Buchrezensionen, Rezensionen

Herbert Distel: Das Schubladenmuseum 1970-1977. Fünfhundert Kunstwerke der Moderne, Verlag Scheidegger & Spiess 2011

Ein Musterkoffer, ein Sperrmüllmöbelstück, eine zündende Idee, abenteuerliche Atelierbesuche bei den grauen Eminenzen der klassischen Moderne und eine erstaunliche Kunstsammlung: Endlich ist der seit 1978 längst vergriffene Katalog über das »Schubladenmuseum« von dem Schweizer Künstler Herbert Distel wieder greifbar. Sonja Lüke hat sich das Kleinod angesehen.

Wolkenkratzer sind seit jeher Objekte der Schaulust: Tom Wolfes »From Bauhaus to our House«, Jacques Tatis »Playtime« oder Andreas Gurskys »Mayday V«, sie alle persiflieren den (unfreiwilligen) Ausstellungscharakter moderner Hochhäuser, in denen sich der Bewohner oder Angestellte irgendwie selbst als Ausstellungsstück wiederfindet. Der Künstler Herbert Distel hat den Architektur(alp)traum aufgegriffen — den aktuell auch die Architekten der Berliner Vorzeigebauten in Mitte und am Potsdamer Platz in ihren Glasverschachtelungen weiterträumen. Das Topfpflanzen- und Behelfsgardinenverbot setzt Distel dabei konsequent um: Er nutzt den Schaufensterturm einfach in seiner ureigentlichen Funktion als ideales Ausstellungsambiente, als White Cube, 500 Ausstellungsräume bietend.

Seine Hochhausutopie ist Distel 1969 in Form eines Schubladenmöbels für Nähseidenspülchen begegnet. 1969 entstand auch das Gerücht, die Mondlandung sei gefaked, nichts weiter als ein Trickfilm. Vermutlich ist es Distels ausgeprägtem Sinn für solcherlei Fernseh- und Zeitungsberichte zu verdanken, dass er in dem Möbelstück sofort einen 20 Etagen hohen Wolkenkratzer sah. Sein Kunstprojekt davor — »Projekt Canaris«, ein Ei auf der Atlantiküberquerung — lebte von der Aufmerksamkeit, die die Massenmedien der Aktion sieben Monate lang gewidmet haben. Ganz im Sinne von Mc Luhans "The Medium is the Message" versteht Distel ein Museum als Medium. Ein echtes Hochhaus oder ein Miniaturmodell, worin liegt der Unterschied? Zumindest im Fernsehen gibt es keinen. Alles wird letztlicheine Frage des Kamerazooms, der fotografischen oder filmischen Inszenierung. Die Relativität von Größen macht ein Hochhaus ohnehin so wunderbar augenfällig, dass man es selbst als Sehmaschine bezeichnen könnte: Das gigantische Bauwerk verkleinert alles in ein winziges, puppenhausähnliches Ambiente. Denselben Schrumpfungsprozess erfahren auch die Originale aus Distels Kunstsammlung.

Fortsetzung von Seite 1

Wer ein Quäntchen seiner kindlichen Sammelfreude bewahren konnte, muss begeistert darüber sein, was Distel aus seinem Zufallsfund, seinem Readymade, gemacht hat: Eine große Werkschau der (Post-)Moderne! Andy Warhol, Oskar Kokoschka, John Baldessari, Lucio Fontana, A. R. Penck, Sigmar Polke, Nam June Paik, Niki de Saint Phalle, Gerhard Richter, Yves Klein, Jean Tinguely, Katharina Sieverding, Dan Graham, George Segal, Mario Merz, Robert Indiana, Valie Export, Rebecca Horn, John Cage, Christo, Bernd und Hilla Becher, Lothar Baumgarten — es fällt schwer, eine Auswahl zu nennen, insgesamt 508 namhafte Künstler konnte Distel für sein Miniaturmuseum gewinnen. Auch prägende Vorläufer der damaligen internationalen Kunstszene wie Marcel Duchamp, Meret Oppenheim, Hannah Höch, Pablo Picasso und Joseph Beuys sind mit einem Werk vertreten. Das Museum steht auf dem 501. Werk, dem Metallsockel von Ed Kienholz. Jedes Kunstobjekt ist aus anderen Materialien gefertigt: Papier, Leinwand, Fotografie, Stoff, Holz, Glas, Kunststoff oder Metall. Nicht alle sind für eine Langzeiterhaltung geeignet, was ebenfalls idealtypisch für das Kunstschaffen im 20. Jahrhundert ist. Es sind allesamt Originale. Originale, die neugierig machen. Welche Idee präsentiert etwa Robert Smithson oder Eduardo Chillida, Künstler, deren Gestaltungskonzept auf monumentalen Räumen beruht, wenn sie mit einem nicht einmal puppenhausgroßen Ausstellungsraum von 43 mm mal 57 mm mal 48mm konfrontiert sind?

Ein Musterkoffer gehört grundlegend zur Hochhausutopie. Herbert Distel hat sich das zu Herzen genommen, hat eine der Etagen seines Museumsgebäudes, 25 Räume umfassend, in einen Vertreterkoffer gepackt und hat sich damit auf die Reise zu den weltweit verstreuten Ateliers begeben. Viele der Rauminstallationen sind also vor Ort vom Künstler selbst gestaltet worden. Dem Mobilitätsideal der modernen Welt kommt das Museumskonzept überhaupt sehr entgegen: heutzutage reist nicht der Betrachter zur Kunst, sondern umgekehrt. Nach seiner ersten Präsentation als work in progress auf der documenta 5 (1972) sorgte das Schubladenmuseum international für Furore. Es wurde mehrfach in New York gezeigt (u.a. 1999 im MoMA), reiste durch unzählige Museen der Welt und fand schließlich im Kunsthaus Zürich sein Zuhause. Nun ist das Schubladenmuseum restauriert worden, es wird neu ausgestellt und geht dann erneut auf Weltreise.

Im Katalog findet die Rückverwandlung der Miniatur statt — eine gewollte Ironie der Geschichte. Zwar sind alle fünfhundert Werke und alle fünfhundert Ausstellungsräume in Originalgröße abgebildet, selbstverständlich aber ist der moderne Betrachter Zoomeffekte derart gewohnt, dass er die Abbildungen ganz ungewollt und intuitiv für die (üblicherweise immer verkleinerten) Originale eines Museumskataloges hält. Beim Durchblättern des Kataloges vergisst man daher fast, dass das Museum gerade einmal 1,86 Meter misst und damit wohl kleiner ist als mancher hochgewachsene Besucher. In Text und Bild wird die spannende Entstehungsgeschichte erzählt.