Ausstellungsbesprechungen

Helene Müller. Helenes Favoriten

Kaufrausch auf höchstem Niveau

Die Haare streng zurückgekämmt und den Hals von einem hohen wilhelminischen Kragen eingezwängt, schaut die junge Frau entschlossen aus dem Bild. Trotz aller Strenge ist sie sehr attraktiv, wirkt intelligent und eigensinnig. Auch wer noch nie von Helene Kröller-Müller gehört hat, dürfte angesichts des Porträtfotos sofort erkennen, dass es sich um eine ungewöhnliche Frau handelt.

Das Foto hängt am Eingang zur Ausstellung "Helenes Favoriten" im Kröller-Müller-Museum im niederländischen Otterlo. Zu sehen sind einige Hundert Gemälde und kunsthandwerkliche Objekte aus der Sammlung, die die deutschstämmige Industriellengattin zu Beginn des 20. Jahrhunderts anlegte. Im Vergleich zur Qualität und Fülle der gezeigten Werke sieht manch andere berühmte Kunstsammlung ziemlich blass aus - und dabei handelt es sich nur um einen Bruchteil von Helenes Schätzen. Denn im Kaufrausch auf höchstem Niveau trug Frau Kröller-Müller sage und schreibe 12000 Kunstwerke zusammen.

Helene Müller (1869-1939), Tochter eines deutschen Industriellen, heiratete 1888 den Niederländer Anthony Kröller, einen Angestellten ihres Vaters, der nach der Hochzeit die Leitung des niederländischen Zweigs des Familienbetriebs übernahm. Die Firma florierte, was angeblich nicht zuletzt Helenens Geschäftssinn zuzuschreiben war. Mit dem Kunstsammeln begann sie 1908, nachdem sie einen Kurs in Kunstbetrachtung beim Dozenten H.P. Bremmer belegt hatte. Bremmers Kurse waren in der niederländischen High Society damals der letzte Schrei, aber nur wenige betuchte Gattinnen konnten sich so sehr für Malerei und Bildhauerei ereifern wie Helene. In den folgenden Jahren dozierte Bremmer einmal wöchentlich im Hause Kröller-Müller und avancierte zu Helenes Berater in Kunstfragen. Unter seinem Einfluss entwickelte sie sich zu einer überaus weitsichtigen Sammlerin mit Mut zum Risiko.

Die Ausstellung ihrer Lieblingsstücke ist flächenmäßig nicht groß, aber hochverdichtet. Wie schon letztes Jahr in der Schau "Vincent's Choice" in Amsterdam, die Van Goghs Lieblingskunstwerken gewidmet war, sind die Bilder dicht an dicht in mehreren Reihen übereinander gehängt, um die Atmosphäre eines Kunstsalons der Jahrhundertwende nachzuempfinden. Auf diese Weise ließen sich Helenes liebste Werke der Realisten und Impressionisten, Van Goghs, der Pointilisten und der klassischen Moderne in nur vier thematischen Sälen unterbringen, umgeben von etwa zwanzig Vitrinen mit Interieurfotos aus den Villen der Kröller-Müllers und einigen kunsthandwerklichen Gegenständen.

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Die Sammlerin ist in allen Räumen deutlich präsent. Obwohl Helene ein glückliches Händchen hatte und vor allem kaufte, was inzwischen zur ersten Riege der Kunstgeschichte gehört, finden sich immer wieder auch weniger bekannte Werke, die ihr am Herzen lagen. So überrascht im ersten Raum zwischen Meisterwerken von Corot, Renoir und Sisley eine Handvoll beinahe unscheinbarer Gemälde von Fantin-Latour. Auch über die Gemälde der Haager Schule von Künstlern wie Weissenbruch und Jongkind hätte man sich noch vor einigen Jahren gewundert. Ihr zurückhaltender Modernismus wurde lange als Konventionalität abgetan, steht derzeit aber wieder hoch im Kurs.

