Ausstellungsbesprechungen

Helene Schjerfbeck, Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, bis 11. Januar 2015

Es ist eine kleine, aber feine, zuweilen schaurig bis schöne Ausstellung, die die Frankfurter Schirn zu Helene Schjerfbeck (1862-1946) präsentiert. Die finnische Künstlerin gelangte mit ihren Selbstporträts und einer vereinfachten, abstrahierten Formensprache zu lokaler Berühmtheit. In Finnland ist sie eine Nationalheldin, die sogar mit einem Münzabbild geehrt wurde. Im restlichen Europa hingegen ist sie eine Unbekannte. Rowena Fuß hat sich ihre Werke besehen.

Ob sie wohl die Landschaft bedrückt hat? Ansonsten ist ihr horrorfilmgleiches Bildnis von 1945 gleich am Eingang nicht zu erklären. Aus verschlissenen schwarzen Höhlen schaut sie den Betrachter an. Die Konturen ihres Antlitz’ sind verwischt zu einem gespenstischen Schemen. Ein Schrei scheint aus dem dunklen Loch zu kommen, das ihr Mund sein soll.

Ganz still ist es jedoch im Ausstellungsraum, wo Schjerfbecks Porträt in Reih und Glied neben anderen inmitten der weißen Wandfläche hängt. Mehr als 85 Gemälde und Arbeiten auf Papier sind es insgesamt.

Ihr Lieblingsmotiv sind Menschen, meist Frauen und Kinder, von denen sie blasse, zarte und leicht kränkelnde oder melancholisch wirkende Wesen bevorzugt. Frühe Studienaufenthalte in Paris, Reisen nach Florenz, St. Petersburg, Wien, in die Bretagne und nach England prägten den künstlerischen Weg. Um die Jahrhundertwende wendet sie sich bewusst von der Nationalromantik nordischer Kollegen wie Gallen-Kallela ab und findet abseits der Kunstszene von Helsinki in ihrer selbst gewählten dörflichen Einsamkeit zu einer neuen Malweise. Sie reduziert ihre aus flächigen Elementen aufgebauten Motive auf das Nötigste und erreicht mit der Konzentration auf das Wesentliche ein Maximum an atmosphärischer Dichte. Trotz einer deutlichen Tendenz zur Abstraktion blieb sie jedoch vornehmlich der figürlichen Malerei verbunden.

Noch einen impressionistischen Duktus trägt »Die Genesende«, die 1889 der damals 27-Jährigen auf der Pariser Weltausstellung die Bronzemedaille einbrachte. Mit breiten Pinselstrichen brachte Schjerfbeck das lichte Motiv eines kleinen blonden Mädchens, das fest eingehüllt in eine Decke im Korbsessel sitzt und versunken einen kleinen Zweig mit sprießenden Blättchen betrachtet, auf die Leinwand.

Doch malte die Künstlerin selten ihre Modelle so, wie sie sie vor sich sah. Schjerfbeck schöpfte in späteren Arbeiten aus einer Bildwelt, die durch die Lektüre von Kunstbüchern und Magazinen geprägt war. So erinnert ihr »Mädchen mit Béret« (1935) an filigrane französische Frauen, die sie aus der Pariser Modezeitschrift Chiffons kannte.

Dass Schjerfbeck ihre eigenen Bilder selbst wiederholt als Vorlage für formale und stilistische Neuinterpretationen verwendete, zeigen Neufassungen von »Die Genesende« (1927 und 1938/1939), denen das eigene Gemälde aus dem Jahr 1888 als Vorlage diente, oder Adaptionen der Werke »Die Näherin« (1905, 1927) sowie » Der Tod des Wilhelm von Schwerin« (1872, 1886, 1927). So ist der tote, auf einem Bett liegende Wilhelm in der letzten Fassung deutlich herangezoomt. Die Konturen des Königs und des neben ihm sitzenden trauernden Soldaten sind ohne Konturlinien. An manchen Stellen fehlt die Farbe und die Leinwand scheint durch. Der begrenzte Einsatz von Farben in den Selbstporträts ab ca. 1915 führt die Künstlerin bisweilen zu einer Art der monochromen Malerei, in welcher Leinwand oder Papier die Funktion des Hintergrunds übernehmen. Womit wir wieder bei der Horrorvision vom Anfang wären. Schonungslos legt Schjerfbeck den Verfall des eigenen Körpers offen. Nur mit Mühe erkennt man in dem deformierten, grünstichigen Gebilde mit schwarzen Höhlen statt Mund und Augen, das daneben hängt und den Titel »Selbstbildnis. Licht und Schatten« (1945) trägt, ein Gesicht, welches durch eine Lichtquelle links vom Rand partiell erhellt wird.