Buchrezensionen, Rezensionen

Hans Belting: Der Blick hinter Duchamps Tür. Kunst und Perspektive bei Duchamp. Sugimoto. Jeff Wall, Verlag der Buchhandlung Walther König 2009

Hans Belting vereint in seinem neuen Buch drei monographische Essays unter einer gemeinsamen Fragestellung: der Frage nach einer Perspektive nach dem Ende der Perspektive in der modernen Kunst. Beispielhaft untersucht er dazu die Werke von Marcel Duchamp, Hiroshi Sugimoto und Jeff Wall. Unsere Autorin Min-Young Jeon hat das Buch für Sie gelesen.

Es ist die Idee zu das »Große Glas« (1915-1923) und der Installationsanleitung (1946-1966) von Marcel Duchamp − im Buch als Lebenswerk Duchamps bezeichnet − die den Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit Beltings bilden. Das benannte Werk Duchamps besteht aus einem Konvolut von Texten und einer hochformatigen Glasscheibe, gestaltet mit verschiedenen Motiven (z.B. eine Kaffemühle) und einer Trennlinie in ihrer Mitte.

Von hier aus lässt sich eine Verknüpfung zu den zeitgenössischen Fotografen Hiroshi Sugimoto und Jeff Wall ziehen, die beide auf der Retrospektive zu Duchamps Kunst im Jahre 1973/74 in Philadelphia durch »Duchamps Tür«, der installativen Realisierung des »Großen Glases«, geschaut haben.
Belting, der von der Reduzierung des Erbes Duchamps auf dessen Erneuerungen in der Ausstellung von Kunst verweist, wendet sich den Studien zur Perspektive innerhalb der Kunst Duchamps zu. Auf einer Schiffsreise nach Buenos Aires 1918 leidet Duchamp an der Seekrankheit. Es ist die Selbsterfahrung jener Reise, die ihn Spekulationen über einen Zusammenhang von Schwerkraft und Perspektive anstellen lässt. Perspektive erscheint ihm nunmehr als illusionäre Erfahrung, die weder im Körper, noch in der Außenwelt verortet ist.

Im Hinblick auf Perspektive verweist Belting auf die einstige, durch jene repräsentierte, Sehgewohnheit der westlichen Welt, deren Blick nun die Welt zum eigenen Bild macht. Perspektive in diesem Sinne wurde in der modernen Kunst aufgegeben. Der Kunstbegriff wurde vom Werk auf die Idee übertragen. Hier zieht Belting die Verknüpfung zwischen Kunstbegriff und der Frage nach dem Blick.
Gläser dienten Malern als Übertragungshilfe, um die äußere Welt auf der Leinwand zu verewigen. Bei der Sicht durch das »Große Glas« eröffnet sich dem Betrachter keine Leinwand dahinter. Vielmehr bietet das Glas Begrenzung und Durchsicht zugleich. Eine genaue Bauanleitung für die Installation zu das »Große Glas« hinterließ Duchamp in einem Konvolut. In der Realisierung der Installation begegnet man als Betrachter einer Tür, durch deren Schlüsselloch sich der Blick auf eine füllige Nackte eröffnet. Im Hintergrund der Figur befindet sich ein Wasserfall und in ihrer Hand eine Lampe. Die begrenzte Sicht durch das Schlüsselloch und die leichte Unschärfe der Protagonistin reizen den Blick des Betrachters und sein voyeuristisches Begehren.

Duchamps Postulat liegt, gemäß Belting, in der Perspektive der vierten Dimension, die den Aspekt der Zeit impliziert. Dies unterstreicht Belting mit einer Anekdote aus Duchamps Leben. Zur Hochzeit seiner Schwester schenkte Duchamp ihr ein Werk mit dem Namen »Unhappy Readymade«. Der Arbeit liegt eine Anleitung bei: befestigt mittels Bindfaden sollte das mitgelieferte Lehrbuch der Geometrie den Gezeiten bis zu seiner völligen Auflösung ausgesetzt werden. Als Dokument dient eine Fotografie, die Duchamps Schwester von der Installation anfertigte. Raum wird in diesem Sinne nicht auf eine Fläche projiziert, in der sich eine Perspektive festmachen lässt. Perspektive wird eher zu einem Effekt von Zeit.
Der Blick auf die Studien Duchamps zur Perspektive verdeutlicht einmal mehr, dass Duchamps Kunst Idee und Konzept vorgelagert sind.

