Buchrezensionen, Rezensionen

Hermann Glaser: Hinterm Zaun das Paradies. Illustrierte Ideengeschichte des Gartens, Parthas Verlag 2010

Der Garten ist seit jeher ein Ort der Zerstreuung und Idylle, ein Miniatur-Paradies, das die große Welt und eventuelles Unheil ausklammert — ob als Urbild im Garten Eden, als Nutzgarten der ersten Ackerbauern, in den Klostergärten des Mittelalters und den Schlossgärten und Parkanlagen des Adels bis hin zum bürgerlichen Laubenidyll und der Gartenzwergästhetik des zeitgenössischen Kleinbürgers. Walter Kayser hat sich mit der Ideengeschichte des Gartens auseinander gesetzt.

Wenn man sich in Buchhandlungen umschaut oder auch im Zahnarztwartezimmer mit dem Sichten der ausliegenden Zeitschriften eine aufkommende Beklommenheit zu zerstreuen sucht, gewinnt man den folgenden Eindruck: Garten geht immer. Unsere Sehnsucht nach dem Paradies en miniature, nach der hinter Zäunen und Mauern verschanzten Idylle, die nichts von Kriegen und Katastrophen weiß, ist wohl unendlich groß.

Ähnliches gilt für Bücher. Auch sie befriedigen Sehnsüchte und entführen in Scheinwelten, auch sie dienen der Kontemplation und Besinnung auf die wirklich wesentlichen Dinge im Leben. In der Einleitung zu seiner »Illustrierten Ideengeschichte des Gartens« (so der Untertitel) erinnert Hermann Glaser an das arabische Sprichwort »Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt«, um dann die Allegorie umzudrehen: »Ein Garten ist wie ein Buch. Je nach Zeit und Zeitgeist sind Lese-Sinn und Lese-Zweck unterschiedlich«.

Entsprechend ist das, was er dann auf 150 Seiten anbietet, ein Spaziergang durch das Blütenmeer seiner reichen Lesefrüchte. Es geht natürlich um den Garten Eden als Ursymbol, um den mythischen Traum von der aurea aetas, um die diversen zivilisatorischen Gegenutopien mit unverdorbenen „Wilden“, um Arkadien und Italien, die Schäferspiele der Anakreontik und die Freikörpervorlieben auf dem Monte Veritá. Vom sanften Gesetz eines Stifter ist es für Hermann Glaser nicht weit zur Gartenlaube und dem Schrebergärtchen mit Gartenzwergen.

Glasers Ausführungen sind anregend und vielseitig, doch die Wege durch diesen Ideengarten sind gelegentlich recht verschlungen und zugewuchert. Allzu bunt und allzu üppig ranken die Blüten einer jahrzehntelangen Lektüreerfahrung, die aus Glasers Botanisiertrommel geschüttelt werden.

Fortsetzung von Seite 1

Nach einem reichen Leben als Kulturbeauftragter seiner Heimatstadt Nürnberg, einigen Honorarprofessuren und etlichen kulturgeschichtlichen Veröffentlichungen breitet Glaser aus, was sein Zettelkasten an gesammelten Stimmen so hergibt. Damit der Leser überhaupt einen Überblick behält beim Defilee der Geistesgrößen, die sich irgendwann zum Thema Garten oder zu dem, was sich irgendwie damit verknüpfen lässt, geäußert haben, sind ihre Namen in Grün im dreispaltigen Druckbild hervorgehoben. Zu dieser Kompilationstechnik passt es auch, dass Glaser häufig ausufernd zitiert und zwischen Primärquellen und wissenschaftlichen Äußerungen so gut wie gar nicht unterscheidet. Da der Verfasser von Haus aus Philologe und kein Kunsthistoriker ist, sind ungewöhnliche literarische Entdeckungen garantiert.

Von einer Kultur- oder Ideengeschichte sollte man erwarten dürfen, dass sie eigentlich mit einer chronologischen Ordnung als Richtschnur aufwartet. - Diese nicht. Der Verfasser umkreist stattdessen sein Thema wie ein Raubvogel das Feld, auf dem er seine Beute sichtet: Er lässt sich von Aufwinden leiten und gleiten, gewinnt somit immer mehr an Höhe und Überblick, um sich dann seinem Ziel in konzentrischen Schleifen aus einem vorwiegend motivisch-ikonografischem Blickwinkel zu nähern. Vielleicht ist die so entstehende Unübersichtlichkeit durchaus kalkuliert, in jedem Fall führt sie ins in poetisch-funkelnde Metapherndickicht, zu Bonmots und Stilblüten und manchmal auch in jene Gefilde der Beliebigkeit, für welche die Gattungspoetik den stets geeigneten Begriff Essay bereithält. Folglich ist von der »geschnörkelten Lobpreisung« oder vom »Furchendasein mit Sphärenflug« die Rede, — kryptische Überschriften, die sich zwar beim intensiven Erlesen erschließen, aber auch dann noch etwas gespreizt wirken.

Andere Formulierungen zeichnet das aus, was man im besten Sinn einen feuilletonistischen Stil nennt: prägnant zugespitzte Ausführungen, kontrastiv arrangiert, eine harte Fügung von langen Zitaten, eine durchaus zupackende, subjektive Bewertung — und gerade deshalb auch anregend und gut verdaulich.
Da Glaser jedem stilgeschichtlichen Korsett abgeneigt ist, setzt er auf das Pottpourri an Ideen und wechselnden Aspekten, auf ungewöhnliche Zusammenhänge. Sein Kulturbegriff kennt mithin keine Trennung in „hohe Kunst“ und gesellschaftliche Trends und setzt immer wieder sozialgeschichtlich an.
Das Buch ist preiswert, ein deutliches Manko betrifft dennoch die Kombination von Text und Bild. Die zahlreichen Abbildungen sind bloß illustrativ, soll heißen: Glaser versäumt es, sie einzubinden in seinen Gedankenflug. Sie stehen verloren am Rande und der Bezug zum Text erscheint mehr als vage. Außerdem sind die Abbildungen zu klein und, was ihre Reproduktionsqualität angeht, nicht selten so sulzig und verschwommen wie auf billigen Abreißkalendern.

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