Die größte Weitsicht und Risikobereitschaft bewies Helene jedoch bei Van Gogh. Als eines der ersten Bilder in der Ausstellung kaufte sie 1909 ein kleines Waldbild des damals gerade entdeckten Künstlers. Ihm folgten etwa 200 weitere Werke, von den düsteren, kleinformatigen Bauernbildern seiner Zeit in den Niederlanden bis hin zu den teils quasi-abstrakten, intensiv farbigen Landschaften der letzten Jahre. Zahlreich vertreten sind vor allem die "Kringelbilder" mit ihrem zentimeterdicken Farbauftrag und den sich schwungvoll gen Himmel wiegenden Zypressen, die mühelos die gesamte Ausstellung überstrahlen.

Im Vergleich dazu wirken die Werke des anschließenden Pointilismus-Raums plötzlich recht geziert und blass. Dass Helene zumindest eines davon jedoch nicht minder liebte als ihre Van Goghs, dokumentieren die Interieurfotos: Seurats Tänzerinnen-Gemälde "Le Chahut" (1889-90) hängt nach jedem Umzug wieder auf einem prominenten Fleck.

Im letzten Raum sind mit Gemälden von Künstlern wie Juan Gris, Georges Braque und Pablo Picasso Helenes modernste Ankäufe versammelt. Wer daraus jedoch schließt, dass die Sammlerin die Werke tatsächlich in chronologischer Reihenfolge, also der Mode folgend, erworben habe, der irrt sich. Helene kaufte quer durch die Kunst der vergangenen achtzig Jahre und erweiterte ihr Spektrum ständig um die neuesten Entwicklungen. Über ihr eklektisches Kaufverhalten gibt in der Ausstellung aber leider nur das Kleingedruckte in Form winziger Beischriften Aufschluss.

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Ebenso eklektisch war die Anordnung der Kunstwerke im Haus. Wie die Interieurfotos beweisen, hatte Helene keinerlei Probleme damit, ihre liebsten chinesischen Porzellanfiguren neben Kopien mittelalterlicher Skulpturen und Gemälden der Haager Schule zu platzieren. Ihr Einrichtungsgeschmack war indes durchaus Modetrends unterworfen und entwickelte sich von der vollgepropften Villa im Stil des 19. Jahrhunderts bis hin zu extravaganten Art-Déco-Interieurs. Als Architekten heuerte sie Hendrik Pietrus Berlage und später Henry van de Velde an, der auch das Kröller-Müller-Museum entwarf.

Denn um 1921 trug die Industriellengattin sich angesichts ihrer ausufernden Sammlung mit der Idee einer Museumsgründung auf ihrem Landgut in der Region Hoge Veluwe. Allerdings machte die Rezession, unter der auch Müller & Co litten, ihr einen Strich durch die Rechnung. Um die Sammlung zu retten, schenkte sie sie 1935 dem Staat - unter der Auflage, dass sie in einem Museum untergebracht würde. 1938 wurde das Kröller-Müller-Museum eröffnet, dessen Direktorin Helene Kröller-Müller höchstpersönlich war. Lange konnte sie ihr Amt aber nicht ausüben, denn sie starb bereits 1939. Nach ihrem Tod wurde ihr Sarg einen Tag lang im Museum aufgestellt, zwischen den Van-Gogh-Gemälden. So befand sich Helene noch ein letztes Mal im Kreise ihrer Lieben.

Alle Rechte beim Urheber. Diese Rezension erschien zuerst in Die Welt.

 

Weitere Informationen

 

Anneke Bokern hält am 19. November 2004 im Rahmen des Symposiums „Sammlerinnen zeitgenössischer Kunst. Von Peggy Guggenheim bis Ingvild Goetz“ im Museum Weserburg einen Vortrag zum Thema "Vom Realismus zum Idealismus. Helene Kröller- Müllers Sammlung zum >Nutzen und Genuss des Gemeinwesens<". Beginn 15.30 Uhr.

Öffnungszeiten:
Dienstag bis sonntag 10-17 Uhr
Montag geschlossen

Eintritt: 12,- €
Kinder 6-12 Jahre: 6,- €
Parkplatz: 6,- €