Buchrezensionen, Rezensionen

Hermann Gerlinger/Katja Schneider (Hg.): Wort wird Bild. Illustrationen der Brücke-Maler, Stiftung Moritzburg 2012

Die Brücke-Maler haben eine Fülle von Illustrationen und grafischen Bildzyklen hervorgebracht, mit denen die Künstler Werke der Literatur illustrierten und deuteten. Günter Baumann hat sich den Katalog zur jüngst vergangenen Schau in Halle (Saale) angeschaut.

Den Brücke-Künstlern haftet – man muss es fast mit dem zwiespältigen Begriff verbinden – das Verdienst an, die Sicht auf die Welt und die Menschen und Dinge, die sich darin finden, mit einer gewissen Wildheit umgekrempelt zu haben. Dies führte dazu, dass hinter der gestischen Malerei und dem grobschlächtigen Holzschnitt, die den Ruf der Künstlergemeinschaft begründet haben, der Blick auf traditionelle und formale Gebundenheit übersehen wurde. Oftmals ausgerechnet als Architekten ausgebildet, darf man den Brücke-Malern einen tektonischen Sinn für den Bildaufbau unterstellen, und auch der bildungsbeflissene Kunstfreund staunt über die intensive und einfühlsame Auseinandersetzung mit der Literatur.

Das wohl bekannteste – und vielleicht auch schönste – illustrierte Buch des Expressionismus überhaupt ist »Umbra vitae« mit den nachgelassenen Gedichten des genialen, aber sehr früh gestorbenen Lyrikers Georg Heym, gestaltet von Ernst Ludwig Kirchner. Es wurde 2009 in einem perfekten Reprint herausgegeben. Das Begleitheft enthält Texte von Gunter Martens und Anita Beloubek-Hammer, die im vorliegenden Almanach Kirchners Bilder zur Literatur unter die Lupe genommen hat. Nicht alle diese Illustrationen näherten sich gleichermaßen einem Gesamtkunstwerk wie die assoziativ reiche Heym-Arbeit an, doch zeigt sich eine interessante Auswahl an literarischen Schmuckstücken, die auch Kirchners Werdegang von der symbolistischen Inspiration zum reinsten Expressionismus beschreibt: insbesondere der Zeitgenosse Alfred Döblin hat es ihm angetan – zu »Comtess Mizzi« und »Das Stiftsfräulein und der Tod« gibt es Arbeiten Kirchners – , dazu kommen heute vergessene Titel wie Edwin Redslobs Theaterstück »Die neue Stadt« oder Jakob Bossharts »Neben der Heerstraße«.

Kirchner griff allerdings auch in den Fundus der Weltliteratur: »Peter von Schlehmils wundersame Geschichte« von Albert von Chamisso hatte er genauso in seinem Portfolio wie auch das grandiose Kalidasa-Drama »Sakuntala«. Über diesen indischen Klassiker berichtet Günther Gercken, der auch den einführenden Essay zum Almanach verfasst hat: »Der Expressionismus hat eine Fülle von Illustrationen und graphischen Bildzyklen hervorgebracht,mit denen die Künstler Werke der Dichtkunst auf ihre Weise bebilderten und in die ausdrucksvolle Sprache besonders des Holzschnitts transformierten. Durch das Bekenntnishafte und Wirkungsmächtige ihrer Kunst haben sie den Begriff der Illustration … gesprengt«. Das ist natürlich korrekt. Vom Fokus des Bandes aus gesehen, hätte man die explosive Kraft auf Ernst Ludwig Kirchner beschränken können. Nicht ganz ohne Grund, denn kein anderer hat so konsequent Schrift (Literatur, besonders im Titel) und Bild (als ergänzenden Inhalt) vereint. Ihm allein sind vier Beiträge gewidmet – neben Beloubek-Hammer und Gercken schreiben auch Meike Hoffmann und Karin Schick über diesen Brücke-Hauptmeister. Es ist dabei anrührend, dass sogar die »Struwwelpeter«-Kritzeleien des fast Sechsjährigen ihre intensive Würdigung finden.

Trotz der Gewichtung darf man freilich nicht die verbleibenden drei Aufsätze unterschlagen: Andreas Hüneke schreibt über die hochinteressante Bandbreite von Erich Heckel – »Von Dostojewski zu Jean Paul und Stefan George« (gerne hätte man das beschriebene Ringen um die Figur des modernen, selbsternannten Seherdichters George als Referenzwerke auch abgebildet gesehen, sind doch im Fall Kirchners Dichterbildnisse durchaus den illustrativen Arbeiten hinzugefügt) – ; Fritz Schlawe kümmert sich um »Karl Schmidt-Rottluffs Illustrationen zu ›Das Spiel Christa vom Schmerz der Schönheit des Weibes‹ von Alfred Brust«, Aya Soika um »Max Pechstein und die Literatur«, worunter sich wunderbar feinsinnige Lithographien und Radierungen versammeln. Das Illustrationswerk der Brücke wurde noch nie so umfangreich dokumentiert. Die Almanach-Reihe wird von Hermann Gerlinger selbst und Katja Schneider herausgegeben und soll im Zweijahresrhythmus bislang vernachlässigte Themen in der Expressionismus-Forschung hervorheben. Der 2009 erschienene erste Band befasste sich mit der Brücke und ihrem Nachwirken.

Weitere Informationen

Der Titel kann über den Museumsladen der Stiftung Moritzburg erworben werden.