beim besten Willen nicht verhehlen. Ihrer Begabung für das Ornamentale war es wohl ebenfalls zu verdanken, dass sie jahrelang für den Ullstein Verlag tätig war. Die ausgestellten Ornamente jedenfalls zeigen diese ganz deutlich

Freilich änderte sich ihr Stil nach dem Besuch der Werkbundausstellung und mit dem Kontakt zu den Dada-Künstlern, nicht zuletzt mit der Beziehung zu Raoul Hausmann, insbesondere natürlich mit ihrer Hinwendung zum Dada. Die »Gewächse« (1928) könnten sowohl mechanische Pflanzen als auch an Pflanzen gemahnende Gerätschaften sein. Ebenso verhält es sich mit dem düsteren »Les fleurs du mal (Mechanische Blumen)« (1922-24); und beide Werke zeigen zugleich ihren Skeptizismus gegenüber der allgemeinen Fortschrittsbegeisterung der Weimarer Republik. In Höchs Werken dräute da schon etwas… Parallel dazu aber blieb Höch auch einer naturalistischen Pflanzendarstellung treu, was Werke wie »Pflanzen bei Regen« oder »Pflanzen bei Nacht« (beide 1931) belegen, wenngleich auch diese der kommenden Düsternis nicht entbehren.

Werden und Vergehen, das war stets ein Thema in der Auseinandersetzung mit der Natur. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten. Eine Krankheit verhinderte Höchs Emigration, und so musste sie erleben wie ihre Kunst von den Nazis diffamiert wurde. Sie wählt die innere Emigration und kann sich mit ihrem Häuschen samt Garten in Berlin-Heiligensee, das sie 1939 kauft, ein kleines Refugium schaffen. Werke wie »Sturm« (1935) oder »Vertreibung aus dem Paradies« (1937) nehmen die Natur als dramatischen Handlungsraum. Arbeiten wie Höchs beide »Geisterbilder«, die hier erstmals gemeinsam zu sehen sind – »Digitalis – vor Tannenwald im Gebirge« (1938) und »Holland« (1942), das prächtige »Aus dem blühenden Tal« (1937) oder das auf den ersten, zweiten oder dritten Blicken in seiner Fülle kaum zu erfassende »Der Jahresablauf« (1938) entstehen und scheinen zusätzlich zum äußeren Refugium (dem eigenen Garten) auch ein inneres Refugium zu bilden, wenngleich Höch der Collage und Abstraktion in anderen Werken verbunden bleibt. Hier offenbart sich die Vielfalt ihres Werkes.

Bei den Werken aus der Zeit nach 1946 dominieren die Collagen und die »Minis«, wenngleich die Kuratorinnen auch Aquarelle und Ölbilder zusammengetragen haben. Die Collage »Garten« (1948) verbindet dabei naturalistische und abstrakte Elemente miteinander, ist aber sicherlich ebenfalls dem heimischen Refugium entlehnt. Fast von einer anderen Künstlerin scheint dagegen die kubistisch anmutende » Agave« (1961) zu stammen. Überhaupt schafft es diese Schau, die ganze Vielfalt der künstlerischen Techniken, der Bild- und Formensprache Hannah Höchs wiederzugeben. Man scheint zuweilen Werke von mehr als nur einer Künstlerin vor sich zu haben und doch stammen alle Werke aus einer Hand. Auch das leistet also die Schau. Im Sommer 2017 ist sie damit eine echte Empfehlung!

Parallel zu den Werken der Dadaistin sind im Kabinett Arbeiten von Maria Maier zu bewundern. Unter dem Motto »Blütezeit« zeigt sie Foto- und Papierarbeiten, deren Formensprache ebenfalls unterschiedlicher kaum sein kann. Eigentlich setzt sie das Werk Höchs damit fort – eine gute Entscheidung, ihre farbintensiven Fotoarbeiten und die abstrakten Blumenmotive in Dialog mit Höch zu setzen.