Buchrezensionen, Rezensionen

Harald Bodenschatz (Hg.): Städtebau für Mussolini. Auf der Suche nach der neuen Stadt im faschistischen Italien, DOM Publishers 2011

Obwohl im faschistischen Italien die umfangreichsten städtebaulichen Projekte der Zwischenkriegszeit in Europa realisiert wurden, sind sie - jenseits eines Spezialistenzirkels - nahezu unbekannt. Diese Lücke füllt das Buch und bietet nicht nur einen systematischen Überblick zum Städtebau während der Mussolini-Diktatur, sondern auch eine Neuinterpretation. Rainer K. Wick hat es gelesen.

Um es vorweg zu sagen: Das Buch, das es hier zu rezensieren gilt, ist keine Relativierung oder gar Rehabilitierung des italienischen Faschismus in den Jahren 1922 bis 1943, wohl aber der verdienstvolle Versuch, das Phänomen des Städtebaus in Italien unter den politischen Vorzeichen der Mussolini-Diktatur einer differenzierten Betrachtung zu unterziehen und dabei mit alten Klischees und lieb gewonnenen Vorurteilen aufzuräumen.

Dass sich in Deutschland die kunstwissenschaftliche und architekturgeschichtliche Italienforschung traditionell in erster Linie im Bannkreis von Renaissance, Manierismus und Barock abspielt, ist nur allzu bekannt. Mit der breit angelegten Publikation »Städtebau für Mussolini« lenkt der Berliner Architektursoziologe Harald Bodenschatz die Aufmerksamkeit auf ein hierzulande bisher kaum erschlossenes Terrain, was »umso erstaunlicher [ist], wenn man bedenkt, dass im faschistischen Italien die wohl umfangreichsten und komplexesten städtebaulichen Projekte der Zwischenkriegszeit in Europa realisiert wurden«.

In einem einführenden Kapitel beleuchtet der Autor die Etappen der Rezeption des faschistischen Städtebaus in Italien nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Unterschied zu Deutschland mit seinem fundamental gestörten Verhältnis zu den materiellen Hinterlassenschaften der NS-Vergangenheit begann in Italien — unabhängig von der auch dort verbreiteten »rituellen Verurteilung des faschistischen Städtebaus« — schon in den 1960er Jahren ein behutsamer Prozess der »kulturellen Revision«, der sich in den 1980er Jahren mit den großen Ausstellungen »La Metafisica: gli Anni Venti« (Bologna 1980) und »Gli Annitrenta« (Mailand 1982) fortsetzte. Inzwischen lässt sich im italienischen Fachdiskurs sogar eine gewisse Begeisterung für die Architektur und den Städtebau des Mussolini-Regimes erkennen, die sich allerdings jenseits politischer und soziologischer Kategorien vor allem auf die ästhetischen Qualitäten der damaligen Planungen und realisierten Bauten konzentriert, was freilich deutlich zu kurz greift. Hinzu kommt, dass das Gros des faschistischen städtebaulichen und architektonischen Erbes von der italienischen Bevölkerung — und übrigens auch von den meisten ausländischen Besuchern — heute kaum bewusst als solches registriert und, abgesehen von einigen spektakulären Großprojekten, nur selten direkt mit Mussolini in Verbindung gebracht wird.

Fortsetzung von Seite 1

Obwohl der „Duce“ der vermeintlich „ungesunden“ Verstädterung einen Riegel vorzuschieben suchte und in seiner Rhetorik gern dem „gesunden“ Landleben den Vorzug gab, kam es in den zwei Jahrzehnten des Faschismus zu weitreichenden städtebaulichen Maßnahmen. Bodenschatz zeigt, dass sich der Städtebau der 1920er und 30er Jahre als Umbau und infrastrukturelle Modernisierung der historischen Zentren, als Erweiterung der Städte durch Neubausiedlungen und als Gründung von neuen (Klein-)Städten manifestierte. Den Schwerpunkt bildete Rom, das nach Mussolinis Wunsch und Willen als Hauptstadt »groß, geordnet und mächtig« sein sollte und zu einem Paradebeispiel faschistischer Städteplanung wurde. Dazu gehörte u.a., dass die antiken, von der einstigen Größe Roms zeugenden Monumente von allen Zutaten der »Jahrhunderte der Dekadenz« befreit wurden, um »in notwendiger Einsamkeit riesenhaft« wirken zu können. So wurden z.B. das Marcellus-Theater und das Mausoleum des Augustus freigestellt (»isoliert«).

