Ausstellungsbesprechungen

Heilige Nacht. Die Weihnachtsgeschichte und ihre Bilderwelt, Liebieghaus Skulpturensammlung Frankfurt am Main, bis 29. Januar 2017

Seit dem 1. September stehen schon wieder die ersten Lebkuchen und Schokoladenweihnachtsmänner in den Läden – Weihnachtsmuffel sind jetzt schon genervt. Anders verhält es sich, wenn das Frankfurter Liebieghaus die Bilderwelt der Weihnachtsgeschichte erkundet und mit zahlreichen wunderbaren Exponaten aufwartet. Diese bietet einen angenehmen Kontrapunkt und erzählt neben der zentralen Geschichte des christlichen Glaubens die Geschichte der weihnachtlichen Ikonografie. Stefanie Handke ist nun weniger muffelig.

Die Ausstellung folgt dabei der Chronologie der Weihnachtsgeschichte. Nicht nur die vier Evangelien sind Grundlage für die Wahl der Exponate, sondern auch apokryphe Texte oder populäre Versionen der Geschichte, etwa die sogenannte Birgitta-Vision. Der Schwerpunkt der Exponate liegt dabei auf der Kunst des Mittelalters, was beim Thema Weihnachtsgeschichte wohl kaum überraschen dürfte. Deren Qualität freilich ist ausgesprochen hoch: Neben zarten Alabaster- und Elfenbeinfigürchen finden sich Werke von Albrecht Dürer, Martin Schongauer, Hans Baldung Grien oder Lucas Cranach d.Ä. Insgesamt mehr als 100 Exponate von mehr als 40 Leihgebern – darunter namhafte Häuser wie der Louvre, die Vatikanischen Museen oder das Kunsthistorische Museum Wien – hat Kurator Stefan Roller zusammengetragen und präsentiert sie thematisch geordnet.

Begrüßt wird der Besucher daher auch von einer »Verkündigung an Maria« (um 1496/99) von Martin Schaffner aus der Werkstatt von Jörg Stöcker. Diese zeigt den Moment, in der ein Engel der zukünftigen Mutter Gottes ihre Schwangerschaft und die Natur ihres Kindes kundtut. In der Wahl des Ortes – einem Innenraum – richtet es sich nach dem Lukasevangelium; die reiche Ausstattung aber entspricht nicht der Vorstellung von der Behausung eines Zimmermanns und seines Weibes. Sie setzt vielmehr die Bedeutung des Augenblicks und des zukünftigen Erlösers in Szene; und auch sonst ist das Bild reich an sinnhaltigen Elementen: Das geöffnete Buch in ihrer Hand und das geschlossene auf dem Lesepult symbolisieren Marias Gelehrsamkeit, die Lilien am Bildrand ihre Jungfräulichkeit, etc.

Nach dieser Einleitung folgen sodann Josephs (im Grunde verständlicher) Zweifel an der Aussage seiner Frau, sein erster Traum und die Rückkehr zu Maria. Hier beeindruckt besonders die intime Szene von der Predella der Lübecker Marienkirche, in der er zu seiner Gemahlin zurückkehrt, das Paar sich die Hand reicht und Joseph sich verlegen an die Stirn fasst. Auch hier fällt die prächtige Umgebung auf. Ganz auf die handelnden Personen konzentriert sind dagegen die Bildwerke, die Marias Besuch bei ihrer Verwandten Elisabeth, die sie innig begrüßt. Diese Szene wird oft in Marienzyklen dargestellt, findet sich aber auch gerne als eigenes Andachtsbild – in der Ausstellung etwa durch eine kleine Alabasterskulptur aus der eigenen Sammlung, wohl ein kleines Andachtsbild des 15. Jahrhunderts aus dem Besitz einer Nonne. Das besticht durch seine feine Ausführung und die offensichtliche emotionale Nähe der beiden Frauen.

Vor allem im Spätmittelalter war vereinzelt auch die Reise nach Bethlehem und insbesondere die Suche nach einer Herberge ein Thema für Tafelmalereien, mehr noch aber für die Buchkunst, aber auch frühe Beispiele lassen sich entdecken, etwa ein Pyxis aus dem Oströmischen Reich und auch eine Elfenbeinplatte aus dem östlichen Mittelmeerraum mit Marienszenen. Wesentlich beliebter gerade bei Frauen waren natürlich Szenen der »Maria in der Hoffnung« oder der Maria Gravida. Auch und gerade Nonnen beschäftigten sich immer wieder mit den körperlichen und seelischen Empfindungen der werdenden Gottesmutter, thematisiert in entsprechender Literatur, aber auch in skulpturalen Werken. Diese Skulpturen erfreuten sich großer Beliebtheit und setzten zugleich den abstrakten Vorgang der Menschwerdung Christi verständlich in Szene. Sehr beliebt waren hier Bildwerke, die durch abnehmbare Deckel das im Bauch der Mutter befindliche Kind sichtbar machten.

