Ausstellungsbesprechungen

Hans Op de Beeck – The Silent Castle, Museum Morsbroich Leverkusen, bis 30. April 2017

In letzter Zeit hat das Leverkusener Museum Schloss Morsbroich vorwiegend Negativschlagzeiten gemacht. Nicht wegen der dort stattfindenden Museumsarbeit, sondern wegen der Absicht der hochverschuldeten Stadt, das Museum aus Kostengründen zu schließen. Proteste prominenter Künstler, u.a. von Gerhard Richter, und von Direktoren auswärtiger Museen sowie ein Finanzierungskonzept des Museumsvereins konnten den vorläufigen Erhalt des Hauses sichern. Gleichwohl steht die Zukunft dieses bedeutenden, seit 1951 existierenden Museums für zeitgenössische Kunst in den Sternen. Dessen ungeachtet sorgt das Museumsteam mit seiner engagierten Arbeit immer wieder für Glanzlichter, so auch jetzt mit der sehenswerten Ausstellung »Hans Op de Beeck. The Silent Castle«, die Rainer K. Wick besucht hat.

Op de Beeck, Jahrgang 1969, gehört zur mittleren Generation belgischer Gegenwartskünstler und kann auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Inzwischen gilt der Grenzgänger zwischen den Gattungen und Medien – Skulptur, Installation, Malerei, Computeranimation, Film – als einer der renommiertesten Künstler seines Landes. In Deutschland ist er nicht nur mit der erwähnten Werkschau in Leverkusen zu sehen, sondern seit dem 9. April auch mit der großen Retrospektive »Out of the Ordinary« im Kunstmuseum Wolfsburg (bis zum 03. September 2017). Die Leverkusener Ausstellung (bis 30. April 2017), von der hier die Rede ist, fasziniert durch ihre überaus gelungenen Inszenierungen in den historischen Räumen des von einem Wassergraben umgebenen Schlosses Morsbroich – einst, im Mittelalter, ein Rittersitz, im 18. Jahrhundert ersetzt durch eine Maison de plaisance im Rokokostil, im 19. Jahrhundert historisierend durch zwei Seitenflügel erweitert, nach 1945 zum Museum für Gegenwartskunst umfunktioniert.

Hat man das Eingangsportal durchschritten, stößt man genau in der Hauptachse des Gebäudes sogleich auf die sowohl vertraut als auch verstörend anmutende Installation mit dem Titel »Lounge« (2014). Mit Stehlampe und Chesterfield-Sofa entspricht diese Inszenierung dem Klischee einer typischen Hotel-Lounge. Mag ein schlafender Hund zu Füßen der Couch noch hingehen, so irritiert doch die Fülle der Objekte, mit denen der Boden übersät ist und die sich auf dem Fensterbrett und dem Sofa ausbreiten. Inmitten dieses Chaos trivialer, gebrauchter Dinge – Flaschen, Gläser, Getränkedosen, Softdrinkbecher, Tassen, Zigarettenascher und -stummel, einer gefalteten Tageszeitung, aufgeschlagener Bücher, eines einzelnen Damenschuhs, eines Herrenjackets – tauchen ganz unerwartet zwei afrikanische Skulpturen auf (Anspielung an die koloniale Vergangenheit Belgiens?) sowie, durchaus beunruhigend, für das Verständnis aber aufschlussreich, ein Totenschädel. Damit ist ein Thema angeschlagen, das sich leitmotivisch durch das gesamte Œuvre Op de Beecks hindurchzieht, nämlich das der Vergänglichkeit. »Lounge« zeigt nicht einfach die Spuren einiger feucht-fröhlicher Stunden in einer Hotelbar, die längst von ihren Besuchern verlassen wurde, sondern entpuppt sich als ein modernes Memento mori, also als die Aufforderung an die Adresse des Betrachters, sich stets der Allgegenwart des Todes bewusst zu sein. Dazu trägt nicht nur der Totenkopf bei, sondern auch die Tatsache, dass die in Gips abgeformten Gegenstände einheitlich grau sind und aus ihnen gleichsam alles Leben entwichen ist. Op de Beeck selbst spricht von einer »versteinerten Wirkung«, die an das durch den Vesuvausbruch verschüttete Pompeji erinnere und nennt »Lounge« das »größte barocke Vanitasbild, das [er] je geschaffen habe«.