Einschneidende städtebauliche Maßnahmen waren der rücksichtslose Abriss eines ganzen Stadtviertels, um zwischen Colosseum und Piazza Venezia eine neue Pracht- und Aufmarschstraße zu schaffen, die Via dell’Impero (heute Via dei Fori Imperiali, da sie die antiken Kaiserfora durchschneidet), wie auch der Abbruch von mehr als 700 Wohneinheiten im alten Wohnquartier (Borgo) östlich des Vatikans, um eine breite Verkehrs- und Sichtachse vom Tiber mit der Engelsburg zum Petersdom zu realisieren, die Via della Conciliazione. Geplant wurde dieser Durchbruch von Marcello Piacentini, dem „architetto del regime“, vergleichbar Albert Speer im Nazi-Deutschland, allerdings ohne dessen außerordentliche Machtbefugnisse und Sondervollmachten. Sein städtebauliches Hauptwerk ist der Generalplan für das Weltausstellungsgelände E 42 (= Esposizione Universale 1942; heute EUR = Esposizione Universale di Roma) im Süden Roms. Piacentini selbst vertrat einen formal reduzierten Neoklassizismus und gehörte mithin zum Flügel der Traditionalisten, die sich in der Bewegung Novecento formierten. Gleichwohl verstand er es als einflussreicher Moderator der städtebaulichen und architektonischen Entwicklung im Italien Mussolinis, auch die Anhänger des razionalismo italiano, also der architektonischen Moderne, einzubinden. Dieser architektonische Rationalismus hatte sich in den 1920er und frühen 30er Jahren im Bemühen um ein „modernes“ Selbstbild des faschistischen Regimes nicht nur behaupten, sondern mit staatlichem Rückenwind sogar kräftig entfalten können. Prominente Beispiele sind Guiseppe Terragnis Casa del Fascio in Como (1928) oder Giovanni Micheluccis Stazione Santa Maria Novella in Florenz (1932-34).

Nach der Annexion Äthiopiens und der Gründung des faschistischen „Impero“ 1936 gewann allerdings der in Italien traditionell wirkungsmächtige Passatismus wieder stärker an Boden, und zwar in seiner spezifischen Ausprägung als Kult der romanità. Das antike Rom wurde zum mythischen Referenzpunkt des faschistischen „Neuen Italiens“, die Italiener begriffen sich als die „Römer der Moderne“, und in der Architektur wurde ein an antiken Vorbildern orientierter Monumentalstil kultiviert, der seinen Fluchtpunkt jedoch nie in einer durch und durch inhumanen Maßstabslosigkeit fand, wie sie für die Planungen des Dritten Reichs typisch war.

Im Gegenteil, ein am Konzept der Gartenstadt orientiertes neues Wohnquartier wie Garbatella in Rom in der Nähe der Basilika San Paolo fuori le mura mutet geradezu intim an, und dass es kein einheitliches Stilkonzept, keine verbindliche „Staatsästhetik“ wie im NS-Regime gab, zeigt auch eine der interessantesten Neugründungen, nämlich die faschistische Retortenstadt Sabaudia in den trocken gelegten Sumpflandschaften südöstlich von Rom. Die Gestalt der einzelnen Flachdachbauten ist ganz von der Moderne, dem razionalismo, geprägt (bemerkenswert vor allem das ehemalige Postamt von Angiolo Mazzoni), während die städtebauliche Form traditionellen Mustern folgt. Daniela Spiegel, eine der Co-Autorinnen des Buches, hat dies in ihrem Kapitel über den Bau neuer Städte in den Pontinischen Sümpfen ausführlich dargelegt.

Fortsetzung von Seite 2

Bodenschatz kommt in seinem Buch zu einer Reihe interessanter Einsichten. So hebt er — vor allem mit Blick auf Rom — die maßgebliche Bedeutung der Archäologie für den faschistischen Städtebau hervor. Das Freistellen der antiken Monumente war natürlich nicht Selbstzweck, sondern wurde propagandistisch instrumentalisiert, um die ideologischen und politischen Ansprüche des Mussoloni-Systems mit Verweis auf die glorreiche Vergangenheit, die Weltherrschaft des Imperium Romanum, historisch zu bekräftigen. Unklar, ja widersprüchlich stellt sich die soziale Dimension des Städtebaus in Italien zwischen 1922 und 1943 dar. Während Mussolini, wie erwähnt, einerseits Desurbanisierung, also die Entvölkerung der großen Städte zugunsten der Ansiedlung auf dem Land als Ziel postuliert hatte, kam es andererseits faktisch zu einer Aufwertung der Städte, und zwar durch kompakte Stadterweiterungen — nicht nur in Rom, sondern auch in anderen italienischen Metropolen. Allerdings erfolgte diese Urbanisierung eher zugunsten der staatstragenden Mittelschichten; Verlierer waren untere soziale Schichten, die nicht selten als Folge einer rigorosen Stadterneuerung mit Bagger und Spitzhacke aus ihren angestammten Altstadtquartieren verdrängt wurden.

Den herkömmlichen Verteufelungen des Städtebaus und der Architektur im faschistischen Italien — Begriffe wie „diktatorischer Größenwahn“ oder „Einschüchterung der Massen“ gehörten in der Nachkriegszeit zum gebetsmühlenartig wiederkehrenden Vokabular — steht Bodenschatz kritisch gegenüber. Nach seiner Auffassung diente der italienische Städtebau der Zwischenkriegszeit sowohl der »Herstellung von Legitimation, Konsens und Repräsentation im eigenen Lande« als »auch der Anerkennung durch die politisch demokratischen Staaten“ sowie »als Trumpfkarte im Wettbewerb mit den beiden anderen Diktaturen Europas«, also der Sowjetunion Stalins und dem Deutschland Hitlers. Der repressive Charakter der Mussolini-Diktatur habe sich städtebaulich und architektonisch nicht so sehr in der einschüchternden Form manifestiert (wie im Dritten Reich), sondern u.a. in der Abschaffung der kommunalen Autonomie durch das politische System des „Duce“.

Bodenschatz’ umfang- und materialreiches Buch ist mit seinen 520 Seiten, hunderten von (historischen und aktuellen) fotografischen Abbildungen, Plänen, Grund- und Aufrissen schon jetzt der Rang eines unverzichtbaren Standardwerks zum Thema nicht zu nehmen.