Buchrezensionen, Rezensionen

Helga Behn: Herzlich, ihr Max. Künstlerpost aus den Beständen des ZADIK, Verlag für moderne Kunst 2010

Das Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels ZADIK in Köln ist in seiner Form in Deutschland und der Welt sicherlich eine einmalige Angelegenheit. Gegründet 1992 von dem Galeristen und Begründer der Art Cologne Hein Stünke, sammelt es aus den Beständen der Galerien und Kunsteinrichtungen mit dem Ziel, die Verbindungen zwischen den einzelnen Akteuren auf dem Markt, den Sammlern, Künstlern und den Galeristen der Forschung zugänglich zu machen. Während der Kunstmarkt an sich von außen schon relativ gut erforscht ist und auch die Presse über die teilweise gleich einer Aktie verlaufenden Kursschwankungen einzelner Künstler und Werke berichtet, ist ein großer Bestandteil des Sammelkomplexes bisher außen vor geblieben: die Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Galeristen. Jan Hillgärtner hat für PKG ein Buch des ZADIK gesichtet, das sich eben diesem Thema widmet.

Verfolgt man die Berichterstattung in der Presse, so scheint sich ein zweischneidiges Bild vom Künstler in der heutigen Welt abzuzeichnen. Entweder ist er erfolgreich und auf Auktionen werden Unsummen für seine Arbeiten bezahlt oder er gehört zu der großen Masse an Kreativen, die mit allen Mitteln um mediale Aufmerksamkeit buhlen und sich davon Ausstellungsmöglichkeiten erhoffen. Einen Mittelweg dazwischen scheint es nicht zu geben. Dabei genügt der gesunde Menschenverstand um zu spüren, dass das kein vollständiges Bild der Realität sein kann. Im Verlag für moderne Kunst ist der Katalog zu einer Ausstellung des ZADIK erschienen, der genau das unterstreicht, indem er einen Blick hinter die Kulissen wirft und aus den Galeriearchiven Dokumente hervorzieht, die die Künstler als das darstellen, was sie sind, als kreative Köpfe.

Da ist zum Beispiel das Schwergewicht der Nachkriegskunst Joseph Beuys. Von dem 1986 in Düsseldorf verstorbenen Künstler haben sich zwar durch die Galerie Parnass und Rochus Kowallek, den Sammler Wolfgang Hahn und dem Kunstkritiker Heiner Stachelhaus nur wenige Postkarten und Briefe erhalten, sie zeigen jedoch das Bild eines Menschen, dem es einfach um den künstlerischen Ausdruck ging und der seine Kunst nicht unter dem Aspekt der kommerziellen Verwertbarkeit produzierte. Obwohl der Ruhm und die finanziellen Meriten ihn nicht erst postum erreichten, sondern auch schon in seiner besten Zeit, den späten 60er und frühen 70er Jahren für Beuys deutlich spürbar waren, hat er in dieser Zeit keinerlei enge Besitzansprüche an sein Werk erhoben. Ein in feiner Sütterlinschrift geschriebener Brief an den Galeristen zeigt im stakkatohaften Stil die Auffassung des Künstlers: »Lieber Rochus! Bazon kann TV von mir haben (von Dir kaufen) ich benötige kein Geld Herzliche Grüße Dein Joseph«. Helga Behn, Herausgeberin des Katalogs, bestimmt diese Großzügigkeit, mit der Beuys den Claim an einem seiner Kunstwerke an Kowallek abtritt, der es darauf hin an Bazon Brock verkaufen sollte, als »typischen Wesenszug von Beuys«. Leider bleibt in dieser Konversation unklar, um welches Werk es sich genau handelt. Beuys hat sich bekanntermaßen oft mit dem Fernseher beschäftigt und Behn bleibt an dieser Stelle, wohl aufgrund der schlechten Quellenlage, ungenau in ihrer Vermutung, es könne sich um das 1968 angefertigte Filz-TV Gerät handeln, angefertigt für die Ausstellung „Media“ in Frankfurt.

