Buchrezensionen, Rezensionen

Helena Attlee: Der japanische Garten. Eine Reise in Bildern, DVA 2012

Was passt besser zum Winter und der besinnlichen Vorweihnachtszeit als die Zen-Ästhetik japanischer Gärten. Helena Attlee stellt 28 Exemplare in stimmungsvollen Texten und unverfälschten Fotografien vor – ohne jedoch den Jahreszeitenwechsel festzuhalten. Das einzige Manko des anregenden Buches, findet Walter Kayser.

In einer Zeit, in der jeder drittklassige Fußballtrainer von seiner Philosophie schwadroniert, wenn er seine Viererkette neu ordnet, muss es erlaubt sein, daran zu erinnern: Es gibt tatsächlich Traditionen, die tiefe Einsichten und ein ganz besonderes Weltverständnis auf sublimste Weise sichtbar zu machen verstehen. Der japanische Garten ist eine solche anschaulich gemachte Philosophie. Er ist streng stilisiert, reduziert, nicht selten monochromatisch und über Jahrhunderte gewachsen. Er spiegelt immer eine Achtsamkeit und Wertschätzung dem Unvollkommenen gegenüber. Jeder Trittstein, jeder Brunnennapf, jeder Plankensteg, jedes einfache Moospolster, jede von Quarzadern durchzogene Steinformation kann auf ihre Weise wunderbar sein. Die Dinge haben ihre Entsprechung in der Hingabe an die Verrichtungen des Alltags: das Unkrautrupfen, das Laubentfernen, das Kiesharken oder die Zubereitung des Tees.

Unter einem japanischen Garten stellt man sich im Westen zuallererst eines vor: einen Zen-Steingarten: Bewusste Steinsetzungen in akkurat geharkten Kiesflächen, extrem ausbalanciert platzierte Inseln in einer inszenierten Unendlichkeit, kosmische Größe in Miniaturformat als Meditationstableau. Hierfür steht stellvertretend der Blick in den ummauerten Garten des Klosters Ryōan-ji, des „Tempels des zur Ruhe gekommenen Drachen“. Seit gut 500 Jahren sind hier von den 15 Felsblöcken, die in Gruppen aus Moosbetten in der Kiesfläche aufragen, höchstens 14 gleichzeitig zu erblicken – ein rätselhaftes Spiel mit extremer Reduktion und Leere, mit der Vollkommenheit des Unvollkommenen. Es ist uns meistens genauso unbekannt, wie die vielen Typen von buddhistischen Gartenanlagen oder die Tatsache, dass vieles aus der chinesischen Kultur übernommen wurde.

Gibt es überhaupt einen japanischen Nationalstil? Um es vorweg zu sagen: Der umfassende Anspruch, den der exemplarische Singular im Haupttitel des hier zur Diskussion stehenden Buches ankündigt, wird durch den Untertitel vorsichtig zurückgenommen. Es handelt sich hier um keine kulturgeschichtlich erschöpfende Abhandlung, sondern eben nicht mehr und nicht weniger um eine »Reise in Bildern«. Die englische Autorin hat mit ihrem Partner und Fotografen Alex Ramsay 28 Gärten auf Honshū sowie den weiter südlich gelegenen Inseln Shikoku und Kyūshū dokumentiert.

Das Buch will eine genussvolle erste Begegnung mit der sehr fernen und sehr fremden Kultur herbeiführen. Damit folgt das Autorenteam einem einmal eingeschlagenen Weg, denn der Fotoband ist bereits das dritte Produkt einer Reihe, die sich zuvor mit den Traumgärten Italiens und Großbritanniens beschäftigte. Dem hinführenden Charakter entsprechend sind die Texte Helena Attlees sehr knapp gehalten. Die Fotografien von Alex Ramsay sind persönlich und ganz und gar auf ästhetischen Genuss hin angelegt. Beides zeugt jedoch von hoher Qualität.

