Buchrezensionen

Hans Werner Holzwarth (Hg): Art Now Vol. 3, Taschen Verlag 2008

„Trend ist Trend“ böte sich als Überschrift für die Rezension dieses Nachschlagewerks zur zeitgenössischen Kunst an, das, visuell ansprechend gestaltet, einem Lifestile-Guide ähnelt. Hier erfährt man, wer zwischen 2005 und 2008 in der Gegenwartskunst von sich reden gemacht hat und in den aktuellen Kunstkanon aufgenommen wurde. Die zahlreichen farbigen Abbildungen sowie kurze Beschreibungen ermöglichen einen ersten Einblick in das Oeuvre der 133 renommierten Künstler – mehr aber auch nicht.

Wer vergangenes Jahr einige Zeit in New York verbracht hat, erlebt bei der Lektüre von „Art Now Vol 3“ etliche Déjà-vus: Sei es aufgrund der Ausstellung der rumänischen Zwillingsbrüder Gerd und Uwe Tobias im „Projektraum“ für zeitgenössische Kunst, Projects 86, im Museum of Modern Art (MoMA), der Ausstellung Kara Walkers im Whitney Museum of American Art, der großen Retrospektive von Cai Guo-Qiang im Salomon R. Guggenheim Museum oder wegen der Präsentationen von Olafur Eliasson beziehungsweise Takashi Murakami im MoMA respektive Brooklyn Museum. Nicht aufzuzählen sind die Künstler, die sowohl in ihrer Galerie in Chelsea ausgestellt haben als auch im aktuellen Nachschlagewerk zur zeitgenössischen Kunst aus dem Hause Taschen aufgeführt sind: Allein aus der Galerie David Zwirner stammen acht der Künstler, mehr als zwanzig werden von der Gagosian Gallery vertreten. Doch auch wer in Paris, London, Berlin oder Tokio in den vergangenen drei Jahren die marktbeherrschenden Galerien besuchte oder zu den Großereignissen der internationalen Kunstszene wie der documenta12 oder den einschlägigen Biennalen gepilgert ist, wird dort Gesehenes in dem 592 Seiten starken Kompendium wieder finden.

Und genau dies war offenbar der Anspruch von Herausgeber Hans Werner Holzwarth, der Ende 2008 den dritten Übersichtsband zur Gegenwartskunst in der Reihe „Art Now“ mit insgesamt 133 alphabethisch aufgelisteten internationalen Künstlerpositionen edierte: In seiner Orientierung an renommierten Galerien und den bedeutendsten institutionellen Ausstellungen folgt seine Auswahl dem von Galeristen, Sammlern, Kuratoren und Museumsankäufen geschaffenen derzeitigen Kanon. Mit „cutting-edge“ im Sinne einer Vorreiterrolle hat diese Selektion also wenig zu tun, die zurückhaltendere deutsche beziehungsweise französische Beschreibung als aktuell/actuelle im Sinne einer Bestandsaufnahme trifft es besser. Die Eigenwerbung des Verlages – „Sie wollen heute schon wissen, was Sie in den nächsten zehn Jahren in den Kunstinstitutionen der Welt erwartet?“ – verspricht zu viel Innovation, denn die Institutionen zeigen das Gros der im Buch vorgestellten Positionen bereits. Der Marketingspruch liegt aber vermutlich insofern richtig, als dass viele der Künstler innerhalb der nächsten Dekade weiterhin institutionell präsentiert werden.
 
Abgesehen davon findet der Leser das, was ihm verheißen wird: Vier Seiten zu jedem Künstler, von denen drei den Abbildungen wichtiger oder aktueller Arbeiten gewidmet sind und nur eine dem beschreibenden Text, der stark komprimiert, aber mit den zentralen Angaben zu Methode, Referenzen und Kontextualisierung der Arbeiten das jeweilige Œuvre skizziert. Dass dieser jeweils informativ und zudem gut lesbar ist, verdankt der Band seinen elf Autoren, die größtenteils auch Kritiken für die einschlägigen Kunstzeitungen verfassen. Neben den Übersetzungen werden auf der „Text-Seite“ zudem Daten zu zentralen Ausstellungen der vergangenen Jahre sowie eine Kurzbibliografie geliefert. Zusammengefasst wirkt dies wie eine Legierung aus professionellen Pressemitteilungen von Galerien und Kurzkritiken in Kunstjournalen, wobei der Magazincharakter neben der Bilddominanz auch den Thumbnail-artigen Portraitfotos der Künstler geschuldet ist. An ihnen ist auszumachen, wie die Kunstwelt in unserer Dekade tickt: Es geht um Events und um das in Bezug auf die Publikation viel zitierte „Who is who“, das Teilhaben(wollen) und nicht zuletzt das „Größer, besser, weiter“. Dass es sich, für Kunsthistoriker zunächst irritierend, implizit auch um eine „Hip-Parade“ des Kunstmarkts handelt,  wird spätestens im serviceorientierten Anhang deutlich, in dem potenzielle Käufer Einblick in die Marktpreise der jeweiligen Künstler beziehungsweise ihrer Werke erhalten und erfahren, welche Galerien sie bei Interesse kontaktieren müssen.

Selbst wenn dieses Hochglanz-Nachschlagewerk wie seine zwei 2002 und 2005 erschienenen Vorgänger Ausdruck des Kunsthypes und einer Eventkultur ist, kann es dennoch auch Kunsthistorikern einen ersten Überblick zur international angesagten Gegenwartskunst geben (für Einsteiger nützlich: das kurze Glossar) und ist schon als Zeitdokument auch für Kulturwissenschaftler ein Muss. Abzuwarten bleibt, ob und wie sich das Konzept der nächsten Ausgabe angesichts der derzeitigen Kunstmarktlage ändern wird.