Ausstellungsbesprechungen

Helmut Newton, Kunsthaus Apolda Avantgarde, bis 27. März 2011

Wenn man sich mit Helmut Newton beschäftigt, fliegen einem gleich die Labels „Sexismus“, „Rassismus“ und „Diskriminierung der Frau“ um die Ohren. Wie wenig sie tatsächlich auf seine Fotografien passen, können Besucher nun in Apolda erfahren. Rowena Fuß hat schon einmal einen ausgiebigen Blick in die FSK-freie Ausstellung geworfen.

Die Provokation gehörte seit jeher zur Arbeitsweise Newtons, der auch in seinen Auftragswerken für die Vogue, Elle u.v.m. stets an die Grenze des Gewohnten führte. In seinen Bildern hat Newton von vornherein die sichtbare Welt als Gespinst der Imagination vergegenwärtigt, als Projektion und nicht in der Gestalt wie sie angeblich ist. Mit seiner Kamera hielt er das fragile Netzwerk aus Vorstellungen, Träumen, Sehnsüchten und Ängsten fest, in denen sich die empirische Realität vielfach bricht und sich erst in der Verzerrung zu erkennen gibt.

Einen raffinierten Kommentar zur eigenen Arbeit stellt der scheinbare Schnappschuss »Me & Courbet« im Raum „Fetisch & Obsession“ dar, der Newton von schräg oben vor dem berühmten Gemälde »Ursprung der Welt« (1866) von Gustave Courbet zeigt. Bereits hier ergibt sich mit der Doppeldeutigkeit des weiblichen Geschlechtsorgans als Objekt der sexuellen Begierde und als Ausgang der Geburt, nachdem der Mensch erst die Welt um sich erfahren kann, ein Verweis auf die Intention des Newtonschen Schaffens. Folglich könnte man seine Fotografien als eine Hommage an die Weiblichkeit mit all ihren „Fetischen“ und Stärken, zu der auch die selbstbewusste Präsentation des eigenen unbekleideten Körpers gehört, lesen.

So gibt es beispielsweise die »Domestic Nude«-Frau, die nackt in hochhakigen Schuhen lässig eine Zigarette in ihrer 50er Jahre-Küche raucht. Durch diesen selbstbewussten Auftritt irritiert sie den Betrachter, der hier eine Frau in ihrer traditionellen Rolle am Herd erwartet wie man es heute noch von alten Werbeplakaten für Haushaltsgeräte kennt.

Einen Schritt weiter geht Newton in seiner Serie der »Big Nudes«, die durch lebensgroße Fahndungsfotos von Mitgliedern der Baader-Meinhof-Gruppe angeregt wurden. Ein Beispiel ist das Foto des Modells Yuko, die nur mit schwarzen Armeestiefeln bekleidet abgelichtet wurde. Wenn man so davor steht, ist es ein recht merkwürdiges Fahndungsfoto, denn man scheint an der selbstbewusst präsentierten Nacktheit schier abzuprallen. Überdeutlich wird dieser Effekt an der Fotografie »Kristen McMenamy, Monte Carlo 1990«, die direkt gegenüber vom Eingang zum ersten Ausstellungsraum hängt. Newton hat den Betrachter durch den Blick dieser selbstbewussten Menschen fixiert und sie damit zugleich vor jeder Form der Ausforschung durch den Besucher gewappnet.

Eher witzig wirken dagegen die Fotografien von Verrina und Una aus der Big Nudes-Serie, die in Heldenposen fotografiert wurden. Verrina erinnert hierbei tatsächlich an die Superwoman aus den Comics, Una dagegen an eine mit allen Wassern gewaschene 50er Jahre-Küchen- und Familienheldin.

Die Abgründe des Alltäglichen, die bei mir ein befremdendes Gefühl ausgelöst haben, stellen Newtons »Cyberwomen«, die im selben Raum ausgestellt sind, her. So zum Beispiel bei einer Frau, die mit einer Waffe auf den Teppich liegend in Richtung eines nicht näher erkennbaren Mannes, der im Sessel sitzt, zielt und somit einen spielerischen Todesschuss auf das Männliche abgibt. Ein weiteres Beispiel ist die Fotografie eines nackten „Opfers“ auf der Straße, was unwillkürlich an ein Gewaltverbrechen erinnert.

Im Gegensatz dazu stehen die Bilder der Haute Bourgeoisie unten im Erdgeschoss, die z.B. eine Frau mit Pelz, High-Heels und Löwenmähne zeigen oder eine Frau mit Sonnenbrille an einem palmenbesetzten Swimming-Pool.

So stellt Newton wie kaum ein anderer Fotograf, bildender Künstler oder Filmer den Betrachter auf die Probe bezüglich seiner Wahrnehmung. Bei aller Vielschichtigkeit in den Fotografien erscheint mir eines jedoch klar: Die Wörter „sexistisch“, „rassistisch“ und „diskriminierend“ gehören ganz sicher nicht zum Vokabular von Newtons Arbeiten.