Ausstellungsbesprechungen

Heinrich Vogeler – Traum vom Frieden, Kunsthaus Apolda Avantgarde, bis 13. Dezember 2015

Wer Heinrich Vogeler ist, braucht man wohl keinem mehr zu erklären; sein Werk aber ist nach wie vor nicht ganz umstritten, nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlichen Deutungen in DDR und BRD. In diesen Tagen steht in Apolda aber vor allem eines im Mittelpunkt: Sein »Traum vom Frieden«. Stefanie Handke hat es sich angesehen.

Bekannt ist Vogeler vor allem für seine Jugendstil-Kunst und sein Engagement in der ersten Generation der Künstlerkolonie Worpswede. Die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges aber ließen ihn zu einem expressionistischen, weniger idealisierendem Werk finden. Zugleich fand er durch diese Zeit zum radikalen Pazifisten und zu einem regelrechten Sozialutopisten. Dieser Bruch mit seiner zuvor praktizierten Kunst, auch das Engagement eines ehemaligen Soldaten, der sich freiwillig an die Front meldete, radikal erscheinen – manche schreiben ihn gar einer Geisteskrankheit zu.

Das Schwärmerische zieht sich durch Vogelers gesamtes Leben und Werk; von der Liebe zu seiner jüngeren Frau Martha über seine von christlichen Werten geprägten Sozialismus bis hin zu seinem politischen Engagement in der Novemberrevolution und der endgültigen Emigration in die Sowjetunion. Sein Werk nahm während dieser Zeit den Weg von schwärmerischen Illustrationen und Märchenbildern (»Liebe«, 1896 oder »Die Nymphe«, 1907) über seine im Stil der Arts and Crafts Bewegung gehaltenen Gemälde wie »Träume II« (1912) und seine Entwürfe für Möbel und Bauten wie den Barkenhoff bis hin zu den Zeichnungen aus seiner Tätigkeit als Nachrichtenoffizier im Ersten Weltkrieg. Werke aus dieser Zeit, bis etwa 1927, sind in der Apoldaer Ausstellung zu sehen. Sie führt von den frühen Werken bis hin zum desillusionierenden »Die Leiden der Frau im Krieg« (1918) und dem ebenso pessimistischen »Die sieben Schalen des Zorns« (1918), in denen ein enttäuschter Idealist begegnet.

Der Focus der Schau liegt aber dem Mappenwerk »Aus dem Osten« (1916). Darin veröffentlichte Vogeler 60 Zeichnungen aus den Kriegsgebieten in den Karpaten, in Galizien und Russland. Entstanden waren sie im Fronteinsatz als Nachrichtenoffizier. Vogeler selbst entwickelte früh die Idee, sie zu veröffentlichen: als Postkarten oder in Zeitschriften, und eben auch als Mappe. Für Wilhelm Felsing, der die Mappe verlegte, bedeute sie eine Ergänzung zum zwei Jahre zuvor erschienenen »Aus dem Westen« von Gerhard Müller. Sicherlich im Sinne von Vogelers Einstellung war der Vertrieb zugunsten der Fürsorge, die sich um die Hinterbliebenen Gefallener sorgte.

Auch wenn die Bleistift- und Federzeichnungen die Verhältnisse im Kriegsgebiet des Ostens wiedergeben, so fallen doch die nahezu friedlichen Szenerien auf, die Vogeler da festgehalten hat. Das mag zum einen dadurch bedingt sein, dass Vogeler selbst fast nie am Kampfgeschehen beteiligt war. Zum anderen aber blieb Vogeler trotz aller enttäuschten Liebe zu seiner Frau Martha, trotz der gescheiterten Vision in Worpswede ein Idealist – und der sehnte sich nach Frieden, einem Idyll. Dadurch begegnen dem Betrachter vor allem Straßenszenen, Landschaften und Menschen, daneben der Soldatenalltag um sowie abseits der Front. So zeigt er Soldaten bei der »Schließung eines Grabens (Karpathen)« (verm. 1915), aber auch regelrechte Dorfidyllen (»Frühling in einem Karpathental«, verm. 1915) und Studien, die nicht nur Dokumentation waren, sondern auch als Inspiration für spätere Werke dienten. So sind in Apolda denn auch Radierungen und Gemälde aus den 1920er Jahren zu sehen, die auf die Erlebnisse in Osteuropa zurückgehen, wie das Gemälde »Das Tal des Serawschanflusses Samarkand« (1927).