Fortsetzung von Seite 1

Die Publikation ist ganz auf den von der westlichen Kultur geprägten Gartenliebhaber zugeschnitten, der viele Verwandtschaften entdecken dürfte. Eine je eigene höchst künstliche Form von arrangierter Natürlichkeit ist ja nicht nur dem französischen, sondern ebenso sehr dem englischen Gartentypus zu eigen. Japanische Gärten sind fast immer von den Terrassen eines Tempels aus konzipiert; sie bedürfen der Rahmung durch Fenster und weg geschobener Türausschnitte. Unzählige Gärten sind im Laufe der Jahrhunderte und durch die wie Krebsgeschwüre auswuchernden Ballungsräume verschwunden. Etliche sind allerdings auch über die Jahrhunderte erhalten. Sie verkörpern mit ihren elegant getrimmten Baumkronenaufbau, mit ihrem Moosteppichüberzug, ihrer bunten Koi-Karpfen, die als Leuchttupfer träge im Spiegelbild der Kronen auftauchen, eine je eigene ästhetische Ausprägung.

Vieles wirkt freilich auf uns so befremdlich, dass wir dankbar sind, wenn wir wie hier behutsam in die symbolischen, sprachlichen oder sozialen Zusammenhänge eingeführt werden: Die symbolischen Bedeutungen von Pflanzen, etwa des Kirschblütenzweigs, welcher mit der Kiefer kontrastiert, sind uns unvertraut wie eine fremde Grammatik. Ebenso wenig kennen wir das sinnbildliche Zusammenspiel der Elemente, das in trockenen Formationen von Stein, Sand und Granitkies die umgedeuteten Erscheinungsformen des Wassers als Welle, Ozean oder Wasserfall versteht. Erst recht gilt dies für die Mehrdeutigkeiten, die sich phonetischen Anklängen und Doppeldeutungen der japanischen Sprache verdankt. Erfreulich sind auch die geografischen Übersichtslandkarten, die synoptische Epochentabelle und die weiterführenden Webadressen im Anhang.

Helena Attlee bleibt insofern ganz geschickt auf der Seite des Lesers, als sie sich als Fremde aus Europa ihrem Gegenstand annähert. Sie hat sich informiert, hat sich gründlich in die Thematik eingelesen, gibt aber ihr Wissen wohlweislich nur in gut verdaulichen Dosen weiter und lässt immer wieder die subjektive Situation des Reisenden mit einfließen. So erfährt man, wie verwirrend und schwierig allein die Anfahrt zu dieser oder jener Tempelanlage in Kyoto gewesen sein muss. Die 28 Kapitel sind mit den japanischen Namen der Gärten bezeichnet und jeweils mit 4 Seiten bemessen. Auch die Fotografien sind auf wenige Momentaufnahmen beschränkt. Sie wirken ungekünstelt und haben den Vorzug des natürlichen Blickwinkels, weil sie auf extremes Zoomen, unnatürliche Weichzeichnung verschwimmender Hintergründe oder nachträgliche Bearbeitung am PC verzichten.

Ein entscheidendes Manko freilich bleibt: Alle Aufnahmen wurden anscheinend während einer Reise im Frühling gemacht. Damit dokumentieren sie einen ganz wesentlichen Aspekt, den gerade die Naturinszenierungen des japanischen Gartens benötigen, nicht: den Wechsel der Jahreszeiten.

Sicherlich ist die Zeit der Sakura hanami, der legendären Kirschblütenwochen, das spektakulärste Ereignis; Hunderttausende machen sich, stets von Funk und Fernsehen auf dem aktuellen Stand gehalten, auf, um das rosa Wunder der vergänglichen Schönheit zu bestaunen. Aber zu den subtilen Gestaltungselementen der japanischen Gärten gehört auch der feuerrote Ahorn des Herbstes oder, als formales Element, der Azaleenbusch, welcher en miniature Bergwälder symbolisiert, die sich zu ihrer Zeit in Feuer verwandeln. Und im Winter, wenn die Flut der Gedanken zur Ruhe kommt, führt das Erleben von Stille zur meditativen Entleerung, besonders wenn leise der Schnee auf Zedern fällt.