Ausstellungsbesprechungen

Hans Mendler - Ist da jemand?, Galerieverein Leonberg, bis 5. Januar 2014

Farbintensive, abstrakte Werke, oft durchbrochen von figurativen Elementen verschönern derzeit die Räume des Galerievereins Leonberg. Bei aller Abstraktion bleibt Raum für Humor und spielerische Leichtigkeit, selbst historische Vorbilder zitiert Hans Mendler in seiner Kunst. Günter Baumann hat sich die Ausstellung angesehen.

Hans Mendler ist ein Proteus der Kunst, auch wenn ihm jegliche mythische Schwere abgeht. Im Gegenteil: eine farbenstrahlende Leichtigkeit überweht seine Gemälde, dann wieder gibt er sich in seinen Bildern fast materielos. Doch immer wieder schleicht sich das Bild ins Werk, das in seiner Entwicklung viele Wandlungen durchgemacht hat: mal scheint es gänzlich abstrakt zu sein, dann wieder figurativ, mal dominiert die Malerei, dann wieder die Skulptur. Mal verwendet der Künstler – wie in früheren Arbeiten – das flächig strahlende Acryl, mal ziseliert er – in jüngeren Arbeiten – mit Acryl zarte Liniengespinste über die bemalte Leinwand, als würde er das Zeichnerische über das Malerische legen. Die aktuelle Ausstellung in Leonberg ist in einer harmonischen Balance gehalten, und doch entstehen spannende, ja gespannte Dialoge der Techniken, Stilformen und Gattungen, obwohl nahezu alle Arbeiten 2013 entstanden sind. Man möchte fast sagen: Indem sich Mendler ändert, bleibt er sich treu. Auch thematisch streift er die proteische Idee. Da sich der Lebensmittelpunkt des Künstlers nicht nur im idyllischen Leonberg befindet, sondern auch in Ungarn unweit oder sagen wir: im steten Bewusstsein der Donau, taucht diese als weibliches Wesen immer wieder insbesondere in der Plastik auf, als personalisierte Welle oder als Hüterin eines Wissens, das sie – so legt es ihre Standhaftigkeit und Distanz zum Betrachter – nicht preisgibt.

Die Fülle der Ausstellungsexponate ist beeindruckend. Das liegt mal am erzählerischen Unterton, mal an der poetischen Flüchtigkeit. Die Serie von Hinterglasporträts besteht aus anmutigen bis sensationellen Zitaten aus dem Schaffen des französischen Malers Fragonard. Die Vorlagen entdeckte Mendler bei einer Reise nach Paris und seinem Besuch im Louvre – während die breite Masse dort nur ein einziges Bild vor Augen hatte, wie er feststellte, sei er den Spuren des Franzosen in weniger überfüllten Räumen gefolgt. Den speziellen Charme der Adaptionen macht die Technik aus, bei der der Farbauftrag umgekehrt zur gewohnten Malweise entsteht: Die der Scheibe am nächsten liegenden Schichten müssen zuerst aufgetragen werden; so entstehen ungewohnte, auch für den Urheber nicht immer kalkulierbare Effekte. Ohne dass Mendler dies beabsichtigt hätte, geraten seine fiktionalisierten, dem gemalten (!) Original bewusst entfremdeten Porträts dem lockeren Stilwillen Picassos an. Im oberen Ausstellungsraum begegnet der Betrachter weiteren, diesmal gemalten Annäherungen an Fragonard: kühn, gestisch-ungestüm, ein pastoser Gegenentwurf zu den luftigen Hinterglas-Varianten. Mendler stellt sich bei derartigen Bearbeitungen die Frage, wie die einstigen Künstler wohl heute ihre Aufgaben angehen würden.

Nie verzichtet er jedoch auf die eigene künstlerische Freiheit. Das wird deutlich an der postexpressionistischen Holzskulptur »Paranoia«, die kaum merklich ein Gemälde von Max Ernst zitiert, auf dem die heilige Maria ihren Sohn übers Knie legt und ihm den Hintern versohlt. Hier liegt der Schalk freilich auf der Hand, wie er so oft über die Schulter des Bildhauers Mendler lugt. In seinen grob gesägten Harlekinaden hat er zu seinem ureigenen Stil gefunden. Nur darf man den sensiblen, archaische Gründe suchenden Maler darüber nicht vernachlässigen. In seinen hinreißenden, nur assoziativ gegenständlichen Blumenbildern entdeckt man gar einen Höhepunkt dieses längst ins Beliebige abgedrängten Sujets. Doch auch die figurativen Abstraktionen nehmen den Betrachter mit – so kann man den Glücksmoment des Künstlers nachvollziehen, wenn er berichtet, dass eine Besucherin der Vernissage in einem zwar farbsprühenden, doch stark reduzierten Bild ihre Tochter in all ihrem altersbedingten Trotz zu erkennen glaubte. Mendlers Arbeiten fordern anekdotische Momente geradezu heraus. Aber auch hier gibt sich der Künstler nicht einfach zufrieden. In seinen jüngsten Gemälden legt er geometrische und lineare Muster über die dargestellten Szenen, die einerseits den Inhalt verfremden und andrerseits ganz eigene Bildräume schaffen, welche die Illusion auf eine ästhetische Höhe stellen, die einmal mehr deutlich macht, wie innovativ die traditionellen Techniken noch immer sein können.