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Was den Zeichnungen Vogelers aus den Kriegsgebieten gemeinsam ist, ist das völlige Fehlen der üblichen Kriegspropaganda: Die Soldaten scheinen wenig heroisch, wenn sie Gräben zuschaufeln oder in einem Unterstand rasten. Vogelers Perspektive lag eher auf den Personen selbst und natürlich auf ihrem Alltag: Transporteinsätze, Warten im Unterstand, die Pause im Quartier, das Warten als Gefangene. Ein wenig kurios und zugleich menschlich ist dabei der junge Offizier, der es sich im Freien auf einem bequemen, eindeutig mitgebrachten Sofa vor einem edlen Glastisch bequem gemacht hat (»Sommeruqartier auf dem Vormarsch in Russland«, verm. 1915).

Ebenso wohlwollend blickt er auf die Bewohner der Region: die bäuerliche Bevölkerung und ihre Dörfer hält er detailreich fest und man sieht ukrainische Bauern in ihrer traditionellen Kleidung, aber auch junge Frauen in Tracht. So begegnet eine »Junge Frau aus Südgalizien« (verm. 1915/16) mit einer prächtigen Bluse und nicht minder prächtigem Halsschmuck. Ihr Blick ist auf ein Gegenüber gerichtet, über ihrer Kleidung trägt sie eine reich verzierte und mit Pelz verbrämte Jacke, auf dem Kopf eine Mütze. An ihrer Seite steht im Hintergrund eine ältere Frau, ähnlich, aber einfacher gekleidet.

Die Ausstellung hat es sich auf die Fahne geschrieben, Heinrich Vogelers Traum von einer friedlichen Welt zu dokumentieren und zu verdeutlichen. Sie zieht eine Entwicklingslinie von den frühen schwärmerischen Arbeiten über die halb dokumentarischen, halb Friedenssehnsucht ausdrückenden Zeichnungen aus seiner Kriegszeit bis hin zu einigen wenigen Werken, in denen er bereits mit expressionistischen und gar kubistischen Darstellungsformen experimentiert bis er sie schließlich ganz für sich entdeckt. Vielleicht hätte es der Schau gut getan, sich auf die nun das erste Mal seit 2006 gezeigten Zeichnungen zu konzentrieren, was in erster Linie mit den Motiven – Soldaten, Kriegslogistik, zuweilen zerstörte Landschaften und Dörfer, gar Gefallene, aber auch eher an Reisestudien erinnernde Beobachtungen der Landschaft und der Bevölkerung – zusammenhängt. Sicherlich war der Krieg eine prägende Erfahrung für Vogeler, sein Pazifismus prägte sich in dieser Zeit aus und sein gesellschaftlich-politisches Engagement wurde danach zielgerichteter. Interessanter als die Zeichnungen für die Thematik sind aber die Gemälde, die danach entstanden: »Die Leiden der Frau im Krieg« (1918) oder »Die sieben Schalen des Zorns« (1918). Die ausgestellten Werke für sich genommen sind aber in jedem Fall einen Besuch wert, gibt es in Apolda doch die Gelegenheit, ein seit Jahren nicht gezeigtes Konvolut exquisiter und detailreicher Zeichnungen zu sehen. Auch die Vorkriegskunst Vogelers kann sich immer wieder sehen lassen und lädt zu einem Besuch ein.