Ausstellungsbesprechungen

Hans Purrmann – Im Kräftespiel der Farben: Gemälde und Aquarelle

Die Kunsthalle Tübingen scheint wieder zu ihrer alten Form zurückzufinden, nachdem es etwas ruhig um das großstädtischste aller Provinzmuseen geworden ist: Mit Hans Purrmann (1880–1966) ist ein Schüler von Matisse und einer der wichtigsten, zeitweilig im Bodenseeraum (Langenargen) – aber auch in Paris, Berlin, Florenz und Montagnola – tätigen Maler ins Haus gekommen.

Anlässlich seines 40. Todestags ist noch bis zum 23. April in Tübingen eine Retrospektive mit rund 120 Leihgaben aus privatem und öffentlichem Besitz zu sehen, die anschließend in weitere Ausstellungshäuser weiterzieht. Die Ausstellungsmacher – neben Götz Adriani ist es Christian Lenz – haben die Schau unter das Motto gestellt: »Das erste Verdienst eines Bildes ist es, ein Fest für das Auge zu sein.«

Man wundert sich schon: Da hat die deutsche Kunstgeschichte einen Maler von mediterranem Form- und vor allem Farbgespür, und sie hat es geschafft, ihn ins zweite Glied zu stellen. Hans Purrmann selbst war daran nicht ganz unschuldig: Erstens war er eine zu ehrliche Haut, als dass er ein entsprechendes Temperament hätte vorgaukeln können – er sagte von sich, er sei »nie über die Bewunderung und Liebe zu Cézanne und … Matisse hinausgekommen«, dabei war er einer der freiesten und zugleich eifrigsten Adepten. Zweitens wollte oder konnte Purrmann sich zeitlebens nicht figürlich oder abstrakt festlegen, was in den theoretischen Grabenkriegen nach dem Zweiten Weltkrieg wohl ins Fahrwasser des Allzuversöhnlichen geriet. Nicht zuletzt reichte er im eignen Land den Stars und Malerfürsten dann doch nicht das Wasser – Franz von Stuck, Max Liebermann & Co. legten einen zu mächtigen Schatten über manche ihrer Zeitgenossen, worauf Purrmann mit einer Flucht in den Stilpluralismus reagierte, ohne die Motive ins Beliebige abschweifen zu lassen (seine Konzentration auf die Landschaft und das Stillleben, seltener die menschliche Figur hält sich durch das ganze Werk).

Aber das darf man ruhig tolerieren angesichts der frankophilen Farbenpracht, die Purrmann zu entfalten fähig war, spürt man doch deren Zauber und den natürlichen Zwang, ans Licht befördert zu werden. Einst war der Jüngling aufgebrochen, um in Paris eine Manet-Ausstellung zu sehen, entdeckte dann die Maler um Matisse – und prompt verwandelte sich seine Palette ins Bunte. Mehr noch in seinen Aquarellen als in den Gemälden erkennt man die Leichtigkeit, mit der Purrmann zu Werk ging und ohne viel perspektivischen Aufhebens eine faszinierende Tiefe erreichte. »Man bringe mir meine Farben«, soll der Maler ausgerufen haben, als er 1966 wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus lag; es wurden seine letzten Worte. Das mag gut erfunden sein, aber es zeigt doch den Stellenwert, den die Farben im Werk Purrmanns genossen. Ganz lösen konnte er sich zwar nicht von seinen spätimpressionistischen Anfängen, in manchen Arbeiten kann die Farbgestaltung kompositionelle Schwächen nur unzureichend verbergen. Aber immer wieder gelingt ihm ein locker dahin getupfter Farbenstreich in Rot- und Lilatönen, der den Betrachter zum Genießer werden lässt.
 

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Es ist kaum zu glauben, dass ein solch lebensbejahender Duktus nach 1933 ein Dorn in den Augen der neuen Machthaber war. Purrmann musste vor den Nazis fliehen und fand in der Schweiz Unterschlupf, wo er auch mit Hermann Hesse zusammentraf – der Autor und spätere Literaturnobelpreisträger war selbst als beachtenswerter Aquarellist tätig, sodass seine Farbenverehrung nicht gespielt war: In einem Gedicht würdigt er Purrmanns »Kräftespiel der Farben«, das der Ausstellung den Namen gab.

Nach der Kunsthalle Tübingen sind das Saarlandmuseum Saarbrücken, die Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen Schloss Gottorf / Kloster Cismar und Berlin (»Purrmann in seiner Zeit«) die weiteren Stationen der Schau.

 

 

Weitere Informationen

 

Kunsthalle Tübingen

Öffnungszeiten

Di–So 11–18, Di 11–19 Uhr

Eintrittspreise
5 EURO / erm. 4 EURO