Belting unterstreicht eben jene Übereinstimmung zwischen Duchamp, Sugimoto und Wall, die in der grundlegenden theoretischen Auseinandersetzung eines Kunstwerks im Vorfeld ihrer Realisierung liegt. Eine Verknüpfung zwischen den drei künstlerischen Positionen macht Belting zudem an der jeweiligen Grenzerfahrung der Künstler fest.

Während es bei Duchamp die Forderung nach einer noch nicht darstellbaren Perspektive war, so ist es bei Sugimoto die Suche nach einem Ausweg aus der Konzeptkunst, die gegen Ende der 1960er ihren Zenit überschritten hatte. Jeff Wall dagegen wirft in seiner Arbeit die Frage nach der »kinematografischen Fotografie«, einem in der Konstitution von bewegtem Kinobild und stillstehendem Fotobild begründetem Paradoxon auf und verortet seine Fotografie im Zeitalter der digitalen Medien. Sowohl Sugimoto als auch Wall begründen in ihrer Arbeitsweise eine neue fotografische Position. Wenn Sugimoto in der seriellen Gestaltung von ein und demselben Motiv (z.B. Meeresbilder, Kinosäle) die ins Werk gesetzte Idee exponiert, verwendet er die Fotografie als ein theoretisches Objekt und bietet gleichsam, nach Belting, im Hinblick auf die kulturelle Frage, in eben vergleichbarer Bildmotivik ein Modell für das Zeitalter der Globalisierung. Jeff Wall gelingt mit der Darstellungsform seiner Arbeiten ein Novum in der Ausstellungsweise von Fotografien: er inszeniert nicht nur innerbildlich eine Bühne für das Geschehen, sondern präsentiert seine Werke nahezu wie ein Filmstill in einem Leuchtkasten.

Eine weitere Parallele zwischen Wall und Sugimoto ist die thematische Auseinandersetzung mit Kino. Dabei wirft Sugimoto sein Augenmerk auf leere Kinosäle, auf deren weiße Leinwände er die Kamera ausrichtet. Wall hingegen inszeniert Kinopublikum: in Gruppen von zwei bis drei Personen nimmt er sie während des Betrachtens auf. Dabei sind Kinosituation und Betrachten eines Films lediglich fingiert. Beide Künstler thematisieren in ihrem Kinomotiv den Blick und die Frage nach der Perspektive.

An dieser Stelle lässt sich der Bogen zurück zu Duchamp und seinen Studien zur Perspektive schlagen. Belting gelingt es, die Verknüpfung von Sugimoto und Wall zu Duchamp herzustellen, indem er die Arbeitsweise der drei Künstler im Hinblick auf Blick und Perspektive an Werkbeispielen diskutiert und sie immer wieder in Bezug zu der zentralen Arbeit das »Große Glas« setzt. Als Initialmoment gilt der historische Besuch von Sugimoto und Wall der Retrospektive Duchamps in Philadelphia und die Rezeption seiner Kunst. Ebenso deuten Elemente in den Fotografien von Sugimoto und Wall auf eine Referenz zu Duchamps »Große(m) Glas« hin. Beide Künstler haben eine eigene Bildsprache entwickelt mit einem vergleichbar theoretischem Gegenstand und einer nachweisbaren Stellungnahme zu der Kunst Marcel Duchamps.

Hans Belting gelingt es, den umfangreichen Diskurs zu den Themen Blick, Perspektive und fotografischem Bild mittels essayistischem Stil für den Leser zugänglich zu machen. Der Bezug zwischen den beiden zeitgenössischen Fotografen Sugimoto und Wall zu Marcel Duchamp ist gut dargestellt und somit nachvollziehbar. Zudem tragen die zahlreichen Abbildungen in dem Buch zu einem visuellen Vergnügen bei. Das Buch ist nicht nur Fachinternen zu empfehlen, sondern bietet auch interessierten Laien einen spannenden Überblick über einen aktuellen Themenkomplex innerhalb der Kunstgeschichte.