Ausstellungsbesprechungen

Heinrich Friedrich Füger - Zwischen Genie und Akademie, Kunsthalle Vogelmann Heilbronn, bis 11. März 2012

Heinrich Friedrich Füger spannt in seinem Werk den Bogen vom Rokoko über den Klassizismus zum Frührealismus. Er widmete sich der Porträtmalerei wie auch dem Historienbild. Dem außerhalb Heilbronns kaum bekannten Maler und Zeichner widmet die Kunsthalle Vogelmann eine umfassende Retrospektive. Günter Baumann hat sie sich angesehen.

Was zunächst den Anschein von Heimatpflege hatte, entpuppte sich als vielgepriesene Schau der Extraklasse: Heinrich Friedrich Füger (1751–1818), kaum über die Grenzen seiner Heimatstadt Heilbronn hinaus bekannt, wird in der Kunsthalle Vogelmann mit einer großen Ausstellung geehrt. Ein Besuch macht schnell klar, dass der frühreife Maler, der sich in Rom und Wien vom Rokoko zum realitätsnahen Klassizisten entwickelt hatte, ein virtuoser Historienmaler und begnadeter Porträtist war. Diese Wandelbarkeit mag seinem Nachruhm hinderlich gewesen sein – immerhin verschwand er im Halbdunkel kunsthistorischer Forschung.

Zu seinen Lebzeiten sah das anders aus: Da gehörte Füger zu den führenden Stilisten, der indirekt die geistige Welt des jüngeren Friedrich Schiller und des nur wenig älteren Johann Wolfgang Goethe streifte. Zum einen ging Füger durch die Schule des württembergischen Hofmalers Nicolas Guibal – in dessen Gefilden auch der Carl-Eugen-Zögling Schiller diente –, wie im Anschluss auch in Leipzig bei Adam Friedrich Oeser, der als Zeichenlehrer Goethes bekannt ist. Ob er später in Neapel oder in Wien arbeitete, Füger fand immer schnell Zugang zu höchsten Adels- und Fördererkreisen. Doch auch das wird vielleicht in den Schatten gestellt durch einen Auftrag, der kulturgeschichtlich einem Durchbruch gleichkam: die Illustration des »Messias« des Friedrich Gottlieb Klopstock, dem nahezu heldenhaft vergötterten Dichter unmittelbar vor der Ära Goethe. So gehören diese Feder- und Kreidezeichnungen auch zu den Highlights der Heilbronner Ausstellung.

Heute ist der Zugang zu derlei, damals zu horrenden Preisen gehandelten Grafiken leider nicht mehr so leicht zu vermitteln. Den mythologischen und historischen Themen mutet eine gewisse Theatralik an, aber bei genauer Betrachtung wandelt sich die gestelzte Gestik zur Aktion auf der Theaterbühne. Es geht um Nuancen, doch muss man im Werk Fügers eine Lebendigkeit konstatieren, die ihn heute zu Recht aus der Versenkung heben lässt. Ermessen lässt sich dies im Porträt. Hier gelangen Füger ehrlich empfundene Meisterwerke, die in ihrer Zeit den Vergleich zu Anton Raphael Mengs suchen und die auch über ihre Zeit hinaus Bestand haben. Zwar muss man die Selbstbildnisse im Kontext des Geniezeitalters lesen, etwa das »Selbstbildnis im schwarzen Rock« (1777/78), in dem sich der Künstler mit entrücktem Blick zeigt. Auf den späteren Selbstporträts wirkt er dagegen eher staatsmännisch, sich seiner Bedeutung bewusst.

Eines der hinreißendsten Bilder der Ausstellung ist das Porträt des Sohnes Heinrich Adam, um 1796 gemalt. Keck steht der Kleine da und streckt dem Maler Pinsel und Palette entgegen, so dass man nicht weiß, ob er dem Vater seine Utensilien reichen will oder ob er mit der Geste kundtut: Schau her, ich werde Maler! Oder es gilt die Lesart einer Allegorie auf die Malerei an sich. Stellt er sich mit letzterem in eine gute Tradition, so nimmt er mit ersteren Kinderdarstellungen der Romantik vorweg – man denke an Philipp Otto Runge. Im Vergleich würde man erkennen, dass Fügers Werk sogar ein realistischer Zug innewohnt. Übertragen auf die Historienmalerei, fallen denn doch – bei allem zeitgebundenen Theaterdonner – natürliche Details auf sowie eine lockere Komposition, die sozusagen die Bühnenaktion glaubhaft macht. Gegenüber der gelegentlichen Gummipuppenästhetik eines Füssli – in Heilbronn ist sein »Tod der Cornelia« zu sehen – inszeniert Füger scheinbar mit einem Personal aus Fleisch und Blut. Fügers Kritiker, darunter auch oder gerade die Romantiker, die ihm einiges zu verdanken haben, warfen ihm später Antikengläubigkeit vor.

Marc Gundel, Museumschef und Ausstellungsmacher, musste ein paar Abstriche machen, das Hauptwerk »Tod des Germanicus« beispielsweise darf Wien aus konservatorischen Gründen nicht verlassen, die Lücke kann durch die Ölskizze nicht wettgemacht werden. Dennoch gab er sich im Interview optimistisch, dass Heinrich Friedrich Füger, der »Popstar« seiner Zeit, heute noch etwas zu sagen hätte. »Füger war … eine Mehrfachbegabung. Er war bildender Künstler, künstlerischer Professor und Kunsthistoriker… Er hat die nur sechs bis acht Zentimeter kleine Miniatur ebenso beherrscht wie drei Meter große Formate, die Zeichnung ebenso wie die Malerei.« Eines wird in der Ausstellung klar, die von einem exzellenten Katalog als Grundlagenwerk begleitet wird: Hier ist ein Maler zu entdecken.