Die Geburtsszene selbst ist heute wohl das bekannteste Bild der Weihnachtsgeschichte, mit Maria und Joseph im Stall, das Baby Jesus in der Krippe und sehr früh bereits die Stalltiere Ochse und Esel als mahnendes Beiwerk. Dabei waren die Künstler stets auf Spekulationen angewiesen, da die biblischen Texte ausgerechnet bei dieser bedeutenden Szene nichts konkretes liefern: Sowohl über den exakten Ort als auch über den Ablauf schweigen sich die Herren der Evangelien aus. So verwundert es eigentlich kaum, dass sich hier verschiedene Lösungen anboten: Seit dem 2. Jahrhundert ist in der Glaubenstradition des byzantinischen Raumes eine Höhle Ort der Geburt, die bis zum 13. Jahrhundert Grundlage für die Bildgebung ist. Dabei liegt Maria zumeist in der Mitte und die Krippe mit Kind ist oberhalb von ihr angeordnet. Links steht oder kauert Joseph, rechts ist zumeist ein Engel zu sehen, der den Hirten die Botschaft der Menschwerdung Gottes verkündet. Zuweilen waschen zwei Frauen (Ammen?) das Neugeborene und thematisieren auf diese Weise zugleich die spätere Taufe. Bemerkenswert ist hierbei die Darstellung der Geburt auf einem Walrosszahn aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Äußerst beliebt wurde im 14. jahrhundert zudem die Darstellung der Maria im Wochenbett, oft in Pfarrkirchen, wo Wöchnerinnen zum Vorbild Gottesmutter beteten, aber auch Beispiele aus dem 15. und 16. Jahrhundert kann man im Liebieghaus noch entdecken. Daneben zeigt das Haus Christkindpuppen und sogenannte Christkindwiegen, die für den Brauch des Christkindwiegens Verwendung fanden. Während die Puppen auch als Andachtsbilder dienen mochten, fanden die Wiegen zunächst in Nonnenklostern, später auch in Gemeinden und Bürgerhäusern Verwendung. Die Puppen wurden angezogen und geschmückt und in diese Wiegen gelegt, um die sich dann die Gläubigen versammelten, das Kind herausnahmen und hineinlegten, anzogen und wiegten.

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Ein ganzer Raum ist dem Einfluss der Vision der Heiligen Birgitta von Schweden gewidmet. Diese wurde schnell äußerst populär und beschreibt, dass Joseph bei der eigentlichen Geburt nicht anwesend ist, gibt die Vorbereitungen Mariens wieder. »Das Kind ist einfach plötzlich da und ohne jegliche Verschmutzung« (Kat., S. 119) – deutliches Zeichen seiner Reinheit und der seiner Mutter. Diese setzt noch einen drauf: Ihr angeschwollener Leib regeneriert sich in kürzester Zeit und Birgitta sieht eine zarte und schöne Maria. Das Kind dagegen erstrahlt in einem bemerkenswerten Licht und erhellt die Höhle. Die Mutter betet es auf dem Boden kniend an, drückt es dann wärmend an sich, durchtrennt die Nabelschnur und wickelt es schließlich in die bereitgelegten Windeln. Daraufhin kehrt Joseph in die Höhle zurück, betet Mutter und Kind an, legt das Kind gemeinsam mit Maria in die Krippe, woraufhin das Paar gemeinsam ihren Sohn anbetet. Die Motive dieser Vision wurden bald populär und wanderten bald auch als Einzelmotive in die Ikonografie der Weihnachtsgeschichte. Besonders auffällig war der Wechsel von der im Wochenbett liegenden zur knieenden Maria, das bald eines der populärsten Motive wurde. Diese Anbetung und auch das Lichtwunder zeigt Hans Baldung Grien in seiner »Geburt Christi« (um 1525/30). Das Kind erstrahlt in hellstem Elfenbein und dank seines Scheins schälen sich die Personen der Anbetungsszene aus dem Dunkel der Nacht heraus – der Engel, der das Kind hält und Joseph müssen sich abwenden, so hell erstrahlt das Licht.

Auch das, was nach der eigentlichen Geburt folgt, ist immer wieder Thema der mittelalterlichen Kunst: Die Beschneidung Jesu findet sich auf einem fast schon zu expliziten Bild vom Meister des Tucher-Altars und den Eltern Maria und Joseph ist ihre Sorge dementsprechend ins Gesicht geschrieben, wenn sie durchs Fenster auf das Geschehen schauen. Im Zentrum des Bildes selbst stehen der Säugling und drei Priester, die ihn beschneiden. Albrecht Dürer dagegen erweitert den Raum und platziert die Beschneidungsszene in einer regelrechten Menschenmenge, die durch die Tür drängt und in der die Eltern am rechten Rand fast schon untergehen.