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Zwischen Künstler und Galeristen kann aber auch ein ambivalentes Verhältnis aufgebaut werden, dafür ist Dieter Roth ein gutes Beispiel. Der Schweizer Künstler, dessen Hauptwerk zwischen der Konkreten Poesie und der Aktions- und Objektkunst immer wieder hin- und her schwingt, hat zu seinem Kölner Galeristen Rudolf Zwirner, zumindest aus seiner Perspektive, ein inniges Verhältnis, hat er ihn doch in den Briefen in seine Familie mehr oder weniger eingeschlossen. Allerdings war dieses Verhältnis eben nur streckenweise ein freundschaftliches und nie ein entspanntes. Aus den abgedruckten Briefen, in denen Roth seinen Galeristen einen »anti-beamten« und »beamtenfresser« nennt, lässt sich die Schaffensweise Roths rekonstruieren. Aus seiner Zeit in den USA schickt Roth seine Drucke aus den USA mit dem lakonischen Kommentar »ich kann die dinger nicht mehr sehn, […] die kannst du doch verhacken(?)! [gemeint ist: verkaufen] und dann ueberlasse ich dir noch meinen hut auf gelbem grund«. Bei den besagten Hüten handelt es sich um eine Druckserie, von Roth in Providence angefertigt. Zusammen mit dem Brief rollt Roth die Drucke zusammen und schickt sie nach Deutschland. Dort angekommen sind die obersten 15 Blätter zerrissen. Diese Leichtsinnigkeit ist umso unverständlicher, wenn man bedenkt, dass Roth im Gegensatz zu Beuys zeitweise unter großem finanziellen Druck stand, hatte er doch eine geschiedene Frau und Kinder in Island zu versorgen. Zwirners Reaktion darauf war das Bezahlen Roths mit einem zerrissenen 1000-DM Schein. Roths scheinbare Sorglosigkeit findet eine im Nachhinein nicht nur durch Zwirner veranlasste ironische Brechung, auch der Brief selbst ist in sich nicht ganz konsequent. So locker wie er daher kommt, auf leicht verblasstem Papier mit einer Schreibmaschine geschrieben, so viel verrät er doch auch über den Verfasser selbst. »DITER ROT«, wie er sich selbst nennt, verwendet eine konsequente Kleinschreibung, die dem Brief einen laxen Charakter verleiht. Im starken Kontrast zu diesem Konzept steht die sorgfältig erstellte Übersicht der beigefügten Drucke. Dass sie lieblos auf ihre lange Reise geschickt und halb zerstört ankamen, kommentiert Roth nach Auskunft von Zwirner nur mit der Aussage, das gehöre so zum Werk dazu.

Das sorgfältig erstellte Buch, das jedem Brief auch eine Transkription beigibt, wird abgerundet durch eine kurze Einleitung in das Werk der jeweiligen Künstler. Häufig fällt den Künstlern die enge Abgrenzung zwischen der Kunst und der schriftlichen Kommunikation schwer, mit interessanten Ergebnissen für den Leser. Bei Thomas Schmidt etwa gehen Kunst und die Übermittlung einer Nachricht Hand in Hand. Er gestaltet eine Postkarte, auf der eine Frau in schlafender Pose in einem Sportwagen abgebildet ist, wie das Negativ eines mittelalterlichen oder barocken Figurengedichts. Die Schrift schließt bündig mit den Konturen des Wagens ab und ist nur in hochkanter Position klar zu lesen.

Besonders hervorgehoben sind einzelne Sammler und Galeristen, die für den Künstler eine herausragende Stellung hatten. Es entsteht so ein Bild, das Kunst und Kommerz, Anspruch und Wirklichkeit der Arbeit des ZADIK in einer interessanten Weise widerspiegelt und Lust auf die Ausstellung machen.