Grau ist im Werk von Op de Beeck die vorherrschende »Farbe«, und der Eindruck einer ihrer Vitalität beraubten und sozusagen still gestellten Welt wird in Leverkusen noch dadurch verstärkt, dass alle Räume mit einem mittelgrauen Veloursteppich ausgelegt sind, der den Schall schluckt und eine nahezu geräuschlose Fortbewegung durch den Ausstellungsparcours zur Folge hat. Insofern könnte auch der Ausstellungstitel »The Silent Castle« nicht treffender gewählt sein. Stille kann der intensiven (Selbst-)Reflexion zuträglich sein, sie kann aber auch beklemmend, ja beängstigend und bedrohlich sein, und es ist genau diese prinzipielle Ambivalenz, die für die Arbeiten des Künstlers charakteristisch ist und den Besucher der Ausstellung permanent in den Zustand einer latenten Verunsicherung versetzt. Schon 1856 hat Karl Marx treffend bemerkt: »In unsern Tagen scheint jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger zu gehen«, ein Satz, der sich umstandslos als Motto auf das Œuvre von Op de Beeck übertragen lässt.

So zum Beispiel auf die Inszenierung »Silent Piano« von 2015. Es handelt sich um die Nachbildung eines Konzertflügels und eines Klavierschemels aus grauem Gips; auf dem Instrument befinden sich unter anderem aufgeschlagene (Noten-)Bücher, mehrere Bilderrahmen (ohne Bilder), ein Kerzenständer, zwei Flaschen, ein Aschenbecher – alles Abformungen existierender Gegenstände aus grauem Gips. Das ist real und surreal zugleich, und zu Recht spricht Fritz Emslander, der Kurator der Ausstellung, von einer »akustischen und visuellen Tabula rasa, die den Betrachter respektive Zuhörer in Spannung versetzt und herausfordert.« Die Paradoxie der Installation ist offenkundig, bleibt dieses Instrument doch auf ewig stumm. Dabei an John Cages epochale Komposition »4'33'« von 1952 zu denken, bei dessen Aufführung das Piano vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden schweigt (die Partitur beschränkt sich auf ein dreimaliges »tacet«), ist sicherlich nicht abwegig, doch lag es nicht in der Absicht Hans Op de Beecks, dieses Schlüsselwerk der Neuen Musik mit bildnerischen Mitteln einfach zu illustrieren.

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Vielmehr geht es dem Künstler ganz allgemein darum, auf die Vergeblichkeit menschlichen Strebens und Tuns hinzuweisen, und insofern bewegt er sich auch mit seiner Installation »Vanitas Table (Peacock)« von 2016 ganz in der uralten Vanitas-Tradition. Es handelt sich um ein mit Objekten überladenes Stillleben mit einem die Szene beherrschenden Pfau, Symbol der Eitelkeit, sowie erloschenen Kerzen, Hinweis auf den Tod, und – erneut – einem Totenschädel, der in unmissverständlicher Form an die Endlichkeit menschlicher Existenz erinnert.

Bleiben die meisten skulpturalen Inszenierungen Op de Beecks monochrom, so gibt es einige andere, die sich bewusst der Farbe bedienen. Ganz besonders gilt dies für die Arbeit »After the Gathering« (»Nach dem Fest«) von 2007. Sie zeigt eine überdimensionale, mit bunten Früchten verzierte Sahnetorte, von der einige Stücke verzehrt wurden und die nun schon in sich zusammensackt. Vor diesem Hintergrund relativiert sich die schöne Farbigkeit des Tortenobstes, und im Zusammenspiel mit den ausgepusteten Kerzen ist es nicht schwer, auch diese Installation im Kontext der Vanitas-Thematik zu verorten.

