Buchrezensionen, Rezensionen

Hermann Hesse/Hans Purrmann: Briefe 1945-1965, hrsg. v. Eva Zimmermann u. Felix Billeter, Edition A.B. Fischer 2012

Fast zwanzig Jahre waren sie Nachbarn und wurden bald Freunde, der Schriftsteller und Nobelpreisträger Hermann Hesse und der vielgereiste Maler Hans Purrmann. Ein Kleinod im Hesse-Jahr unter den vielen Publikationen zu dem weltweit meist gelesenem deutschen Schriftsteller ist das Buch über die Korrespondenz der beiden, findet Ute Strimmer.

Kaum bekannt ist, dass der deutsche Literatur-Superstar Hermann Hesse und Hans Purrmann, der wichtige Protagonist der Malerei des 20. Jahrhunderts und Leiter der bekannten Künstler-Institution Villa Romana in Florenz, befreundet waren. Kennen gelernt hatten sich die Künstler in Montagnola am Luganer See. Denn beiden diente die Schweiz während des Nationalsozialismus als neue Heimat. Obwohl Hesse und Purrmann nur einen Katzensprung voneinander entfernt wohnten und sich auch besuchten, schrieben sie sich knapp zwanzig Jahre fleißig Briefe, die erstmals in dem jüngst erschienenen Buch »Hermann Hesse Hans Purrmann« veröffentlicht sind. Anhand der Korrespondenz zeigen die Herausgeber Eva Zimmermann und Felix Billeter, wie sich die beiden Künstler mit ihren Schreiben die große weite Welt in die verschlafenen Tessiner Berge holten. So teilte Hermann Hesse im Winter 1945 mit: »Lieber Herr Prof. Purrmann, ein Buchhändler in Florenz (...), schrieb mir soeben am Schluss eines Briefes folgende Zeilen: Sollten Sie Prof. Purrmann sehen, so wollen Sie ihm sagen, dass sein Freund, der Maler Eduard Bergheer mit uns in Florenz geblieben ist. Es geht ihm gut. Man kann ihn über meine Adresse erreichen, da er fast täglich in unserem Hause ist. Bergheer hat sehr feine Zeichnungen zu dem Kinderbuch Pinocchio gemacht, das Buch wird beim Verlag Sansoni erscheinen. Das wollte ich Ihnen mitteilen. Herzliche Grüße von Ihrem H. Hesse«.

Im Laufe der Jahre wurden aus den Nachbarn Freunde. Dennoch begegneten sie sich in der schriftlichen Form mit sehr viel Respekt, wie die höflichen Anreden der beiden zeigen. Bei der Grußformel „Lieber Herr und Freund“ war zum Beispiel für Hermann Hesse der bedeutende Schweizer Renaissance-Forscher Jakob Burckhardt (1818-1897) Vorbild, der diese Anrede in seinen Briefen gewählt hatte. »Zwischen Hermann Hesse und Hans Purrmann dominierte zu Beginn ihrer Bekanntschaft vermutlich die Freude am gegenseitigen Gedankenaustausch, am klugen, kenntnisreichen und unterhaltsamen Gespräch, doch wuchsen Sympathie und Zuneigung über konventionelle Geselligkeit hinaus, soweit dies im Alter und zwischen zwei eigenwilligen Charakteren möglich ist«, erklärt die Literaturwissenschaftlerin Eva Zimmermann. Als Herrmann Hesse 1946 den Literaturnobelpreis verliehen bekommt, dürfen natürlich Zeilen von Hans Purrmann nicht fehlen: »Lieber verehrter Herr Hesse! Ihr bewunderungswürdiges Werk so gekrönt zu sehen, ist mir ein wunderbares Geschehen, so dass ich wieder Hoffnung fasse und wieder mehr an unsere Zeit zu glauben geneigt bin. Gerade in diesen Tagen habe ich Ihr Buch ›Krieg und Frieden‹ gelesen, Sie waren so freundlich, es mir senden zu lassen, und ich sage Ihnen noch meinen herzlichsten Dank dafür. Was Sie da, und schon vor langer Zeit sagten, übertönt alles an Schönheit und Weisheit, was in der so finsteren Zeit jemals gesagt wurde. Wenn Ihre Worte auch überschrien werden konnten, so machte es uns alle zu Leidtragenden, und nie wird es zu spät sein, Einkehr zu halten.«

Wie sehr sich Hans Purrmann und Hermann Hesse schätzten, zeigen auch Präsente, die sich die Künstler gegenseitig überbrachten. So schenkte Purrmann dem Schriftsteller zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 1952 ein Gemälde mit dem berühmten »Hesse-Zimmer in der Casa Camuzzi«. Der Schriftsteller dagegen widmete dem Freund das Gedicht »Alter Maler in der Werkstatt«. 1953 druckte es die Neue Zürcher Zeitung ab. Purrmanns Kunst lobte Hesse darüber hinaus mit folgenden Worten: »Ihr Werk hat ja nicht nur seinen ehrenvollen Platz in der Stilgeschichte der Malerei, es ist auch der Ausdruck einer unentwegten Lebensbejahung«. Die Korrespondenz der beiden zeigt große Anteilnahme am Leben des anderen. So kondoliert Hesse seinem Künstlerkollegen, als Henri Matisse, Purrmanns großer Lehrer und Freund, im November 1954 starb, wie Felix Billeter, Leiter des Münchner Hans-Purrmann-Archivs, in seinem Essay ausführt. Für die zwei Künstler ist die Briefform das ideale Kommunikationsmittel. Denn Fernsprechern stand Hermann Hesse wohl noch kritisch gegenüber: »Das mit dem Telefon ist etwas rätselhaft«, schrieb er seinem Nachbarn 1961. Dass nicht nur Hermann Hesse sondern auch Hans Purrmann ein »Meister im Schreiben« (Kasimir Edschmid) war, beweisen auch die beiden Texte über »Stillleben und Landschaften« und »Die Einheit des Kunstwerkes«, die Anschluss an die akribisch kommentierten Briefe abgedruckt sind.

Fazit: Die Publikation ist eine absolut lesenswerte Lektüre, für jeden Hesse-Fan und für alle, die die leuchtenden und farbintensiven Bilder von Hans Purrmann lieben. Ihr Briefwechsel lässt die tiefe Verehrung erkennen, die die beiden großen Künstler füreinander empfanden.