Auch die Reise der drei Weisen (später: Könige) ist ein beliebtes Thema der mittelalterlichen Kunst und so finden sich verschiedene Anbetungsszenen, die auch Reiseszenen und oftmals einen umfangreichen Tross darstellen. Daneben finden sich aber auch oft genug Darstellungen, die sich auf das Kernpersonal mit Heiliger Familie und den drei Weisen konzentrieren, wie z.B. ein Relief der »Anbetung der Könige« aus dem Jahr 1468: Maria sitzt erhöht auf einem Thron, das Kind haltend, und nimmt die Huldigung der Könige entgegen. Diese repräsentieren oft sowohl die drei Mannesalter als auch die drei damals bekannten Erdteile und treten daher mehrheitlich als Greis, junger Mann und Mann mittleren Alters sowie als Vertreter Europas, Afrikas und Asien auf. Ursprünglich von König Herodes entsandt, befiehlt ihnen ein Engel im Traum das weitere Vorgehen und statt zu Herodes zurückzukehren, reisen sie gemeinsam ab und verbringen den Rest ihres Lebens als Bischöfe. Ein Blatt des Speyrer Evangelistars (um 1220) ist ein seltenes Beispiel für deren Darstellung als Schiffsreise.

Ungleich dramatischer ist natürlich die Geschichte vom Kindsmord in Bethlehem, den zwei Altarflügel Jan Polacks blutrünstig und äußerst realistisch zeigen. Dieser Tragödie kann die Heilige Familie jedoch entgehen, in der Regel zeigt sich dabei Maria auf dem Rücken des mitgeführten Esels (auch der Ochse darf aber mitkommen). Hier kann die Ausstellung mit einigen Beispielen aufwarten, darunter wieder ein Dürer, verschiedene Skulpturen und Buchmalereien, gerne auch mit dem beliebten Palmwunder (z.B. Bei Schongauer, »Flucht nach Ägypten mit Palmwunder« oder Cranach d.Ä. »Ruhe auf der Flucht«). Für moderne Betrachter kurios ist dagegen ein Blasebalg aus dem Amsterdamer Rijksmuseum (um 1510), der sich wohl den Kupferstich Martin Schongauers zum Vorbild genommen hat. Weniger häufig dagegen wird der Aufenthalt der Familie in Ägypten (was kaum verwunderlich ist, da die Bibel und ihre Apokryphen sich auch hierzu ausschweigen) und ihre Rückkehr dargestellt, doch auch hier kann die Schau mit einigen wunderbaren Beispielen aufwarten. Insbesondere eine Tafel aus Köln (um 1500) zeigt eine schöne Szene mit einem bepacktem Esel, im Zentrum Maria samt Heiligenschein, mit Jesus (barfuß) an der Hand – allerdings hat man als Betrachter eher den Eindruck, der Junge dränge die Eltern zur Eile.

Mit der Rückkehr ins Heilige Land endet der Weihnachtszyklus und abschließend bieten der reich bestückte Katalog, aber auch die Ausstellung noch einen Blick auf ein Phänomen: Die Krippe. Heute oft als Stall mit Familie, Tieren, Königen und Engeln verstanden, kann man im Liebieghaus zwei beeindruckende, deutlich größere Exemplare, bewundern. Schon im Mittelalter zeichneten sich die hierfür geschaffenen Figürchen durch ihr kleines Format aus. Dabei geht es auch anders: Den Höhepunkt entdeckt Stefan Roller in seinem Essay in der Neapolitanischen Krippenkunst des 18. Jahrhunderts. Seine Einschätzung: »Das ist großes Theater!«. Besser kann man es nicht sagen, denn die Figuren selbst sind mit ihren 35-40 cm schon von eindrucksvoller Größe, ihre Ausführung und ihre Gewänder überaus fein gearbeitet, die Gesichter lebhaft und die Gesten beredt. Im Katalog findet sich »nur« die Kerngruppe mit Heiliger Familie, Königen und Engeln, in der Ausstellung aber kann man das zahlreiche Figuren samt Kamelen und Papageien, Musikern und Fußvolk umfassende Ensemble bewundern. Vielleicht auf den ersten Blick weniger beeindruckend, aber nicht minder kunstfertig ist außerdem eine Tiroler Papierkrippe (1863), die ein ebenso zahlreiches Personal präsentiert.

Was die Rezensentin ob seines Themas zuerst skeptisch sein ließ, entpuppt sich so als gut gemachte ikonografische und in Sachen Volksfrömmigkeit und Andachtsformen auch kulturhistorische Ausstellung, die mit ebenso exquisiten wie beeindruckenden Exponaten aufwarten kann und im Grunde einen neuen Blick auf die Heilige Nacht und ihre Darstellung ermöglicht. Auch hier kann man sich wieder mit einem Digitorial samt Musikbeispielen und animierten Bildern vorinformieren und die ausgestellten Werke im Detail erleben.