Im Unterschied zur klaren Botschaft dieser Arbeit bleibt das Werk »Pond 400« (2016) eher geheimnisvoll. Op de Beeck hat in einem Raum des Schlosses einen kreisrunden künstlichen Teich mit einer schwarz glänzenden Oberfläche aus Glas platziert, auf dem Seerosenblättern aus grauem Gips mit Blüten aus weiß gefärbtem Glas »schwimmen«. Der Künstler spricht von der »rätselhaften Aura eines dunklen Märchens« und bezieht sich in Leverkusen direkt auf den Ort seiner Präsentation, spielt doch, wie eingangs erwähnt, bei der Anlage von Schloss Morsbroich das Wasser eine maßgebliche Rolle. Nicht nur, dass das Schloss von einem Graben umgeben wird, auch gibt es vor dem Eingang ein großes rundes Bassin, mit dem Op de Beecks Inszenierung ganz offenkundig korrespondiert. So täuschend echt »Pond« auf den ersten Blick erscheint, so befremdlich und irritierend ist allerdings der Umstand, dass dieses Szenario in einem Innenraum stattfindet.

Dunkel und rätselhaft sind auch die phantastischen Filme des Künstlers, bei denen es sich teilweise um raffinierte Animationen seiner großformatigen Schwarzweiß-Aquarelle handelt, teilweise um bühnenartige Inszenierungen, die nicht selten Op de Beecks Leitthema, Vergeblichkeit und Vergänglichkeit, aufnehmen. Erwähnt sei stellvertretend nur eine einzige eindrucksvolle Sequenz, nämlich wie aus Zuckerwürfeln eine gigantische Großstadt-Skyline entsteht, die kurz darauf aus einer Gießkanne mit schwarzem Kaffee übergossen wird und sich allmählich im Nichts auflöst.

Fast klassisch muten die grau gehaltenen Skulpturen »Lucas« und »Lauren« an, beide 2016, realistische Körperabformungen eines Jungen und eines Mädchens (es sind die Kinder des Künstlers). Ungewöhnlich ist ihr Habitus. Beide stehen mit geschlossenen Augen da und halten scheinbar selbstvergessen etwas in den Händen – bei Lucas sind es Brombeeren, Lauren spannt zwischen ihren Fingern eine Schnur. Ebenfalls mit geschlossenen Augen präsentiert sich »Fatima« (2016). Das Modell ist eine junge Farbige aus dem Quartier in Brüssel, in dem Op de Beeck sein Studio hat. Halb liegend, halb sitzend, stützt sie sich mit ihrem rechten Arm auf einem Podest ab und scheint aus dem Fenster zu schauen. Tatsächlich geht der Blick der nur mit einer Jogginghose bekleideten und den Klängen aus ihrem Köpfhörer lauschenden jungen Frau aber nicht nach draußen, sondern nach innen.

»Hans Op de Beeck schafft Räume der Introspektion, in die der Betrachter eintauchen und die er füllen kann mit seinen eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und Assoziationen«, wie der Kurator Fritz Emslander treffend feststellt. Es sind handwerklich perfekt gemachte enigmatische Inszenierungen der Stille, die zur inneren Einkehr und zum Nachdenken auffordern – »offene Kunstwerke« (um Umberto Eco zu zitieren), die trotz ihrer oft tragischen Grundstimmung nie mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen und immer genügend Platz für subjektive Deutungen lassen.

Zur Ausstellung ist im Verlag für moderne Kunst eine schöne Publikation mit zahlreichen Abbildungen und einem subtilen Essay von Fritz Emslander erschienen.